Plätzchenmoment mit Mia

„Sag mal, du kochst doch eher seltsam.“
„Was soll denn heißen, ich koche seltsam?“
„Hast du nicht mal erzählt, dass du nach einem chinesischen Philosophen kochst?“
„Mia! Das ist ewig her, da hab ich eine Weile nach TCM gekocht, ja.“
„Nicht mehr?“
„Nein.“
„Zuckerfrei?“
„Jein.“
„Was heißt jein?“
„Dass ich in normales Essen keinen Zucker mache.“
„Und die Weihnachtsplätzchen?“
„Ich komm nicht dazu dieses Jahr. Schlimm genug. Ich hätt so gern Plätzchen.“
„Ich backe mit Margret am Wochenende.  Aber die will zuckerfrei. Hat da so Rezepte rausgesucht.“
„Kenne zuckerfreies Gebäck. Ist lecker. Aber ich glaube, bei Weihnachten würde ich Omas Klassiker aus meinem Rezeptbuch holen.“
 „Vanillekipferl…“
„Butterplätzchen….!“
„Bethmännchen….“
„Ohhh, ja, Beeeeethmännchen!“
„Ich schmuggle einfach Zucker in Margrets Küche.“
„Nächstes Jahr plane ich einen Backtag ein. Ohne Plätzchen ist doof. Richtig doof.“
„Kauf halt welche!“
„Ist nicht dasselbe, Mia. Weihnachtsplätzchen müssen auch bisserl…schief aussehen. Wie geht es Margret denn inzwischen?“
„Zuckerfrei sagt doch alles, oder?“
„Ja?“
„Ja! Ich bitte dich! Zuckerfrei. Frauen über 50, die VOR Weihnachten zuckerfrei werden. Da muss ich nichts zu sagen. Als wir neulich Essen waren, hat sie vorher noch so ein grünes Algenzeug getrunken, wegen Detox. Pfff. Detox ….machst du das auch?“
„Nein.“
„Naja, du isst morgens chinesische Suppe.“
„Ich esse keine Suppe! Ich esse lediglich gerne warm morgens.“
„Dann isst du ja doch nach diesem TCDingens.“
„Nein, einfach nach Laune, weil ich gern warm esse!“
„Ich esse Brötchen! Und Zucker!“
„Ich auch. Nur nicht unbedingt morgens.“
„Das ist mir zu kompliziert. Eigentlich müsstest du mit Margret backen. Soll ich paar Plätzchen schicken?“
„Oh jaaaa!“
„Ihr seid wie die Kinder. Zuckerfrei und chinesisch, sich aber dann die Plätzchen schicken lassen…naja. Ist ja Weihnachten! Ich hab ein gutes Herz.“
 
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Mia mit Besserung

„Ich weiß, du bist nicht gut bei Stimme.“
„….“
„Brauchst auch gar nix sagen. Ich wollte nur hören, wie es dir geht.“
„Ich….“
„Nicht sprechen! Schon dich mal. Du schonst dich nie.“
„Ich ….“ „Du klingst furchtbar. Selbst wenn du nicht sprichst. Hat dich richtig erwischt, was?“
„Ich …“
„Das grassiert schlimm im Moment. Und ist hartnäckig. Pass auf, dass du auf die Füße kommst. Hast du Suppe? Mach dir Suppe! Huhn…ach, nee. Isst du ja nicht. Dann…dann…nee, geht ja auch nicht. Trink Tee!“
„Ich…“
„Meine Mutter hat früher immer so Zwiebelsäckchen gemacht. Als würde man als Kranke nicht schon genug stinken. Eigentlich ein Wunder, dass Ehen nicht an Erkältungen scheitern. Glaubst du, dass Leute noch heiraten können, wenn sie sich einmal bei Erkältungen gerochen haben?“
„Man riecht doch gar nichts bei…“
„Du klingst furchtbar! Sei still! Ich bin froh, dass ich niemanden verpflichtend riechen muss. Bloß, weil so ein Trauschein das verlangt. Schlimmer noch ist Darmgrippe. Wenn überall dieser säuerliche Geruch hängt. Grauenvoll. Ich könnte niemanden mit Darmgrippe heiraten.“
„Mia, es ist….“
„…nicht immer nur eine Frage der Liebe, meine Liebe. Das ist Romantikquatsch. Romantik endet bei Zwiebelsäckchen.“
„Also, für mich fängt sie da erst richtig an.“
„Hahaha, wenn du wüsstest, wie du klingst! Wie ein Kakadu. Bitte, ehrlich….das müssen wir nicht ausdiskutieren. Hast du Hühnersuppe? Ach nein, die hast du ja nicht. Auch so ein Geruch, der tagelang im Haus hängt. Schlaf einfach. Wer schläft, riecht auch nichts. Gute Besserung!“
„Ich….“
 
