Unvergessen

Frau W. betrat mein Geschäft mit kraftvollen Schritten, und obwohl der Empfang gute fünf bis sechs Meter von der Eingangstür entfernt lag, schien Frau W. direkt vor mir zu stehen; dabei hatte sie doch erst vor einer zehntel Sekunde die Klinke losgelassen. Ihre nahezu elektrische Präsenz versetzte mich in wellengangleiche Schwingung (nebst sämtlichen Mobiliar), so dass meine Hand festhaltend auf den Terminkalender schnellte. Als könne er wegrutschen. Über Bord gehen. Versinken in den Fluten ihrer Energie.

„Maniküre“ sagte sie, „ich komme zur Maniküre.“

Am besten also sofort, bedeuteten diese Worte, denn einen Termin hatte Frau W. nicht.

„Die Hände sind das wichtigste.“

Wenn das nicht ginge, dann gerne tags drauf. Ihr Haar silbergrau und raspelkurz. Vor einiger Zeit noch therapiebedingt, wie ich still vermutete. Sie sah es mir an.

„Inzwischen so gewollt!“ Ihr Lachen dabei klar, bar jeden Zitterns, wie es überspielte Unsicherheit mit sich gebracht hätte.

Eisblaue Augen, warmbraune Haut. Als wir uns bei Ihrem ersten Termin gegenüber saßen, beobachtete Sie mit wachem Blick jede meiner Bewegungen. Wir lachten viel. Über den Krebs sprach sie offen. Dabei das Funkeln einer selbstbewussten Siegerin in den Augen. „Das war eine harte Zeit, aber ich habe es geschafft. Er hat mich nicht gekriegt.“

Frau W. kam fortan alle 14 Tage. Maniküre, Kosmetik. „Meine Schönzeit!“ sagte sie oft genießerisch. Zwei frohe Jahre. Sternzeichen Wirbelsturm.

Dann kamen die Unterleibsschmerzen zurück. Die Therapien. Ihr Augenfunkeln blieb. Wir lachten. Lachten viel. Und frei heraus. Erzählten Geschichten. Rückten die Welt zurück und zurecht und dabei selbst oft zusammen. Nur manchmal war es still. Sehr still. Dann war Platz für ihre Angst. Und die Sorgen. Für alles Ungesagte. Was man den Liebsten verschweigt, um sie nicht zu belasten. Bei ihrer Schönzeit hatte sie durchhalteparolenfrei. Musste nichts hoffen. Nicht nach vorne schaun. Nichts schaffen. Durfte ganz klein werden. Ganz winzig, auf Augenhöhe mit ihrer eigenen Zuversicht. Wir durften weinen, beide.

Es vergingen mehrere Wochen. Frau W. kam nicht. Erst fiel es mir in meiner eigenen Geschäftigkeit gar nicht auf. Dann klingelte das Telefon. Ihr Mann. Ob ich ins Krankenhaus kommen könne. Für seine Frau eine Maniküre machen. „Ihre Nägel…Frau Strang, die Hände sind ihr doch so wichtig!“ Tags drauf war ich bei ihr.

Sie war dünn. Nein – ein Skelett. Erzählte mir, wohin sich der Tumor schon überall geschlängelt hat. Dass morgen eine neue Chemo diskutiert würde. Und wenn diese dann griffe, dann. Ja, dann. Diesmal waren unsere Worte Worte über das Leben und die Zukunft. Wenn sie wieder gesund wäre. Wieder mit Schwung mein Geschäft beträte.  

Es war zu jeder Sekunde klar, dass wir uns nicht wiedersehen würden.

 Ich sah es in ihren Augen und sie sah in meinen, dass ich es wusste.

Keine Angst mehr. Keine Tränen. Aber gelacht haben wir auch nicht. Ich feilte die Nägel mit aller Behutsamkeit, besorgt die filigranen Fingerknochen zu zerbrechen. Massierte kreisend ihr Lieblingsnagelöl ein. „Danke. Die Hände, Frau Strang, sind so wichtig!“ Langsam strich sie sich über die gecremte, fein duftende Haut. Kein Funkeln in den Augen.

„Ich komme in 14 Tagen wieder“ sagte ich, im Begriff aufzustehen.

Jetzt lächelte sie: „Für meine Schönzeit!“

Ich nickte, gab ihr die Hand, einen Druck länger, als all die Male zuvor. Unsere Zeit war um.

4 Antworten auf „Unvergessen“

    1. Ich sag es mal mit Peter Horton: „Wenn eine Zeile Sie beglückend anspringt, gebührt die Bewunderung Ihnen selbst. Der Verfasser kann nur wecken, was lebendig ist.“ Ich danke DIR, Kay.

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