Kassenschlangenmoment – mal wieder

„Eine vierte Kasse bitte!“

Supermarkt Hoheluftbrücke.
Dank des direkt daneben befindlichen Eingangs zur Hochbahn trifft hier zu jeder Tageszeit alles zusammen, was sich sonst nie begegnet: betagte Studenten und hochbegabte Rollatorgreise, dröge Agenturscouts und hippe Banker, Mütter und Muddis, Papas und Erzeuger.
19:30, der Boden vibriert. In der Kundschaft Arme ruhen vier bis fünf Artikel, ehe sie aufs Band gelegt werden: Chips und Bier, abgepacktes Sushi, Sojaschnetzel und Topinambur.
Ich habe Platz drei in der Schlange der 4.Kasse ergattert. Die ersten Waren, die über den Scanner gezogen werden, gehören einer auffallend hübschen und zarten Frau. Sie zählt zu jenen, bei denen niemand verwundert ist, wenn sie plötzlich von einem Fremden Blumen geschenkt bekäme. Rechts neben ihr ein kleines, braungeschopftes Mädchen, vielleicht fünf, das den offensichtlich mutterkontaktsuchenden, jüngeren Bruder (max. drei) stoisch abwehrt.
„Actimel?“
Der Junge schaut seine Schwester an.

Belustig glaube ich mich verhört zu haben. Actimel? Kinder quengeln an Kassen nach Actimel? Gott…ich bin ECHT alt.

„Willst du eins?“ fragt das Mädchen mit klapperschlangiger Süße. Der Bruder nickt.
Und noch bevor die besonnene Mutter reagieren und die erbetene Actimel-Gabe auf „draußen / im Auto / zuhause /den Geburtstag“ oder einfach später verschieben kann, schnappt die Klapperschlange gezielt zu: „Tja. Hier hab ich kein Actimel!“
„KEIIIIIIN ACTIMEEEEEELLLLL?“
Die Stimme des Jungen kippt in den Tonfall jener hysterischen Mittzwanzigerinnen, deren anvisiertes Paar Designerpumps es nur zwei Nummern kleiner gibt.
Die Augen weit aufgerissen vor Schmerz und Fassungslosigkeit, bricht er dramatisch vor der Kasse zusammen.
„ACTIMEEEEEEEEEEEL! ACTIMEEEEEEEEEEEL!“
In endloser Schleife pressen die kleinen Lippen den Joghurtnamen hervor.
Tief holt er Luft, tiefer und tiefer, um umso lauter, gequälter und wie ein ins Rückenmark Getroffener zu brüllen: „ACTIMEEEEEEEEEEEL! ACTIMEEEEEL! ACTIMEEEEEEEEL! ACTIMEEEEEEEEL!“
Die Kassiererin ist erschüttert. Sie steht auf, versucht einen Blick auf das Kind zu erhaschen. Ihr als Trost gemeinter Satz kommt einer verbalen Steinigung gleich: „Guck mal, an der Kasse gibt es doch kein Actimel. Aber einen Lolli!“
Der Sterbende, eben noch halb sitzend, rollt sich nun ein wie eine Kugel. Der kleine Körper zittert und aus der Mitte der Kugel röhrt schauerlich und herzzerreißend: „ACTIMEEEEEEEEL! ACTIMEEEEEEEEL!“

Während die Schwesterschlange ungerührt die wenigen Lebensmittel in eine Tüte packt, forciert die Mutter den Bezahlvorgang mit flehendem Blick.
„ACTIMEEEEEEEEEEL! KEIN ACTIMEEEEEEEEEEEEEL! ACTIMEEEEEEEEEEEL!“
Schnell wechseln Scheine den Besitzer, wandert die Geldbörse zurück in die Handtasche. Behände greift die Mutter den Bub, der sich in ihren Armen aufklappt und alle Viere schlapp herabhängen lässt.
„ACTIMEEEEEEEEEL!“ tropft es aus dem hochroten Kopf. „ACTIMEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEL!“

Die Schiebetür geht auf. Schließt sich. Stille.

An den Kassen sekundenlanges Schweigen, selbst die Kassiererinnen halten gleichzeitig inne und atmen leise. Alle starren einander an. Mundwinkel aufwärts.
Ein Kunde betritt den Laden.
„ACTIMEEEEEEEEEEL“ tönt es aus den Tiefen des Hochbahn-Gängelabyrinths.

