Bowlmoment

Vor den meisten Bowls habe ich Angst.

Sie sehen üppig aus, machen mich am Ende nicht satt und nirgends gibt es Brot dazu (das mich immerhin sättigen könnte). Ich stehe vor dem Bestelltresen und bin überrascht, dass ich – ja, wie nennt man so etwas überhaupt? – das Restaurant, den Imbiss, die Bowleria, den Fresh-Food-Place, den Nahrungsaufnahemmöglichkeitsraum oder wie auch immer, betreten habe. „Bowlmoment“ weiterlesen

Danke, liebe Leseschar!

Drei wunderbare Lesungen liegen hinter mir, in Lübeck, Bonn und Köln. Danke an meine Gastgeber. Danke an mein Publikum! Es hat viel Freude gemacht, Euch live in meine Lebensmomente zu holen, mit Euch in die lyrischen Gefühlsminiaturen von „Wachsen lassen“ zu tauchen.


Ich freue mich auf mehr.
Die nächsten Lesungen gibt’s in Hamburg (Termin noch nicht fix), Fleestedt (03.01.19, geschlossener Kreis) und Braunschweig (26.01.19 in der KaufBar).

Bis dahin lesen wir uns hier! Auf Bald,
Bettina

Auf Regen

Ich schneide dich heraus.
Belasse dich in keinem Bild. Auf keinem Platz.
Ich lass nicht zu,
dass irgendwo ein Abdruck bleibt,
der mir ein Wir von gestern zeigt.
Ich schneide dich heraus.
Aus meiner Haut. Nichts näh ich. Tief
ist jeder Schnitt. Wo deine Hand
einmal Zeit für Berührung fand.
Ich schneide dich heraus aus mir.
Ein jedes Handtuch hat ein Loch.
Der Sessel steht zerstückt im Raum.
Ich kann durch meine Arme schaun.
Das Fleisch wächst wild. Dort wo du fehlst.
Dort schneid ich dich heraus.
Belasse dich in keinem Fleck. Ich lass kein Mal
und keinen Punkt,
der zeigt, dass du gewesen bist.
Was mir das Maß für Leben ist.
Ich schneid dich jetzt heraus.
Zerschneide meine Wirklichkeit. Zerschneide mich.
Nichts näh ich zu.

Dann warte ich.
Auf Regen.

(c)2018 strang

Zigarettenmoment

Die Bistrotische sind entlang der Fenster gereiht. Drinnen schafft ein weiches, gelbes Licht behagliche Atmosphäre. Draußen glühen die Heizstrahler unter der Markise, um die kühle Herbstabendluft zu mildern. Am ersten Bistrotisch sitzt ein Mann, kompakt gebaut und schwarz eingehüllt in Sakko, Schal und Stoffhosen. Sein Haar ist sehr grau und sehr kurz, die Nase rund gewölbt wie der Bauch. Vor ihm auf dem Tisch dampft ein Tee, eine Zigarette und ein Rotwein atmet sich aus. „Zigarettenmoment“ weiterlesen

ungehört

Der Weg entlang der schweren Stämme,
die jedes Licht in altem Schatten fangen,
den Sommer in die Knie zwangen,
ist weich und moosvoll unberührt.
Wohin mein blaues Herz mich führt
weiß nicht der Weg,
weiß nicht der Tag,
und was mir auf den Lippen lag
gerinnt seit Stunden ungesagt.
Ein Salzsorbet.
Ich reck die Ärmchen,
die längst Arme sind,
nach diesem Himmel
der du niemals bist.
Steh sittsam die Minuten klein,
wo nichts mehr zu erwarten ist.
Dann packe ich mein Funkeln ein.
Und geh.
Den Weg unter den gelben Kronen,
die keinen Laut nach oben leiten,
die nichts von ihrer Macht bestreiten.
Ich bin ein ausgedrehter Ton.

(c)2018 strang

heilsam

Das Laub lass ich im Zimmer.
Räum Sterne in den Schrank.
Ich leg ein Stück vom Himmel
auf meine Fensterbank.

Die Löcher in den Wolken
belass ich ungestopft.
Ich warte mit den Pfützen
bis frischer Regen tropft.

Der Herbst hat dich genommen.
Der Winter wirkt bemüht.
Die Pflaster abzureißen
ist sicherlich verfrüht.

