Geliebtes Jahr

Ich bin mir nicht sicher, ob es jemals ein Jahr gab in meinem Leben, in dem die Dinge so gekommen sind, wie ich gedacht oder mir ausgemalt hatte. Wie ich sie erwünscht oder erhofft hatte. Manches habe ich in heller Erinnerung, anderes stürzt mich ins Dunkel, vieles ist längst vergessen (gottlob vs. verdammt); lebendig in Körper und Geist sind bestimmte Zäsuren, Ereignisse, Wendepunkte. Die nicht immer laut waren, dafür tief oder nachhaltig. Die nicht immer schön waren, schließlich aber aus Wunden Wunderbares schorfte. Wenn ein toter Mensch vor mir auf dem Tisch liegt zum Waschen und Einkleiden, überkommt mich jedes Mal der Gedanke, wie unglaublich filigran und wie unglaublich zäh das Leben ist. Gleichzeitig. Im Bruchteil einer Sekunde kann es vorbei sein. Deine Haut durchtrennt. Dein Herz still. Deine Organe versagend. Dann wieder creme ich ein hundertjähriges Gesicht ein und bin erstaunt, dass hier jede Auto- oder Radfahrt, jeder Schritt, jeder Streit und jede Krankheit lebendig überstanden wurde. Dass der Lebensmut nicht perdu ging auf der langen Strecke. Sie oder er lebte 100 Jahre. Oder 90. Oder 80. Oft halt ich da den Atem an.

„Alles passiert in derselben Welt; daher ist das Leben so schwierig“ habe ich mit Anfang Zwanzig in meinem Lieblingsbuch grün gemarkert. Alles was zum Leben gehört, ist immer da. Irgendwo auf der Welt. Das Schöne und das Schreckliche. Es ist nie weg, egal wie sehr wir uns selbst davon fernhalten oder es ausblenden möchten. Genau jetzt küssen sich Teenager, bekommt ein Kind Krebs, ertrinkt eins im Meer, erschießt sich ein Mann, bekommt eine Frau Zwillinge, wird eine Kaffeetafel gedeckt, teilt sich eine Zelle, wird ein Hund gerettet, ein anderer gehäutet, brennt ein Wald, stirbt eine Art aus, zwitschern Vögel, schnurrt eine Katze, postet jemand ein Eiscremerezept, sagt ein Paar Ja, malt einer ein Bild, tönt eine Arie durch die Nacht, anderswo ein Schrei. Genau jetzt.

Meine Zeit ist die einzige, die ich habe. Der einzige Ort, an dem ich mich befinde. Es gab in meinem Leben ein Jahr, in dem ich mir das Leben nehmen wollte. Alles war perfekt vorbereitet. Endgültigkeit, bitte. Kein Hilferuf. Eine tiefe Ruhe überkam mich im Wissen, dass ich nun jederzeit gehen kann. Und da sagte auf einmal irgendwas in meinem Hirn zu mir: Herrgott, dann nimm dir halt endlich mal dein Leben! Nimm’s! Greif zu! Hör auf mit dem ganzen Halbheitengedöns, dem Verbiegen, dir verbieten, dem Flüchten, der Scham, der Schuld, dem Vermeiden. Hau rein, greif zu, aber bitte die volle Ladung! Baff starrte ich auf diesen Doppelsinn von „sich das Leben nehmen“. Starrte auf meine Vorbereitungen. Totsein hätte auf Anhieb geklappt. Leben bisher irgendwie nicht. Mir mein Leben zu nehmen hatte ich noch nicht probiert offensichtlich. Nicht gewagt.

Das ist ordentlich lange Jahre her.

Seither probiere ich. Wage ich. Gewinne ich. Scheitere ich. Zögere ich. Ziele ich. Mache ich. Lass ich sein. Bin ich. Hier. Jetzt. 2020 hatte helle und trübe Tage. Schmeckte nach Erdbeeren und Cremant. Roch nach Krankheit und Verwesung. Hatte Lachfalten und Kullertränen. Hielt mich auf Abstand und verband mich innig. Hat mich viel gelehrt. Mein Herz gedehnt. Manchmal schmerzhaft, oftmals schön. So vieles, das ich zum letzten Mal gesehen habe. Getan habe. Erlebt habe. So vieles, das ich zum ersten Mal gesehen habe. Getan habe. Erlebt habe. Endlose Wiederholungen, ermüdende und wundervolle. Autopilot und freier Fall, Zielgerade und Schlängelpfad. Jeden Tag gelebt. Gewünscht.

Gehofft. Ganz unausgemalt. Geliebtes Jahr.

2 Antworten auf „Geliebtes Jahr“

  1. Puh, dein Text berührt mich sehr – Danke! Ich habe auch eine Doppeldeutigkeit entdeckt „Meinetwegen“. Ich will etwas lassen, was mir nicht gut tut, eben meinetwegen. Aber es gibt auch dieses andere meinetwegen, was mit einem ergebenen Schulterzucken begleitet wird.

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