Ich glaube, der Joghurt hat Potenzial.

Der Taxi Coach

Freitagnachmittag. Es geht nicht in den Feierabend, es geht nach Berlin. Seminarwochenende. Mein Trapeziusmuskel ist angespannt. Schließlich reise ich mit der deutschen Bahn. Auf der Strecke Hamburg-Berlin-Hamburg ging das bisher noch nie – ich betone: noch nie – glatt. Das Taxi immerhin ist überpünktlich. Durch das Schaufenster sehe ich allerdings, dass der Fahrer zum Wohneingang des Hauses geht, nicht hier zur Ladentür. Ich gehe hinaus.

„Sie suchen vermutlich mich.“
Der Taximann dreht sich um. Ich bin verdutzt. So viel Freude in einem Gesicht hatte ich, zumindest bei Taxifahrern, lange nicht.
„Frau Strang?“
„Ja.“
„Na, dann los!“
„Bahnhof Altona.“
„Ah. Es geht heim ins Wochenende!“
„Nein. Es geht zum Weiterarbeiten.“
„Ich fahre oft Workaholics.“
„Bitte?“
„Glauben Sie mir, so viel Arbeiten, das ist nicht gut. Echt nicht Gut. Was sagt da Ihr Mann?“
„Mein….? Ich…also.“
„Stört es Sie, wenn ich kurz meine Frau anrufe?“
„Ihre…? Nein, natürlich nicht.“

Der Taximann nimmt sein Handy. Es folgt ein knappes Gespräch über Abholungszeiten. Dann sagt er: “Ja, bis später, ich hab hier Kundschaft. Also. Wo waren wir? Ach ja, Ihr Mann. Haben Sie Kinder?“
„Ich?
„Ja.“
„Nein. Keine Kinder. Kein Mann und der Hund ist auch schon tot.“
„Das kommt davon, wenn man so viel arbeitet. Dann hat man sich nichts mehr zu sagen. Dann gehen die Gemeinsamkeiten dahin. Kinder, naja…kann ja noch kommen. Wie lang waren Sie denn zusammen?“
„Lang. Neun Jahre!“
„Neun Jahre! Da hat er es aber echt lange ausgehalten!“
„Bitte? Ich…“
„Ohne Kinder hat das Leben keinen Sinn. Wofür lebt man denn ohne Kinder? Was haben Sie von Ihrer ganzen Arbeit? Ohne Kinder würde ich gar nicht arbeiten. Aber so. Was ist das denn für ein Leben? Nee. Völlig sinnlos, ohne Kinder.“
„Hören Sie, es ist Freitagnachmittag, die Sonne scheint. Ich rolle einem Arbeitswochenende entgegen, habe Sorge, dass die Bahn wieder spinnt und bekomme noch rasch mitgeteilt, dass mein Leben völlig sinnlos ist. Eigentlich können Sie mich direkt AUF den Gleisen absetzen.“
„Hahaha, aber nun sagen Sie doch selbst! Ich habe schon viel gearbeitet. Glauben Sie mir. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe so viel gearbeitet, da können Sie gar nicht mithalten!“
„Da wäre ich vorsichtig! Die Battle nehme ich an!“
„Haha. Wie alt sind Sie?“
„Fast 45.Und Sie?“
„36.“
„Dann wissen Sie jetzt auch, dass das mit dem kinderreichen Sinn meines Lebens nichts mehr wird.“
„Manche Frauen bekommen noch mit 60 Kinder.“
„Ich nicht. Ich WILL auch gar keine Kinder.“
„Das ist ein sinnloses Leben. Wirklich. Sie sollten nicht so viel arbeiten. Dann hätten Sie jetzt auch Kinder. Neun Jahre! Mit dem Mann wollten Sie doch alt werden! Man ist nicht neun Jahre zusammen, wenn man nicht zusammen alt werden will. Aber es ist sinnlos geworden. So ist das. So geht das dann.“

Für einen Moment wird mir flau, obwohl ich vergnügt bin. Natürlich ist es Spaß. Natürlich ist es ernst. Natürlich ist mein sinnloses Leben nicht sinnlos.

