Neujahrsmoment

Warum gurrt kein Magen?
Alle müssten sie gurren nach den Feiertagen. In diese Stille hinein. Das Seufzen überfüllter Gedärme. Doch es ist still, richtig still. Nicht totenstill. Mucksmäuschenstill. Atmen und sockenweiches Schleichen. Kein Flüstern. Niemand mit Husten hat sich her gewagt. Noch müssen einige zuvor windgepeitschte Nasen geputzt werden. Es wird getupft. Geschniebt, geschnäufelt, geschnooft. Ich habe Sorge, dass mein Magen gurren wird. Vor einer Stunde habe ich mich einem Kaffee und einem Schokoladen-Mandel-Erdnuss-Kuchen hingegeben. Die Jeans ist zu eng gewählt für einen Meditationsabend. Ich hocke mich auf eines der mittelhohen Sitzkissen. Uff. Tausche es aus gegen ein höheres. Vielleicht wäre diesmal ein Bänkchen besser gewesen. Oder ein Platz auf einem der Stühle. Man kann wählen. Uff. Nun aber sitze ich. In der Mitte. Ganz nah am großen Stern aus Tannenzweigen, der so schlicht und schön geschmückt ist.
Eine halbe Stunde lang ist Einlass, dann wird die Türe geschlossen. Die meisten hier habe ich gestern Abend schon gesehen. Ich blicke Richtung Eingang, wenn jemand herein kommt. Mustere die Gesichter der Menschen um mich herum.
Fast alle haben die Augen geschlossen oder zumindest den Blick gesenkt. Die Ruhe vor der Meditation. Wie ein Voyeur komme ich mir vor. Muttern beklagte oft meine Neugier. Ich betrachte schrecklich gerne. Schon immer. Menschen in ihren Formen. Gesichter in ihren Facetten.
Hier nun sitzen wir dicht beieinander. Wenn ich sehe, dass jemand sieht, dass ich betrachte, senke ich die Lider. Schließe kurz die Augen. Kann sie nicht geschlossen lassen. Vorhin streifte mich ein tadelnder Blick. Vielleicht nur eingebildet.
Wir möchten gesehen werden. Erkannt. Nicht aber betrachtet. Eingehend betrachtet gar. Nein, ich auch nicht, keine Frage. Dabei ist es schön, dies betrachten. Mustern. In Jahren geprägte Details abtasten mit den Augen.
Der erste Gong ertönt.
Jetzt schließe ich die Augen ganz. Ich hätte noch einmal an der Jeans zubbeln sollen. Der sanft von der Pastorin vorgelesene Gedankenimpuls lässt es mich vergessen. Heute ist es „Aufbruch“. Und zum Schluss fragt sie: „Welchen Namen trägt der Stern, der dich führt?“
Hermine.
Hermine aus dem Steppenwolf, die zu Harry sagt: „Ach, Harry, wir müssen durch so viel Dreck und Unsinn tappen, um nach Hause zu kommen! Und wir haben niemand, der uns führt, unser einziger Führer ist das Heimweh.“
Das Heimweh, denk ich.
Ich denk das oft. Und spürs. Das Heimweh.
Mein Magen gurrt. Plötzlich hat die Stille Raum für alle Geräusche. Aus der Frau neben mir gurrt es zurück. Gurgelt und schluchzt gar ein wenig. Eine tiefe Verdauungssinfonie. Beim Mann hinter mir lässt offensichtlich leicht aufsteigende Säure den Magenpförtner trällern. Sein Aufstoßen ist das leise Auspusten eines Wals. Ich höre Gelenkknacken wenn Sitzpositionen verändert werden. Schlucken. Atmen. Umschifftes Räuspern. Kratzen von Fingern auf Jeans. Ein fast tonloses Gähnen.
Wie heißen die Sterne der anderen? Der Gong ertönt.
Wir singen. Da pacem cordium. Lange. In Kanonwellen wogend. Solange, bis das Lied in allen verhallt. Ganz von allein.
Und ich hör nur noch das Herz.

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