Ich stand in Wien und weinte

Die Stadt hat nicht auf mich gewartet. Fast eine Spur übertrieben präsentiert sie ihre Abendgeschäftigkeit, den Trott, das Asphaltgrau, das Montagstreiben zum Arbeitstagende. Ich würde klopfen, wüsste ich wo; so aber stehe ich nach dem Verlassen des S-Bahnhofs nur kurz auf dem Gehweg, dann wende ich mich Richtung Fußgängerampel.

Es ist warm. Der Mantel ist zu viel, der Schal ist zu viel. Es war heiß, als ich letzten Sommer hier war. Bei Planung der jetzigen Reise hatte ich noch Sorge gehabt, es könne mir im Winter zu kalt sein. Zu frostig für lange Streifzüge, zu klirrend, zu klamm. Nun schwitz ich, während ich mit Koffer, Stoffbeutel und Rucksack in die ansteigende Gasse abbiege. Das Geschäft, dessen letzten geöffneten Tag ich im Juli erlebt habe, ist noch nicht wieder vermietet. An das Sportstudio an der Ecke kann ich mich nicht erinnern. Und das Haus gegenüber, ich seh es schon von hier unten, ist auch noch nicht fertig renoviert.

Dass das rhythmische Zusammenziehen brustinterner Muskulatur auf einmal spürbar ist wie mit Gewichten behängte Extremitäten, hatte ich schon beim Aussteigen bemerkt. Jetzt, da mich jeder Schritt dem Ziel näher bringt, zerspringe ich nahezu. Als wär ich nicht weg gewesen, zu lang weg gewesen, nie hier gewesen. Der Schlüssel passt. Natürlich passt der Schlüssel, passt der Knopf im Lift, die Tür, der erste Fuß in der Wohnung. Vertraut. Ankommen wie Heimkommen wie Wiederkommen, nein, wieder da sein, hier sein, jetzt sein, da gewesen sein, gewesen sein, ja. Fort gewesen sein, warum nur.  Ich mag den Geruch und das Klacken der Tür und stell den Koffer ab und die Schuh und im Mantel haste ich die Stufen hinauf, geh hinein, geh nach rechts in mein Zimmer, also das Zimmer mit dem hergerichteten Bett, auf das der feine Freund ein Buch gelegt hat; ich les den Titel und auf einmal mal haut es mich um, haut mir die Erinnerung stumpf ihre Wucht auf die Schultern um die Ohren in die Eingeweide zwischen die Rippen: Glücklich war ich gewesen in Wien, glücklich bis in die Gedanken.

Es eilt mich zum Balkon, ich öffne die Tür, springe die Wendeltreppe auf die Dachterrasse empor, bemerke, dass ich strumpfsockend bin, was ich nicht sein soll, wegen des Holzbodens; ganz egal. Da ist der Abendhimmel und die Stadt und ich und die Luft, der Blick auf den Kran und die Kirchtürme und den Abendhimmel und das Licht und die Stadt.

Ich steh und weine, ganz wundverrückt stumm. Glücklich, noch ohne Gedanken.

5 Antworten auf „Ich stand in Wien und weinte“

  1. So berührend, dass und wie du in Wien bist.
    Die eigene Heimatstadt aus deiner Sicht, mit deiner Geschichte…
    Vielleicht ums Eck?
    Danke

  2. Welch ein wunderbar lebendiger Text. Ich bin gerade gefuehlt in Wien gewesen. Auch im Winter. Auch mit dem Gedanken, dass sich so viel seit dem letzten Mal veraendert haben wird. Nicht zuletzt ich selbst.
    Danke.

  3. Bettina, Du hast mich mitgenommen in „Dein Wien“ – kann es Dir
    so nachfühlen, daß Du geweint hast. Ich weiß zu wenig von Dir –
    wußte und weiß nicht, was Wien für Dich bedeutet. Noch eine
    „gemeinsame“ Wohnung, wie heimelig – aber warum „nur ein Buch“? „Geruch“ kann mehr sein als „Ankommen“!!!
    Na, das sind nur so ganz spontane Gedanken – ich gehe jetzt mit
    Deinem Erlebnis in mein Bett.
    Schlaf‘ Du auch gut, egal, ob in Wien oder anderswo. Marie-Luise

    Ich umarme Dich einfach!! Marie-Luise

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