„Macht 14,35“
„Ich brauche eine Quittung. Wie heißen Sie?“
„Cengiz.“
„Wie Dschingis Khan?“
„Genau.“
„Also D-S-C-H-I ….“
„Nee. Ich schreibs Ihnen auf.“

Cengiz
„Cengiz, werden Sie doch bitte Hamburgs erstes Coaching-Taxi. Dann können Sie das Zehnfache dafür abrechnen, dass Sie Menschen wie mich als rotierende Insel im Meer der Sinnlosigkeit entlarven.“

Ich muss sehr lachen. Cengiz ist so vergnügt wie schon zu Fahrtbeginn.

„Das ist eine gute Idee! Eine gute Idee! Und denken Sie mal drüber nach! …
(Hab ich, Cengiz!)
…das Leben ist zu kurz …
(Ich ahne es, Cengiz!)
…und jetzt wünsche ich Ihnen auf jeden Fall ein schönes Wochenende.“
(Ich mir auch, Cengiz, ich mir auch)

Einen Schritt weiter

Nach eineinhalb Stunden Stadtfußmarsch bin ich plötzlich matt. Als wisse er es, schickt mir der Asphalt eine Botschaft: „Es ist nicht mehr weit“.
Meine Füße sehen es anders. U-Bahn-Station „Schlump“ (ja, auch dafür liebe ich Hamburg) ist in Sichtweite. Ich könnte mich in die Bahn setzen. Noch ein wenig ins Anderswo fahren. Fahren. Fahren ist Sitzen ist Gucken ist Ruhen ist schön. Ich komme näher und sehe Menschentrauben an der Bushaltestelle vorm U-Bahn-Eingang. „Heute Schienenersatzverkehr“. Das ist ein Wort, das mich so abschreckt wie Menschentrauben. Hastig eile ich vorbei.
Wenige Meter dahinter halte ich plötzlich an, gehe an den Fahrbahnrand und strecke in bester Anhaltermanier den Daumen empor. Zu meiner eigenen Überraschung. Zu meiner weiteren Überraschung fährt SOFORT ein Auto rechts in die Toreinfahrt hinter mir und hält an. Unsicher drehe ich mich um. Der meint mich. Ich geh hin, öffne die Beifahrertür und gucke hinein.
„Meinste das ernst?“ fragt lachend ein bärtiger Jungmann.
„Bist du ein Mörder?“ frage ich zurück. Er überlegt tatsächlich kurz.
„Heute nicht.“
Ich steige ein.
„Bin unterwegs nach Stellingen.“
„Ich eigentlich nicht. Mir reichts drei Ampeln weiter.“
Das Auto riecht nach Duftbaum, obwohl ich keinen sehe. Himbeer. Oder Kirsch. Die dritte Ampel ist erreicht, bevor ich mich entscheiden kann.
Lächeln, verabschieden, aussteigen. Wie der wohl ohne Bart aussieht? Und ob der Bart nach Himbeer riecht (oder Kirsche)?
Ich gehe weiter.
Das erste Hummelsummen! Ab JETZT ist Frühling. Dazu passt der Löwenzahn am Fuße der Treppe des Hauses, das ich passiere. Das mag ich so am Leben: es blüht selbst dort, wo es marktstrategisch unklug ist.

Gründonnerstagabend

Die halbierte Tomate auf meinem Feldsalat leuchtet mit ihrer Rundung aus der Mitte des Tellers.
„Selbst mein Salat hat eine rote Nase!“ huscht es mir durch den Sinn.

Über mir übt der Opernsänger. Ich sehe ihn immer im Bademantel vor mir. Einem weißen, schneeweißen Bademantel aus dickem Frottee, auf dem gülden und fein „Waldorf Astoria“ steht. Zwei passende Gästetücher hängen im Gästeklo. Tatsächlich hat der Bademantel eine Brusttasche, aus der leicht angeknüllt ein blaukariertes Stofftaschentuch guckt. Heute singt er treppauftreppab „Hahaaaaahaaaaaahaaaaaahaaaaahaaaaa“. Seine Wohnung hat Dielenboden wie die meine, aber fast alles ist ausgelegt mit dünnen Teppichen aus Chinaseide. Nur da, wo er übt liegt ein Flokati, in den er seine behaarten Zehen krallen kann, wenn er von einer Oktave in die nächste springt. Donnerstagabends ist seine Muse da, fläzt im Sessel und blättert in Harper‘s Bazaar. Das ist sophisticated. Niemand liest wirklich in Haper‘s Bazaar. Aber eine Muse kann nicht Brigitte lesen oder Donna. Nicht mal die ELLE. Leider hat sie eine Schwäche für einen billigen Wein aus dem REWE City gleich um die Ecke. Manchmal stört ihn das.
Wenn er die Tonleiter schneller singt, verrutscht der Gürtel am Bademantel. Er schenkt dem keine Beachtung. Aber ich sehe bis in meine Küche den verstohlenen Blick der Muse und dieses leichte Kräuseln auf ihrem Nasenrücken. Ob er jemals wirklich im Waldorf Astoria war? Nachdenklich stelle ich meinen Teller beiseite. Über mir wird es still. Ich habe die Nase nicht aufgegessen.

