Jenseits von Duvenstedt

Ein Kaffee soll’s sein. Zum Hiertrinken, bitte. Eigentlich beginnt man Spaziergänge nicht so. In der Konditorei ist ausnahmsweise wenig los. Ich bestelle noch ein süßes Hefemandelbrötchen und einen Rüblikuchen. Nein, so beginnt man Spaziergänge nicht.


Draußen ist es grau. Wolken wringen die letzten Tropfen auf den Asphalt. Der Zeitschriftenmann hat die GALA mit einem Stein am Davonmachen gehindert. Den Menschen, die herein kommen, sieht man den Sonntag an. Überdurchschnittliche Homewear-Dichte in grau, blau und bleu. Zerflustes Haar. Ungetuschte Wimpern. Wochenendväter erklären ihren Kindern die Teigwarenauslage. Ich rühre, obwohl ich keinen Zucker genommen habe. Rühren ist Ruhe. Ich sehe den Gallier erst auf den zweiten Blick. Eine hohe, spröde Frau mit Haaren aus Wildschweinborste hatte ihn verdeckt, als er das Café betrat. Mit Zöpfen sähe er aus wie Asterix. Die spröde Frau deutet auf den Tisch neben mir. Der Gallier nimmt mit dem Rücken zu mir Platz. Die Frau geht an den Bestelltresen. Zwei Kaffee. Ein Keks. Ein großer Keks mit Walnuss und Datteln. Sie stellt alles auf den Tisch, legt eine Serviette in die Mitte, teilt den Keks und sagt „Nimm.“ zu dem Gallier. Er nimmt. Beide schauen gleichzeitig hinaus ins Grau. Ich rühre nicht mehr. Die Ringe verraten ein Ehepaar. Nach jedem Bissen legt sie den Restkeks auf die Serviette. Goldener Erbschmuck an Hals und Ohren. Am Handgelenk hingegen ein silbernes Pandora-Band mit 4 Charms. Gallisches Weihnachtsgeschenk.

Ich räume meine leere Tasse in die Geschirrablage und gehe. Ja, ich habe geplant. Bis Duvenstedt sind es circa 25 Kilometer. Nein, ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet Duvenstedt gewählt habe. Wahrscheinlich, weil es bis dorthin 25 Kilometer sind.
Bereits nach 4 Kilometern habe ich keine Lust mehr dem Navi nach Duvenstedt zu folgen. Ich schalte es aus und gehe, wie so oft, der Nase nach. Mal links, mal rechts. Aus den Bäumen tropft es dick, die Luft ist süß wie Honig. Nasse Baumrinden und klebriger Asphalt. Überall in der Stadt atmet Dschungel. Affen kreischen sowieso.

An der Alster entlang wird es hell. Der Wind weht die Sonne vor sich her. Mensch, Hund, Rad, Kind. Langblonde Gazellen mit Pilotensonnenbrillen, die im Gegenlicht alle vollkommen gleich aussehen. Unter einem Baum steht ein Mann mit grimmigem Blick und greift Erdbeeren aus einer weißen Plastiktüte. Steckt drei oder vier davon in seinen Mund, um Sekunden später das zerlutschte Blättergrün mit einem rosa Schlunz ummantelt auszuspucken.
Unterm Fernsehturm schiebt Miss Marple ihr Fahrrad an mir vorbei. Der bodenlange, blaue Mantel sieht zu warm aus und ist es auch. Sie keucht. Mein Schrittzähler sagt, ich hätte nach Duvenstedt gehen und nicht trödeln sollen. Ich esse ein Eis. Und gehe nach Hause. Nach 23645 Schritten ist Schluss.

(Spaziert am 04.06.2017)

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