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aussicht

plötzlich begriff ich
dass es nie
das eine Du
das eine Wir
das eine Jetzt
und niemals ein
für immer
geben wird
kein Ein und Alles
immerhin
den Hauch im Herz
den Händedruck
das Tasten
zwischen Tagen
und meine Hoffnung
die mir sagt
das Leben
wird mich tragen
 
egal wohin

(c) strang 2019

Wundermoment

Es ist nicht lange her, da entdeckte ich bei meinem Spaziergang einen kleinen Park, gar nicht weit von daheim. Er ist weder besonders fein noch verwunschen, und doch eine der grünen Oasen Hamburgs, die diese Stadt für mich so liebenswert machen.

Links des überschaubaren Weges steht eine sehr große Platane, der ich aufgrund der Dicke ihres Stamms ein hohes Alter zuschreiben möchte, obwohl ich nicht geringste Ahnung habe, ob das korreliert. Ich stand vor dieser Platane mit Ehrfurcht, fragte mich spontan wie viele Sommer und Winter sie schon hat kommen sehen. Ob sie die Geräusche von Bomben ebenso kennt, wie die „Wundermoment“ weiterlesen

keinen Trost

ich habe keinen Trost
ich stehe bis zum Hals
in Wut
in deiner Ohnmacht
steh ich starr
und hilflos ohne Grenzen.
die Seele rinnt dir aus dem Mund
sie färbt den Boden
bruchstückblau
mit Schaum vorm Jetzt und Heute
ich taug dir nicht als Hauptgewinn
das weiß ich längst
das ist nicht schlimm
doch hab ich keinen Trost
für dich
für mich
hab keinen Sinn
du trägst mir dein Stück Leben vor
in unverdauten Phrasen
ich stehe
bis das Nichts erlischt
und habe keinen Trost

(c) 2019 strang

Neil Young Moment

Das honiggoldene Holz der Wände lässt die Musik wärmer klingen, als sie ohnehin ist. Die Töne aus den Boxen sind voluminös, vermischen sich mit dem Duft von Spätsommer und Tabakrauch. Zuhause höre ich Musik, wenn ich sie ganz und gar hören will, nur über Kopfhörer. Mietshaus. Dann strömt sie ungebremst „Neil Young Moment“ weiterlesen

Heidemoment

Schon beim Wachwerden höre ich den Regen. Und die Nachbarn im Flur. Das Wetter vorm Fenster und die Menschen jenseits der Wand verströmen zu gleichen Teilen verbissene Rechthaberei. Ich bleibe liegen und dreh mich auf die Seite. Den Rücken. Die andere Seite. Ich blicke zur Decke und wackle mit den Zehen. Strecke den Großzeh, den Arm und ein Bein. Das wäre der perfekte Moment, um zur Ruhe zu kommen. Einfach nichts tun können, müssen, sollen. Lesen. Ich nehme das Buch. Lege es weg. Kaffee. Kaffee ist gemütlich bei Regen. Ruhig macht er mich nicht. Und eigentlich ist auch nicht der Kaffee gemütlich, sondern der Mandelmilchschaum. Ich tippe mich durch die WhatsApp-Nachrichten der Nacht und des Morgens.

G. schreibt mir, das sei doch das perfekte Wetter, um zur Ruhe zu kommen. „Sei einfach ganz bei dir.“ Bei mir sein. Ich kreisle durch das helle Apartment wie Rilkes Panther durch seinen Käfig. Die Zeit klebt wie kalter Brei auf dem Zifferblatt. Bei mir sein. Wie ist man bei sich? Wie bin ich bei mir? Wie fühlt sich das an? Ich wackle noch einmal mit den Zehen. Strecke die Arme. Nichts davon ist bei mir. Ich geh duschen.