Brezelbreak

Es sind genau 18 Minuten, die ich in der Schlange des „Hofbräu Imbiss“ am Münchner Flughafen verbringe. Die Schlange ist lang. Ein endloser Bandwurm, der sich kaum vorwärts bewegt. Die junge Bedienung mit den fliedergeschminkten Lippen und der lieblichen Flechtfrisur agiert wie im Zeitraffer. „Wedges? Mit Ketchup oder Sour Cream? Kaffee oder Cappuccino? Welche Größe? Keks?“ Sie blickt nie auf, aber ihr Lächeln ist warm.
Es ist unruhig. Stimmenwirrig. Durchsagen grätschen in Bestellungswünsche. Deutsch ist nicht zu unterscheiden von Englisch oder eilig gehaspeltem „A Maß und zwoa Panini bittschön. Naaa, ned mit am Moorzarella. Die mi’m Schink‘n.“

Rasch ist das neue flink. Die Griffe: routiniert. Ich frage mich, ist das „Flow“ oder Wahnwitz? Panini in den Grill, Würstel auf Teller, Kaffee in Becher, Wedges in Schüsseln, Bier in Krüge, Sandwiches in Tüten, Ketchup auf Pommes, Mayo zu Beilegen, Schnitzel trifft Radi, Cola aus Kühlschrank, Wasser in Flaschen, Salat mit Dressing.

Ich komme an die Reihe, ihre Hand schnellt startbereit zum Kasseneingabedisplay. „Eine Brezel bitte. Ohne Tüte einfach auf die Hand. Behalten Sie das Rückgeld. Unglaublich, wie Sie das hier machen.“ Sie stockt. Dreht sich um, greift zur Brezel, zur Tüte, legt die Tüte wieder weg, hält die Brezel unschlüssig mit der Zange in der Luft. Dann bleibt sie kurz stehen. Blickt erstmals auf. Blickt mich an. Lacht. „Das…ist jetzt so überraschend.“ Ich nehme die Brezel, nicke und gehe.“ Die nächste Bestellung. Ich höre sie fragen „Mustard for the Weißwuaschd?“

Später im Flieger versuche in den Mond zu fotografieren. Er bleibt ein kleiner, aber heller Punkt. Wie manche Begegnungen eben auch.

Schuhschlappe

„Wir führen ab 42,5.“
Manche Sätze lassen mich sogar mittags um zwei ins Bodenlose stürzen. Normalerweise heißt der Satz: „Es tut mir leid, Ihre Schuhgröße haben wir nicht.“
Oder: „Wir führen nur bis 41.“
Im Fachgeschäft für Damen- und Herrenschuhe für Übergrößen wähnte ich mich endlich angekommen. Dachte ich. Tagelang hatte ich mir vorgestellt eine Art Fuß-El Dorado zu betreten. Ich sah mich Schuh um Schuh anprobieren. Auswahl ohne Ende. Pumps, Stiefel, Sneaker.
Passend, grenzenlos. Taumel. Glühende Kreditkarten. Kaufrausch und Stilettokoma.
Und nun war jäh alles zu Ende.
Ich habe jüngst irgendwo gelesen, dass Deutschlands Füße immer größer werden. 46 für Damen sei keine Ausnahme mehr. Aha. Soso. Nur im Bereich 41,5/42 klafft offensichtlich ein nationales Loch von ungeahntem Ausmaß. Meine Füße scheinen keinen Realwert zu haben. Es gibt sie nicht. Denn es gibt keine Schuhe.
„Manche Modelle haben wir aber auch in 42. Manchmal.“
Ich vermute aus Gnade. Staatlich verordnet. Um die Selbstmordrate bei 42er-Nerds gering zu halten. Ich kann mich nicht einmal damit selbst beruhigen, dass „ich da noch hineinwachsen werde“. Ich bin seit mindestens 25 Jahren in nichts mehr hinein gewachsen – allenfalls heraus. Aber wahrscheinlich sehe ich das einfach alles zu eng. Wahrscheinlich sind passende Schuhe in moderater Auswahl restlos überbewertet. Es könnte auch mein Markenzeichen werden, Badeschlappen zum Kostüm zu tragen. Das Leben kann so einfach sein.

