Maskenmoment

„Sie wissen selbst, dass das bescheuert aussieht, oder?“

Wem die dezent knarzende Stimme links von mir gehört, kann ich nicht direkt erkennen, da die anprobierte Sonnenbrille sowohl verdammt dunkel, als auch verdammt beschlagen ist durch das Tragen der Maske.

„Meinen Sie jetzt die Brille? Oder die Maske? Oder die Brille mit der Maske?“

„Ich meine die beschlagene Brille mit der Maske, die allerdings auch unbeschlagen und ohne Maske nicht die Ihre wäre.“

„Nicht?“

„Gar nicht.“

„Danke. Ich habe keinen Blick für Brillen. Weder für normale, noch für Sonnenbrillen.“

„Es ist wenig charmant, das zu bestätigen, viel Wahl lässt mir die Momentaufnahme jedoch nicht.“ Sein verborgenes Lächeln zieht einen Sonnenkranz von Fältchen um die terence-hill-blauen Augen. Der kleine Mann hat braungebrannte Haut und hellgraues Haar mit weißen Strähnen, das fingergekämmt auf dem Kopf wogt wie eine perfekte Surfwelle. Blaues Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, dunkle Jeans, Ledergürtel, die Jacke über eine Schulter geworfen. Ich nehme die Sonnenbrille ab und stecke sie zurück in die Halterung. Seine Fingernägel sind von dezentem Glanz. Manikürt.

Schnell mal schauen, ob’s hier eine schwarze Hose hat, deswegen war ich flott die paar Schritte zu Karstadt gesaust, nachdem sich ein Angehörigen-Termin nach hinten verschoben hat. Nun besitze ich ein helles Sommerkleid mit zart eingewebten Goldfäden, für das es in meinem Leben vermutlich nie einen Anlass geben wird. Die Dame -und sie ist eine echte Dame- die vormittags zur Besprechung eines Vorsorgevertrags bei mir war, hatte auch von Anlässen erzählt, die es nie gegeben hat. Für die Vorsorge gäbe es ebenfalls keinen, also keinen akuten. Sie sei kerngesund, im Gegensatz zu ihrem Mann. Aber der weiche dem Thema aus. Der Satz piekst in meinen selbst immer noch nicht geregelten Dingen. Patientverfügung, Vollmacht, wer findet wo was. Zumindest meinem Team könnte ich mal erzählen, wie ich unter die Erde will. Die Dame hat schon ein Grab ausgewählt. Eine Urne. Und verbittet sich Gerbera. „Können Sie das aufschreiben?“ Natürlich kann ich das. Würde ich Gerbera verbieten?

„Ich wollte Sie nicht so tief ins Grübeln bringen.“

Du meine Güte, der Mann steht ja immer noch dort.

„Entschuldigung, ich bin abgeschweift.“ Er hat schmale Lippen, das weiß ich, ohne sie zu sehen. Seine Maske ist dunkelblau wie die Jeans. Ein smartes Ton-in-Ton-Gesamtkunstwerk.Lässig. Vielleicht nähme ich mit freier Nase etwas von seinem After Shave wahr. Aus einem unerfindlichen Grund glaube ich, er könne dasselbe Nutzen, das ich früher an einem Onkel von mir so mochte. So oft finde ich Menschen extrem attraktiv, ohne mich davon angezogen zu fühlen. Er gehört auf ein Poster. Das gewiss.

„Sie sehen unglaublich … stimmig aus.“ Warum spreche ich bloß immer größte Blödsinnigkeiten aus, wenn ich schon mal was ausspreche? Grundgütiger! Ich setze die weggesteckte Sonnenbrille wieder auf und atme schnell einen dichten Beschlagungsgrad herbei. Aber selbst in meinem Nebel bleiben mir seine sich wieder kränzenden Augenfältchen nicht verborgen.

„Ist das ein Kompliment oder ein Tadel?“

Mein Handy surrt. „Verzeihung…ich muss kurz nachsehen.“ Ich schau auf das Display. WhatsApp von Mia. Müdigkeit könne auch ein Coronaanzeichen sein. Himmel!

„Es war als Kompliment gedacht.“

„Dankeschön. Welche Frage ich anschließen möchte, wissen Sie bestimmt.“

„Was mit stimmig gemeint ist?“

„Ob wir das Gespräch draußen fortsetzen?“

Ich glotze noch immer durch beschlagene Brillengläser, nehme das Gestell endgültig ab. „Kommen Sie.“

Gemeinsam verlassen wir das Kaufhaus, vor dem es aus der hausintegrierten Wurstbude intensiv nach Frittierfett riecht. Ich nehme meine Maske ab. Er seine.

„Jetzt mit ganzem Gesicht.“

„Überraschung?“

„Nicht wirklich.“

So schmale Lippen. Denk ich und spreche es nicht, gottlob. Er nickt, lächelt, hebt kurz die Hand zum Gruß. „Dann mal weiter.“

„Ja, weiter.“

Ich mag Gerbera, wenn ich ehrlich bin. Und das neue Kleid.

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