Als das Prasseln der Brause aufhört und ich mich ins dicke Handtuch wickle, nehme ich das veränderte Licht wahr. Der Himmel klart auf. Ich muss raus. „Heidemoment“ weiterlesen

Henkmoment, plötzlich

Ich knipse rasch ein Foto von den Seerosen, um einen WhatsApp-Gruß zu verschicken. Als ich wieder nach oben schaue, sehe ich Henk auf der anderen Seite des Wassers, als habe er auf mich gewartet. Mein aufkommendes Lächeln fühlt sich an wie Hände, die ein knittriges Tuch glattstreifen.
„Ich hab auf dich gewartet.“
„Ja, klar!“
„Naja. Sagen wir, ich wusste, dass ich dich heute hier treffe.“
„Bei den Seerosen?“
„In Planten un Blomen.“
„Was nicht gerade klein ist. Und die Uhrzeit wusstest du auch nicht.“
„Ich WUSSTE, dass ich dich heute treffe.“
„Manchmal machst du mir Angst Henk.“
„Nicht doch.“
„Wir haben so lang nix gehört….ich weiß gar nicht…was…“
„….mein Aquarellmann macht?“
„Der Aquarellmann! Henk! Genau!“
„Nichts.“
„Nichts?“
„Wir waren ein paar Mal aus. Kino. Konzert. Essen.“
„Nicht gefunkt?“
„Ich kann das einfach nicht.“
„Neben Jan? Obwohl er es kann?“
Henk schweigt in die Seerosen, greift sacht meinem Ellenbogen und deutet Richtung Japanischer Garten. Er trägt ein tiefschwarzes Poloshirt, das noch dazu gebügelt zu sein scheint. Nicht einmal die Kragenspitzen krümmen sich.
„Wie geht es euch denn inzwischen?“
„Das weiß ich nicht. Es ist wie es ist und ich weiß, seine Jungs sind was anderes als ich und ich weiß das.“
„Du weißt das.“
„Ich weiß das.“
„Fühls…“
„Nein. Eben nicht.“
Stille.
Stille.
Stille.
„Beginnt nicht Morgen dein Praktikum beim Bestatter?“
„Ja.“
„Ich hab deine Bilder gesehen vom Friedhof in Wien.“
Henk legt den Arm um meine Schulter und unwillkürlich werde ich kleiner. Henk legt nie den Arm um meine Schulter.
„Wär ich nicht schwul, wärst du mein.“
„Bin ich doch. Irgendwie, jedenfalls. Wir sind unser. Oder so.“
Henk lacht auf.
„Wir sind unser! Los, darauf ne Fassbrause.“
„Fassbrause?“
„Fassbrause.“
Er löst den Arm und beschleunigt merklich die Schritte. Stoppt.
„Was ist’s wohl mehr? Gebet, Geschichte oder Gedicht, dieses Wir Sind Unser?“
Seine rechte Hand streift mir den Pony aus dem Gesicht.
„Henk, das ist jetzt ….“
„…jaja. Weiß ich doch. Deine Haare sind wie dein Herz: Bloß nicht verhuddeln.“
 

Rückenmoment

„Muss ich sonst noch was wissen?“
„Über mich?“
„Über Ihren Rücken. Vor allem über den Rücken. Den Rest hab ich ja hier.“ Hildegard blickt auf den Anamneseblock. Sie heißt nicht Hildegard, sie heißt Frau Merkmann, aber sie sieht aus wie Hildegard. Schwester Hildegard, die aus der Schwarzwaldklinik.
„Wissen Sie, was ich auf diese Frage immer schon antworten wollte?“
Hildegard blickt nicht vom Block auf und fragt: „Na?“
„Dass ich als Kind eine Phase hatte, in der ich Zahnbürsten geklaut habe. Im Supermarkt.“
Jetzt blickt Hildegard hoch.
„Zahnbürsten?“
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Hansmoment mit Mia

„Was hast du in Brandenburg gemacht?“
„Woher weißt du, dass ich in Brandenburg war?“
„Na, von facebook.“
„Du bist nicht auf facebook!“
„Ich nicht. Aber Joe. Und gestern war ich bei Joe und der war mit mir auf facebook.“
„Mia, wer ist Joe?“
„Ein Freund von mir. Und von dir. Von dir auf facebook.“
„Ich hab keinen Joe auf facebook.“
„Da heißt er auch anders. Irgendsowas normales. Ich glaub auf facebook heißt er Hans.“
„Hans? Und real heißt er Joe?“
„Ich glaub ja.“
„Was heißt du glaubst? Ihr seid doch befreundet.“
„Ja, aber doch nicht so.“
„Wie NICHT SO? Wie ist man denn befreundet, wenn man nicht weiß, ob jemand Joe oder Hans heißt?“ „Hansmoment mit Mia“ weiterlesen