Kassenschlangenmoment

„Minus Vier??? Ey, minus vier ist dein IQ, Digga!“
An der Kasse hinter mir hat sich fünfmal hilflos überproduziertes Testosteron im Alter zwischen ca. 16-20 Jahren versammelt. Grillkohle, Bier und Chips.
„Digga, du redest nur Stuss!“
Die alte Dame vor mir dreht sich um. Blickt mich an. Blickt die Diggas an.
„Digga, du regst mich echt auf, Digga!“
Unwillkürlich muss ich an schlechte Verkäufer denken, die den Kundennamen zwecks persönlicher Bindungsherstellung übermäßig oft betonen. „Dieses Angebot, Frau Digga, ist speziell für Sie entwickelt worden, Frau Digga.“ Ich muss laut lachen. Man blickt kurz zu mir. Sogar die rothaarige Kassenfee mit der türkisfarbenen Modebrille. Blick: streng.

An der Nebenkasse wuselt sich ein kleiner Japaner an der Warteschlange vorbei. „Darf ich vor? Ich hab nur drei Teile.“ Ein mächtiger Bartträger mit Tattoo am Hals bremst ihn triumphierend aus: „Ich hab nur zwei. Und nun?“ Der Japaner zögert. „Sie können mich trotzdem vorbeilassen!“ Spricht es und flitzt vor. Der Bartträger schnauft sprachlos. Ich muss wieder lachen. Versuche es diesmal leise. Hoffnungslos.
„Digga, guck dir den Floh an, Digga! Der machts richtig!“ tönt es rustikal hinter mir, als der Japaner aus dem Supermarkt saust.
Die alte Dame vor mir hat ihre Waren aufs Band gelegt. Den leeren Korb hält sie einen Moment unentschlossen in der sichtbar zittrigen Hand. Dann dreht sie sich um, streckt den Korb an mir vorbei den Jungs entgegen und sagt: „Wären die Herren Digga so nett, das wegzustellen?“
Blicke: höchst perplex.
„Krasse Ansage, ey!“.
Der Korb wird ordentlich weggestellt.
Das Leben in Freitagabendkassenschlangen in der Hoheluftchaussee ist unbezahlbar!

Chausseemoment

Hoheluftchaussee.
Schon von weitem sehe ich das weiße Hemd, die dunkelblauen Hosen und die verspiegelte Pilotensonnenbrille. Der Gang des Mannes offenbart eine Frühprägung durch intensiven John-Wayne-Western-Konsum oder ein beginnendes Hüftleiden, da bin ich mir nicht so sicher. Uns trennen vielleicht noch 3 Meter, als John ein Knie beugt und sich hinab bückt, um den rechten Schuh zu schnüren.
Die Menschen hinter ihm weichen dem plötzlichen Hindernis schnell und geschmeidig aus. Schon bin auch ich auf seiner Höhe. Gleich an ihm vorbei. Und ertappe mich bei dem Impuls, ihn kurz anstupsen zu wollen, damit er vorn über kippt. Wie eine Statue. Plong. Johns Pilotenbrille würde von der Nase purzeln. Er selbst, nachdem die Nase den Boden berührt hat, seitlich kippen.
Dass ich mich bei diesem (unausgeführten) Impuls nicht abscheulich, sondern lediglich ob meiner selbst irritiert fühle, liegt ausschließlich daran, dass John nicht real wirkt, sondern wie eine Comicfigur. Ich will ihm nicht weh tun. Ich will nur das lustige Purzeln sehen.
Verstohlen blicke ich zurück. John schnürt den zweiten Schuh. Keine zwei Meter bin ich weiter, da höre ich ein dumpfes „Plomp“. Dann ein „Houmpfff“ und eine Frauenstimme sagt: „Hoppla! Alles ok?“
John ist zur Seite gepurzelt. Eine Passantin neben ihm blickt kurz besorgt. Nichts passiert.
Für den Rest des Tages war mein Kopfkino wegen Unheimlichkeit geschlossen.