(C) 2018 strang

Bodenmoment

Ich möchte zur Isestraße, dort soll heute Flohmarkt sein. Ich schlüpfe in meine Barfußschuhe, male mir den Mund purpurrot, wickle das weiche Lieblingstuch um den Hals und gehe los. In der Osterstraße wird mir bewusst, dass verkaufsoffener Sonntag ist. Reichlich Familien sind unterwegs und „Bodenmoment“ weiterlesen

Moosmoment

45 Minuten Autofahrt. Mir war so dringend nach Wald, tiefem Wald. Natürlich sind die Wege sonntagsbelebt. Kinder springen neben Hunden, Trekkingradler zischen wie Neongeister durchs Gehölz,während Wandergruppen die Ruhe zerplappern, die sie auf ihrem Fußmarsch suchen.
Ich war noch nie hier. Vielleicht werde ich mich verlaufen. Ein ums andere Mal biege ich auf den nächst schmaleren Weg ab, schließlich gehe ich direkt quer ins Gehölz.
Es wird friedlich. Ich hab Barfußschuhe an und ertaste den Boden. Weiche Mooskissen. Feine Steinchen. Reisig überall und trockenes Laub. Die Luft ist noch spätsommerwarm, doch der Herbst ist nicht nur im Fluggeschnatter der Graugänse zugegen, die immer wieder in Formationen, die ich jenseits der Baumkronen nur ahnen kann, über mich hinweg ziehen.
Licht und Schatten bieten ihr unnachahmliches Spiel. Dort, wo die Sonne sich bis zum Boden durchblinzeln kann, setzt sie immer etwas beachtenswertes in Szene, so kommt es mir vor. Baumstümpfe, die wie leergespielte, kleine Waldbühnen nach dem Schlussapplaus wirken. Flirrendes Tümpelwasser auf dessen rostroten Flecken Insekten kleine Kreise auf die Wasseroberfläche surren. Pilzköpfchen mogeln sich ins warme Licht, alles ist silbrig vernetzt mit hauchzarten Spinnfäden. Wie Tätowierungen ruhen Blätterschatten auf den Baumrinden. An manchen perlt Baumharz in glitzernden Sternchen herab.Jetzt ist es wirklich still. Kein Vogel. Dort, wo sich der Wald an kleine, wiesige Felder schmiegt, sind manchmal Feldgrillen zu hören. Winzige, braune Frösche fliehen vor meinen Schritten. Ein großer hält inne und sieht mich kurz an. Dann hüpft er nach links davon. Ich nach rechts. Obwohl nichts blüht, ist alles voll Farben und Formen. Pechschwarze Nacktschnecken kriechen durch die Schluchten des Wurzelwerks umgekippter Bäume. Manchmal höre ich einen Bachlauf.
Es werden dreieinhalb Stunden vergehen.
Als ich die breiten Wege wieder erreiche, steht die Sonne schon tief. Ich schau noch einmal zurück auf die Moosteppiche, die das langsame Verrotten der Baumstümpfe mit ihrem grünen Alles-Ist-Gut überwachsen haben. Ein Wald ist ein Kosmos, keine Kulisse.

Aufräummoment

„Ich sehe dich. Und mich. Und keine Lösung.“

Das Wohnheimzimmer roch nach altgewohnten Möbeln und Arztseife. Von draußen schien etwas Licht aus den OP-Sälen des Krankenhauses gegenüber durch den schmalen Schlitz zwischen den zugezogenen Stoffvorhängen. Dunkelgrün, fensterbrettlang, faltenfrei. Im Heizkörper ein leises Wasserspiel, endlos der Kälte Klang gebend. Seine Augen verweilten in Leerstarre, die meinen geschlossen. Eigentlich abgeschmackt. Dieses Zimmer. Diese Umstände. Seine Worte sanken in mich wie frostiger Tau auf eine frisch gepflanzte Wiese.

„Kannst du mir sagen, was das wird? Der Mann ist 15 Jahre älter als du! Glaubst du, der gibt für dich alles auf? Glaubst du das?“ hatte meine Mutter geschrien. Sie, die nie schrie.
„Papa ist 28 Jahre älter als du!“
„Und was ist übrig? Was?“ Ihre Hand sauste knapp an mir vorbei durch die Luft, einen verzweifelten Bogen zeichnend in den Raum.

Ich lief hinaus zum Auto und fuhr zum Krankenhaus. Sah das Licht im Bereitschaftszimmer. Dass ich keine Schuhe anhatte, merkte ich erst beim Aussteigen. Er machte die Tür auf und trat keinen Schritt zur Seite. „Da bist du.“ begann er mit einer Stimme aus Wollfilz, und betrachtete meine nackten, rot gefrorenen Füße.

62 muss er jetzt sein. Ich trage dicke, rote Stricksocken, als ich den Briefumschlag öffne und mich seiner Schrift nähere. 23 Jahre alte Zeilen; Kuli auf recyceltem Notizpapier. Was ist und was nicht geht und nie sein wird. Wer ich bin und er und wir. Dass uns das niemand nehmen kann. Einmal unvernünftig sein.

Ich war nie wieder in Venedig. Am Strand von Vrouwenpolder. Oder barfuß im Schnee. Ich, die nie schrie.