Weiterer Moment

„Darf ich Ihnen eine Frage stellen? Warum nehmen Sie nicht drei?“ Die Frage des Fischmanns lässt mich von den Matjes zu seinen Augen schauen. „Ich … weil… drei? Ich weiß nicht …. Weil ich nur zwei …“ – „Glauben Sie mir, drei ist die Zahl der Stunde“ strahlt er und legt eine weitere Dorschfrikadelle auf das Einpackpapier. Protestieren sinnlos.

Ob er die loswerden will? Dafür wirkt er zu fröhlich. Eigentlich. „Ja wenn Sie … wenn Sie meinen …“ – „Über alles Weitere sprechen wir dann am Montag.“ Alles Weitere? Am Montag? Verwechselt er mich? Ist das ein Frikadellenflirt? Wegen des warmen Wetters bin ich extra früh zum Einkaufen losgegangen. Jetzt zweifle ich, ob meine Gehirntätigkeit dem schon gewachsen ist. Der Fischmann reicht mir die drei Fischfrikadellen im Papierpäckchen und rechnet zwei ab. Jedenfalls glaubt er, dass ich am Montag noch lebe. Altfisch loswerden will er also vermutlich nicht. Ich kaufe noch eine Brezel und einen Apfel, gehe zum nahe gelegenen Weiher und verfrühstücke meine Kostseligigkeiten.

Bald habe ich fünf Enten vor, zwischen und hinter den Füßen, die angesichts meiner Mahlzeit ihre Küken sich selbst im Wasser überlassen. Deren piepsendes Gejammer ist herzzerreissend. Natur ist auch nicht mehr das, was ich mir mal darunter vorgestellt hab.

Im Kaufhaus ist es angenehm kühl. Es gibt Stabmixer zwischen 29,90 € und 199,99 € zu kaufen. Letzterer scheint für Superhelden gemacht, denn er besitzt Superpower laut Etikett. Einer davon soll mein neuer werden, nachdem der alte Pürrierstab vor Monaten abgeraucht ist. Oder doch lieber ein Standmixer? Wenig Gedöns soll es sein. Kein Stehrümchen. Ja, natürlich auch kein Liegrümchen. Neben dem Stabmixerregal ist ein Computerarbeitsplatz, an dem ein grauhaariger Verkäufer mit Marlborowangen zettelsortierend vor sich hin flucht. Er murmelt „So ein Scheiß“ und „Mist“ und einmal murmelt er sogar „Scheißdreck“, was mich derart unangenehm berührt, dass ich meine Kauflust zusammensacken und schwer angeschlagen am Boden sehe. Gerade will ich mich wegwenden, da spricht er mich an. „Brauchen sie Hilfe?“

Scheißdreckverwundet wie ich mich fühle, beziehe ich die Frage eine Sekunde lang auf etwaige sichtbare Blutungen, dann erinnere ich mich, dass der Mann mich und die Stabmixer meint. „Nein.“ – „Dieser Hand Blender hier hat das beste Preis-Leistungsverhältnis und ist außerdem die Ergonomic Edition.“

Müsste sowas nicht im Sanitätshaus verkauft werden? Und warum Blender, warum nicht schlichtweg Mixer? Ich möchte keinen Blender kaufen. Das klingt in meinen muttersprachaffinen Ohren wie eine Mogelpackung. Filou. Heiratsschwindler. Küchengauner.

„Aha.“

„Und schauen Sie hier. Das ist sehr gut verarbeitet. Warten Sie, ich zeige Ihnen im Vergleich diesen“, schon hat er das 29,90 €-Modell in der Hand und löst den Pürrierstab vom Korpus. „Sehen Sie hier? Sollbruchstellen. Das ist nicht wie in den 60er Jahren, wo Produkte gebaut wurden, die gehalten haben. Heute soll es irgendwann kaputt gehen.“ – „Und der andere geht nicht kaputt?“ – „Der ist solide! Schauen Sie auch hier, der lässt sich 1A reinigen. Kein Schmodder. Wenn Sie den natürlich in die Spülmaschine packen, wird es schwierig. Das Salz frisst irgendwann die dichteste Dichtung an.“ – „Und der teuerste? Geht der nie kaputt?“ – „Alles geht irgendwann kaputt.“ Der Satz gilt glasklar nicht den Stabmixern, so tief, wie plötzlich die Marlborowangen einsinken. Hm. Nachfragen möchte ich nicht. Das Schweigen bekommt eine unerfreuliche Note.

„Also, anders gefragt: Mit welchem davon kann ich alt werden?“

„Naja, so gesehen mit allen, kommt ja immer drauf an in welchem Alter man den Blender kauft. Für den sind Sie zu jung“, er verweist auf den Billig-Blender. „Die anderen dürften passen.“ – „Und was ist nun das Dolle an diesem teuren Powerstab?“ – „Das Design. Sieht ja fast aus wie von Porsche gemacht. Der Stab geht von allein auf und ab. Müssen Sie also nicht selbst machen. Albern, wenn Sie mich fragen. Die Umdrehungen kann man auch nicht fixieren. Das würde mich ja schon nerven. „Porsche will ich nicht. Ich nehm Ihren Dingens-Mixer.“ – „Den Ergonomischen.“ – „Ja.“ – „Ja, mit dem können Sie alt werden. Wahrscheinlich haben Sie schon mehr Sollbruchstellen als er.“ Die Marlborowangen hellen auf. „Haben Sie noch ein Messer, mit dem ich alt werden kann?“ – „Sicher.“

Zwei Straßen weiter sehe ich ein petrolfarbenes Kleid im Schaufenster, das ich nicht brauche und sofort liebe. Es passt wie angegossen. „Die Farbe steht Ihnen voll toll. Macht viel jünger“, schwärmt die Boutiquefee. Kennt Sie meinen Jahrgang?

„Dann kann ich ja damit alt werden“, freue ich mich, die EC-Karte zückend.

Und vielleicht hat es am Montag Einfluss auf alles Weitere.

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