Gagamoment

Henk hinkt.
Der Fußweg vor dem Kino ist menschenvoll. Direkt hinter der Tür ist es nicht besser.
„Ich glaub da hinten ist noch Platz“, sage ich und leite Henk zu zwei freien, kleinen Sesseln neben der Bar.
„Was hast du gemacht?“
„Weiß nicht. Schmerzen im Fuß. Seit Neujahr.“
„Seit Neujahr? Bist du mit Jan so wild ins neue Jahr getanzt?“
„Nein, ich war spazieren.“
„Silvester?“
„Nein, Neujahr.“
„Ich dachte Jan hasst Spaziergänge?“
„War ja auch nicht dabei.“
Das Schweigen macht BÄM.
„Ist er wieder…hat er etwa…?“
„Ja.“
„Warum setzt du ihn nicht einfach vor die Tür? Wie lang geht das nun schon?“
„Halbes Jahr.“
„Zeig mal den Fuß.“
„Hier? Jetzt?“
„Ja. Wie weit bist du gegangen?“
„Weiß nicht. Nee, lass mal.“ Henk macht eine abwehrende Handbewegung.
„Meine Güte, Henk, ich will deinen Fuß sehen, nicht deinen Hintern.“
„Gleich ist Einlass.“
„Vielleicht ist es ein Ermüdungsbruch.“
„Ein Ermüdungsbruch?“
„Ein Ermüdungsbruch. Lass sehen, ob es geschwollen ist. Oder warm.“
„Natürlich warm. Mir ist immer warm.“
„Henk!“
„Nu komm, ist Einlass.“
Der Kinoraum ist winzig. Ich fühle mich wie beim Betreten eines Flugsimulators. Letzte Reihe. Das sind genau drei Klappsitze. Auf dem direkt an der Wand sitzt eine gepolsterte Frau mit großer Brille und durchwühlt eine Popcorntüte.
Henk setzt sich neben sie, ich an den Rand. Ich ziehe eine Packung Taschentücher aus meiner gelben Handtasche.
„Guck, ausnahmsweise bin ich vorbereitet.“
„Wird das tränendrüsig?“
„Nicht? Doch. Alle sagen das. Außerdem ist es ein Musikfilm. Ich heul bestimmt.“
Ich bücke mich nach vorne, greife Henks beschuhten Fuß und drücke meinen Daumen durch das Leder.
„Aua!“
Henk macht eine abwehrende Handbewegung.
„Mir gefällt das nicht, Henk. Mir gefällt das nicht.“

Der Flugsimulator füllt sich bis auf den letzten Platz. Dann wird es dunkel.

