Dämlich

08:00 Uhr.

Der winzige Strandabschnitt an der Lister Promenade ist leer. Sylt schläft noch oder frühstückt. Bettenwechseltag. Viele Autos werden gleich bepackt werden. Das Wasser glitzert um die Fähre, die Möwen über mir schweben lautlos im Wind.

Über eine Stunde vergeht, dann kommt der erste Mensch mit Hund. Dann der zweite, wobei es hier mehr nach Hund mit Mensch aussieht.

Das Meer hat Quallen an den Strand gespült, eine Mutter erklärt ihrem Sohn, dass die brennen, falls es Feuerquallen sind, nur wisse sie das eben nicht.

Der Sohn staunt und schaut, schüttelt den Kopf und fragt, ob es auch in Südfrankreich Feuerquallen gäbe. Wie er auf Südfrankreich käme, will die überraschte Mutter wissen. Naja, das sei sein Traum, einmal in Südfrankreich sein und dort im Meer baden. Aber wenn dort Feuerquallen wären, sei der Traum geplatzt. Der Junge mag sechs Jahre alt sein oder sieben. Er nimmt eine Möwenfeder aus dem Sand und steckt sie in die Qualle. Die Mutter sagt: „Das können wir googeln.“

Der Sohn ergänzt: „Quoogeln.“

Ich habe derweil aus Federn und Meereszeug eine Landschaft in den Sand „gemalt“ und fühle mich picassoesk. Kunst konnte ich noch nie.

Ein Hund wälzt sich, vielleicht in einer Qualle, er ist zu weit weg von mir und auch von seinem Frauchen. Plötzlich sind alle weg. Das Meer rauscht hungrig, die Möwen haben ihre Schreie wiedergefunden. Ich sitze.

10 Uhr wird es sein, ich bin zu faul nachzusehen.

Zwei Kinder laufen an mir vorbei, gefolgt von einer Mutter mit Mops. Während die Mädchen Sand in kleine Tütchen füllen, starrt die Mutter aufs iPhone und der Mops auf die Mutter. Langsam bewegt sich das Quartett gen Wasserlinie, wobei die Mutter unablässig mahnt, nicht weiter zu gehen. Nasse Füße scheinen okay, nasse Waden nicht. Der Mops ist nervös, die Kinder taub. Die Mutter mahnt wiederholend zur Umkehr wie ein Navi, nachdem man falsch abgebogen ist. Endlich sind alle wieder auf dem Trockenen.

Die Mutter hebt das Handy für ein Foto, vergnügt greifen die Mädchen in den Sand und werfen ihn über sich in die Luft als sei er buntes Herbstlaub.

Der Schrei der Mutter ist spitzer als der jeder Möwe. Sie schimpft ihre Töchter dämlich, so dämlich, nun sei alles voll Sand! Wie sollen sie denn nun ins Auto? Dabei wuschelt sie durch die töchterlichen Haare, grob und unwirsch. Der Papa habe bestimmt schon alles gepackt, nun müsse wieder ausgepackt werden! Wie man so dämlich sein könne?

Es ist doch nur Sand, sagt das ältere Kind, doch das macht die Schreie der Mutter noch spitzer. Es ist doch nur Sand hechelt der Mops. Die Mutter wuschelt und wuschelt ihre Töchter zu kleinen Einsteins, während sie „dämlich, dämlich“ ausspeit.

Ich würde ihr gern eine Feuerqualle unter den Gaumen klemmen, stattdessen klingelt das iPhone. Ja, sie kämen jetzt zum Parkplatz, aber sie hätten den halben Strand dabei.

Ein wenig Sylt im Gepäck schade nie, denk ich. Die Mädchenschultern hängen tief. Mutter und Mops hecheln asynchron.

Ich packe mein Bündel und gehe Richtung Hafen, weiter auf dem Deich entlang und durch die Dünen. Die Heide blüht zart. Hier ist der Morgen noch menschenfrei. Karg und still und glücksbesprenkelt.

4 Antworten auf „Dämlich“

  1. Das ist ein schöner, aus dem Leben gegriffener Strandbericht –
    könnte an jedem Sandstrand beobachtet worden sein. Die über-
    ordentliche Mutter und die Kinder voller Übermut und mal los-
    gelöst vom Alltag. Dazu der Mops, der so herrlich verständnislos
    alles beobachten kann, zumal „spitz“ gemeckert wurde. Hat mir sehr gefallen, und ich habe richtig fröhlich geschmunzelt.
    Die Mutter hat mir die Wut ins Gesicht gebracht, aber gleich
    Feuerqualle? Zu hart, denn das schmerzt fürchterlich!

  2. Ja, manchmal ist schön, wenn k e i n e Menschen da sind…..konnte gut fühlen, dieses Hin und Her zwischen Menschenwelt und Natur, die wir ja eigentlich auch sind…..
    Danke und liebe Grüße
    Champa

  3. So realitätsnah geschrieben, dennoch so berührend. Als wenn ich dort selbst am Strand gegangen wäre.
    Wieder einmal so schön zu lesen! Ach was – ich ATME deine Geschichten!

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