Unvergessen

Frau W. betrat mein Geschäft mit kraftvollen Schritten, und obwohl der Empfang gute fünf bis sechs Meter von der Eingangstür entfernt lag, schien Frau W. direkt vor mir zu stehen; dabei hatte sie doch erst vor einer zehntel Sekunde die Klinke losgelassen. Ihre nahezu elektrische Präsenz versetzte mich in wellengangleiche Schwingung (nebst sämtlichen Mobiliar), so dass meine Hand festhaltend auf den Terminkalender schnellte. Als könne er wegrutschen. Über Bord gehen. Versinken in den Fluten ihrer Energie.

„Maniküre“ sagte sie, „ich komme zur Maniküre.“

Am besten also sofort, bedeuteten diese Worte, denn einen Termin hatte Frau W. nicht.

„Die Hände sind das wichtigste.“

Wenn das nicht ginge, dann gerne tags drauf. Ihr Haar silbergrau und raspelkurz. Vor einiger Zeit noch therapiebedingt, wie ich still vermutete. Sie sah es mir an.

„Inzwischen so gewollt!“ Ihr Lachen dabei klar, bar jeden Zitterns, wie es überspielte Unsicherheit mit sich gebracht hätte.

Eisblaue Augen, warmbraune Haut. Als wir uns bei Ihrem ersten Termin gegenüber saßen, beobachtete Sie mit wachem Blick jede meiner Bewegungen. Wir lachten viel. Über den Krebs sprach sie offen. Dabei das Funkeln einer selbstbewussten Siegerin in den Augen. „Das war eine harte Zeit, aber ich habe es geschafft. Er hat mich nicht gekriegt.“

Frau W. kam fortan alle 14 Tage. Maniküre, Kosmetik. „Meine Schönzeit!“ sagte sie oft genießerisch. Zwei frohe Jahre. Sternzeichen Wirbelsturm.

Dann kamen die Unterleibsschmerzen zurück. Die Therapien. Ihr Augenfunkeln blieb. Wir lachten. Lachten viel. Und frei heraus. Erzählten Geschichten. Rückten die Welt zurück und zurecht und dabei selbst oft zusammen. Nur manchmal war es still. Sehr still. Dann war Platz für ihre Angst. Und die Sorgen. Für alles Ungesagte. Was man den Liebsten verschweigt, um sie nicht zu belasten. Bei ihrer Schönzeit hatte sie durchhalteparolenfrei. Musste nichts hoffen. Nicht nach vorne schaun. Nichts schaffen. Durfte ganz klein werden. Ganz winzig, auf Augenhöhe mit ihrer eigenen Zuversicht. Wir durften weinen, beide.

Es vergingen mehrere Wochen. Frau W. kam nicht. Erst fiel es mir in meiner eigenen Geschäftigkeit gar nicht auf. Dann klingelte das Telefon. Ihr Mann. Ob ich ins Krankenhaus kommen könne. Für seine Frau eine Maniküre machen. „Ihre Nägel…Frau Strang, die Hände sind ihr doch so wichtig!“ Tags drauf war ich bei ihr.

Sie war dünn. Nein – ein Skelett. Erzählte mir, wohin sich der Tumor schon überall geschlängelt hat. Dass morgen eine neue Chemo diskutiert würde. Und wenn diese dann griffe, dann. Ja, dann. Diesmal waren unsere Worte Worte über das Leben und die Zukunft. Wenn sie wieder gesund wäre. Wieder mit Schwung mein Geschäft beträte.  

Es war zu jeder Sekunde klar, dass wir uns nicht wiedersehen würden.

 Ich sah es in ihren Augen und sie sah in meinen, dass ich es wusste.

Keine Angst mehr. Keine Tränen. Aber gelacht haben wir auch nicht. Ich feilte die Nägel mit aller Behutsamkeit, besorgt die filigranen Fingerknochen zu zerbrechen. Massierte kreisend ihr Lieblingsnagelöl ein. „Danke. Die Hände, Frau Strang, sind so wichtig!“ Langsam strich sie sich über die gecremte, fein duftende Haut. Kein Funkeln in den Augen.

„Ich komme in 14 Tagen wieder“ sagte ich, im Begriff aufzustehen.

Jetzt lächelte sie: „Für meine Schönzeit!“

Ich nickte, gab ihr die Hand, einen Druck länger, als all die Male zuvor. Unsere Zeit war um.