„Hm.“
Es ist selten, dass ich Kinofilme noch während des Abspanns verlasse. Diesmal drängt es mich zügig Richtung Tür.
„Hat der dich überzeugt?“
Henk schweigt.
„Die habe ich jedenfalls nicht gebraucht“, sage ich und packe die Taschentücher ungeöffnet zurück in meine Handtasche.
„Enttäuscht?“
„Ich meine…das war …also so…hat dich das berührt, Henk?“
„Die Songs sind ganz nett.“
„Berührt, Henk! Da drin! Berührt!“
„Ich hatte ein Déjà-vu, immerhin.“
„Ja?“
„Ja. Rote Haare, große Nase. Kenn ich, dachte ich.“
Henk guckt mich an und lächelt kurz.
„Blödmann.“
„Nanana!“
„Ich meine, das war alles so…so…wie ein endloses Hochglanz-Musikvideo mit einer Prise Drama. Die Gaga spielt überzeugend, keine Frage. Aber die Story ist völlig blutleer. Und dann diese Frühstücksszene! Ich war völlig genervt von den angezogenen Beinen. Ich meine, das war sooooo klar. Wahrscheinlich MUSS man einfach nach der ersten Nacht mit Mr. Superduper im weißen Bademantel mit angezogenem Bein am Frühstückshoteltisch sitzen. Pretty Woman macht das übrigens auch. Und natürlich biegt sich der Tisch unter fünf Sorten Rührei und tausend anderem Gedöns. Und natürlich picken alle nur ein wenig im Essen herum und lassen es dann stehen.“
Henk schweigt.
„Ich würde nie nur im Essen picken. Ich säße vor allem normal am Tisch. Weil man dann auch besser essen kann. Und ich würde alles Rührei aufessen!“
Henk nickt.
„Und den Rest. Nichts stehen lassen. Nur in Hollywood sitzen alle pickend mit angezogenen Beinen supercool am Tisch und frühstücken nicht. Das nervt mich.“
Henk schweigt.
„Okay. Ich frühstücke auch nie mit Rockstars. Oder Richard Gere. Aber sei ehrlich.“
Henk schweigt.
„Die Lacher haben nur wenig gezündet.“
Wir sind inzwischen am Stephansplatz angekommen. 23 Uhr. Planten un Blomen ist längst zu. Also außen herum.
„Willst du nicht in den Bus steigen?“
„Nee. Geht. Wirklich.“
„Okay. Wenn du meinst. Mir gefällt der Fuß nicht.“
Henk schweigt
Blöde Idee ihn ausgerechnet in eine Lovestory zu schleppen. Naja, eigentlich ein Musikfilm. Mir fällt nichts ein, was ich sagen kann. Die Ampel ist rot. Ein junger Mann mit weißen Turnschuhen und einem Wuschelkopf wie Paul Breitner zu seinen frisurinnigsten Zeiten hüpft an uns vorbei und überquert neckisch posend die Straße. Eine Mädchenstimme piepst auf: „Wegen dir sterbe ich noch! Wegen dir sterbe ich noch und werd überfahren!“ Die Elfe tippelt eilig hinter dem Wuschelkopf her.
DEINETWEGEN möchte ich dazwischen zetern. Deinetwegen! Ist das so schwer zu kapieren? Grundgütiger, ich bin ein peinlicher Genitiv-Extremist. Es ist wirklich gut, dass ich keine Kinder habe. Peinlich, peinlich, peinlich. Obwohl ich nichts laut gesagt habe, bin ich mir peinlich.
Henk schweigt.
Die Ampel schlägt auf Grün.
Wir sind gerade auf der anderen Straßenseite angekommen, da beschleunigt Henk seinen Schritt, schwenkt mit einer Halbdrehung nach links und stellt sich direkt vor mich. Greift meine Hand, klemmt sie fest, viel zu fest zwischen seine Hände und drückt sie auf sein Sternum. Sein Blick ist düster und schmerzvoll und erdnass wie ein frisch ausgehobenes Novembergrab.

„Hier ist der Ermüdungsbruch, weißt du? Genau hier!“
Fast zermalmt er meine Hand auf seinem Brustbein. Mir wird flau. Kalt. Eine Sekunde lang bin ich nicht mehr sicher, ob ich Kniescheiben besitze.

So plötzlich wie er zugepackt hat, lässt er los, wirbelt schallend lachend zurück an meine Seite und klebt mir gackernd ein Taschentuch auf die kullernden Tränen.
„Na? Jetzt brauchste doch noch eins, was?“
„Blödmann!“
Henk lacht. Ausgiebig.
„Blödmann! Blöder Blödmann.“
Schnäuzen. Tupfen. Kichern.
Er hakt sich unter.
„Ja. Ich weiß. Du aber auch. Oft.“
Ich schweige.
„Nu komm. Ab durch die Nacht jetzt.“
Sagt Henk. Und hinkt.

Eine Antwort auf „Gagamoment“

  1. Mhm, ein besonderes Kinoerleben mit Freund. Als auch gerne Kinogängerin interessiert mich natürlich der Film ohne Taschentuch, und wie schön, dass der Freund dafür gesorgt hat, dass du doch eines brauchtest. Das gefiel mir gut.

Schreibe einen Kommentar zu Annette Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.