Häkelmoment

Als ich Kind war,  gehörte „der liebe Gott“ so selbstverständlich in meine Welt wie die Biene Maja und die Mutter meines Vaters, die ich nicht kannte, weil sie schon so lang tot war, die aber wiederholend aus ihm sprach in den Versen, die er vor sich hin rezitierte und die von ihr stammten oder ihr zugedacht waren. Während die Biene Maja für mein Vergnügen zuständig war und die Verse der Mutter meines Vaters für meine lyrische Frühbildung, sorgte „der liebe Gott“ dafür, dass ich, so er denn wollte, morgens wieder wach wurde, einmal groß würde und alle Versuche meine Flunkereien zu vertuschen zumindest an einen zittrigen Gedanken gekoppelt waren. Ihm würde ich es eines Tages verdanken, die Mutter meines Vaters kennenzulernen, weil er nicht nur fürs Aufwachen, sondern gleichermaßen fürs Auferstehen zuständig war. Natürlich wollte ich auch deshalb nicht zu viel Flunkern. Mir fehlte jegliches Gefühl dafür, mit wie viel kleinen, mittleren, großen, absichtlichen oder Not-Lügen eine Auferstehung nicht mehr möglich sein könnte. Ob und wie viel die Mutter meines Vaters geflunkert hatte, beschäftigte mich manches Mal. Was, wenn all meine Aufrichtigkeit ins Leere liefe, wir uns nicht träfen, weil sie …?

„Der liebe Gott“ war der Herr über das Wetter in meinem Leben. Und er hatte den Schnee erfunden, weil der Winter sonst zu laut wäre. Dafür mochte ich Gott und für seine schalldämpfenden Eigenschaften mochte ich den Schnee. Mochte ihn für das kristalline Prickeln auf der Zungenspitze, wenn ich mit halboffenem Mund Flocken jagte. Mochte ihn für Schneeballschlachtspaß und weil ich kugelrunde Männlein aus ihm bauen konnte. Am meisten aber dafür, dass sein Rieseln leise war und alles leiser machte.

Wenn ab dem Herbst kein Blattgrün mehr das Scheppern der Stadt in sich aufnimmt und es stattdessen dröhnend und blechern die Kälte noch viel kälter macht, dann brauchts Schnee. Tuffig und schwer legt sich das Weiß über jeden nackten Ton. Begräbt das reißende Zischen von Reifen auf nassem Asphalt, nimmt den Pfützen das Klatschen und den Schirmen das Prasseln.

Das kam mir in den Sinn, als ich gestern im Zug der Frau beim Häkeln zusah, die offensichtlich eine Hülle häkelte, eine Art Ummantelung. Ich vermutete für eine Trinkflasche. Strickende sieht man öfter als Häkelnde. Mir kam in den Sinn, dass jetzt, wo es kaum noch Schnee gibt, jedenfalls hier nicht gibt, und der Stadtwinter laut bleibt und krachend und blechern, die Häkelnden unsere Rettung sein könnten. Meine jedenfalls.

Ich stellte mir vor, wie die Frau nicht diese gelbe Trinkflaschenhülle für ihr Tochter, sondern eine weiße Hülle für die Elphi und die Landungsbrücken, für die Reeperbahn und den Michelturm, für die Alsterwege und die U-Bahntrassen häkelte. Wie außer ihr viele, viele Menschen das nach dem Sommer kahle Hamburg einhäkelten, damit es weiß und gedämpft würde, wie ein verschneites Hamburg. Wo Schnee ist, ist Güte, ist Weisheit, ist Filzpantoffelzeit. Und immer kocht jemand ein Süppchen. Das, so weiß ich von meinem Vater, hatte seine Mutter auch gekocht. Bestimmt hätte sie Güte gehäkelt für mich, wenn wir ein wenig zur gleichen Zeit lebendig gewesen wären.

Ich dachte, wie verrückt das doch ist, wenn ausgerechnet mit dem Fehlen des Schnees die Wärme des Winters verloren ist. Das Geborgensein in wattierten Gassen. Fragte mich, ob sich das sanfte Knarzen unter den Schuhen einhäkeln lässt und mit welchem Garn. Dachte auch kurz an den lieben Gott und die Biene Maja. Daran, dass ich weder häkeln noch Schnee machen kann. Dafür manchmal Lärm um nichts. Und manchmal Stille aufschreiben.

Die Frau häkelte bis Altona, dann stieg sie mit mir aus, in flappsplatschenden Flipflops. Dass noch Sommer ist, dachte ich.

Jedenfalls irgendwo.

4 Antworten auf „Häkelmoment“

    1. das Gütigsein ist die Güte.. so hab ich es verstanden..
      wo Schnee ist, sind die Menschen gütig und weise – aber eben abstrakter im Sinne von, da braucht es eben keine Menschen dafür, da ist die Güte an sich da..
      und die Weisheit..

  1. haha – jetzt weiß ich endlich, was ich häkeln könnte. .ich häkel so gerne, aber ich weiß nicht, was ich brauchen könnte, was gehäkelt ist.. 😉

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