Kosmetische Selbsterkenntnisse (1)

Wir schreiben das Jahr 1997. Meine Kollegin Sabine war der Meinung, wir sollten uns wieder einmal dem Thema Fortbildung widmen, und hatte uns bei einem Basisseminar für Visagisten angemeldet.
„Dann klappt es auch endlich mit den perfekten Schattierungen!“

Also fuhren wir wenige Wochen später (des Sonntags in aller Frühe) gen Düsseldorf. Ungeschminkt, wie das zerwühlte Bett uns geschaffen hatte, und in freudiger Erwartung dessen, was der Tag aus unseren Gesichtern heraus modellieren würde.
Zu Sabines Entsetzen mussten wir gleich bei der Ankunft im Seminarraum feststellen, dass wir die einzigen waren, die sich mit so ganz und gar nackter und ungepuderter Haut hierher getraut hatten. Auch wenn ich mich ungeschminkt für durchaus öffentlichkeitstauglich halte – zwischen all den Egypt-Wonder-gebräunten Kolleginnen kam ich mir plötzlich sehr schwindsüchtig vor. Also stürmte ich als erstes den Tisch mit dem Begrüßungskaffee, füllte die Tasse bis zum Rand und brabbelte dabei was von niedrigem Blutdruck vor mich hin. Sabine hatte sich fluchtartig auf die Damentoilette begeben, bei ihrer Rückkehr wirkte sie nicht nur immer noch blass, sondern auch plötzlich gealtert.
„Geh da bloß nicht hin! Weißes Halogenlicht von oben! Senkrecht von oben! Sag mal, hab ich wirklich so hängende Mundwinkel?“
„Im Moment schon“, entgegnete ich, aber für weitere Nettigkeiten reichte es nicht, denn die Leiterin der Schminkschulung erschien.
Strahlend.
Ein Antlitz aus Porzellan. Mit blutrotem Lippenstift.
Ich schenkte mir Kaffee nach. Ein Gin wäre mir lieber gewesen.
Sie stellte sich vor, dann durften wir Teilnehmer kurz etwas über uns sagen, wobei Sabine sich in seltsamen Ausführungen zur Grippewelle, hormonell bedingter Anämie und den Auswirkungen mangelhaften Frühstücks verhedderte. Ich selbst fasste mich kurz: Name, Alter, Wohnort.
Ich ahne, es war genau diese Kürze, gepaart mit meinem allmählich glänzenden Teint, die mich in den Fokus der Lehrvisagistin rückte. Nach einer kurzen, theoretischen Einführung über die „Grundlagen der Gesichtsmodellierung mittels heller und dunkler Pudertöne“ bat sie mich unvermittelt als Schminkmodell nach vorne.

„Sie müssen als erstes den Körpertypus Ihrer Kundin erkennen. Der spiegelt sich schließlich auch im Gesicht wieder. Hier (und dabei machte sie ungehörig ausladende Bewegungen um meinen Oberkörper) kann man zum Beispiel sehr schön den kastenförmigen Schulterbau des athletischen Typus erkennen. Im Gesicht findet dies seine Entsprechung in den ausgeprägten Stirnhöckern.“
Mir wurde flau.
Stirnhöcker …
Sie hatte tatsächlich Stirnhöcker gesagt. Stirnhöcker über einem kastenförmigen Schulterbau. Ich fühlte mich plötzlich seltsam breit und ungünstig knochenlastig.

„Die Kinnkontur hingegen ist weich und abfallend.“ Irritiert blickte ich nach unten. Wohin fallend?
„Pykniker haben keine Konturen. Die Gesichtszüge sind schwammig.“

In dieser Art hatte ich mein Gesicht noch nie wahrgenommen. Ein Schwamm mit Höckern!

Dann begann die Meisterin ihr Werk.
Es wurde getupft, gepinselt, schattiert. Als ich wieder in den Spiegel blicken durfte, war ich enthöckert und konturiert. Einzig die Kastenschultern würden weiterhin verraten, dass es sich in meinem Fall um einen direkten Nachfahren des schrecklichen Hulk handeln muss.
„Wahnsinn! Man sieht echt nichts mehr von der Ausgangssituation!“, so das Feedback der anderen.

Viele Jahre lang trug ich danach einen Pony. Und Sonnenbrille. Lebte im Dunkeln und trug vorzugsweise Rollkragenpullover, die bis halb auf die Wangen hinauf reichten.
Was beweist: auch dekorative Kosmetik kann enorm nachhaltig sein – wenn man sich von Profis schulen lässt.