Wundermoment

Es ist nicht lange her, da entdeckte ich bei meinem Spaziergang einen kleinen Park, gar nicht weit von daheim. Er ist weder besonders fein noch verwunschen, und doch eine der grünen Oasen Hamburgs, die diese Stadt für mich so liebenswert machen.

Links des überschaubaren Weges steht eine sehr große Platane, der ich aufgrund der Dicke ihres Stamms ein hohes Alter zuschreiben möchte, obwohl ich nicht geringste Ahnung habe, ob das korreliert. Ich stand vor dieser Platane mit Ehrfurcht, fragte mich spontan wie viele Sommer und Winter sie schon hat kommen sehen. Ob sie die Geräusche von Bomben ebenso kennt, wie die Geräusche von Wind und Sturm und vergnügten Kindern. Auf wie viele Pärchen hat sie geblickt? Wie viele Gespräche verfolgt, Nester beherbergt, Blätter getragen und abgeworfen? Was alles steckt in diesem Stamm? Diesen Zweigen?

Es war ein wundervoller Moment, im exakten Wortsinn. Ich wundere mich oft. Staune. Bin beeindruckt von dem, was da einfach so vor meiner Nase lebt, gedeiht, da ist. Es spielt keine Rolle, dass ich fehlendes Wissen mit einem Googleklick beseitigen könnte. Es spielt keine Rolle, dass irgendwer irgendwann einmal erforscht hat, wie all das funktioniert und sich zusammensetzt. Denn selbst dieses Wissen ist für mich ein Wunder.

Ich hatte für kurze Zeit einen Chemielehrer, der Augen und Herz für unsere täglichen Wunder hatte und seinen naturwissenschaftlichen Stoff genau so zu vermitteln wusste. Es gab nichts Selbstverständliches. Mit jedem Augenaufschlag am Morgen begann für ihn (so wie inzwischen für mich) das Leben in einem Umfeld voller Unglaublichkeiten. Dass er die Dinge erklären konnte, machte sie für ihn nicht weniger fantastisch.

Manchmal sehe bzw. höre ich, wie Eltern ihren Kindern die Welt erklären. Unbezaubernd wunderfrei. Das ist ein Baum, der steht halt so rum, aus dem macht man Brennholz oder Betten und so lang er lebt produziert er Sauerstoff. Logisch. Isso.

Und dann lese ich die Montagskolumne https://www.berliner-zeitung.de/berlin/der-wert-der-dinge-warum-ich-bei-so-vielem-stille-beobachterin-sein-moechte-33374430?dmcid=sm_fb&fbclid=IwAR0wY-Fg5uz8Tr21zIxC36CDQADiX93XVawP_aBbcfL1Esz3-EMRGewY5nQ von Barbara Weitzel und weiß, dass es sie gottlob noch gibt, die Wundernden, Wertschätzenden, Staunenden. Dass mich ihre Worte finden und ihre Beobachtungen. Dass ich nicht alleine fühlen muss, wie viel Reichtum in der Platane links des Weges steckt.

2 Antworten auf „Wundermoment“

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