Niemandsflieder

Als ich das Ende der Hecke erreiche, steigt mir der bekannt liebliche Duft in die Nase und hinter dem baumhohen, städtisch rasierten Grün wird ein Flieder sichtbar. Krumm und dünn, das Wort zart würde nicht passen. Einige der weißen Blüten haben schon an Volumen und Saftigkeit verloren, zeigen braune Ränder und erste dunkle Stellen. Ich greife mit der Hand in die noch satten Blüten. Flieder fühlt sich einzigartig an in den Handmulden. Weich und gleichzeitig fest, man könnte ihn kraulen, ohne dass er zerfällt und spürt dabei den anschmiegsamen Widerstand dieser kleinen Blütenkelche.

Ein Niemandsflieder am Straßenrand.

Hat sich selbst gepflanzt, irgendeinmal. Hat dem Schatten der Hecken getrotzt und der Leere des Bodens. Zu karg, um Aufmerksamkeit zu erregen, an diesem Straßenabschnitt. Hier geht man rasch vorbei, nicht schlendernd entlang. Ein Weg der kein Ziel ist, dessen Grün nicht einmal zur Kulisse reicht. Unland. Was hier wächst, wächst für sich allein.

Die Abendsonne legt sachte ihr Gold auf uns, ich atme die Süße, die der Wind immer wieder neu verwirbelt. Direkt über mir ist die üppigste Stelle. Noch einmal tauche ich mit den Armen tief ins Blättermeer und merke überrascht: der Strauch hält mich. Fest. Und innig.

Meerschweinmoment mit Mia

„Siehst du auch so fürchterlich aus?“
„Du siehst fürchterlich aus?“
„Ich? Nein.“
„Wer sieht dann fürchterlich aus, Mia?“
„Margret. Wir haben geskyped. Grauenvoll.“
„Vielleicht verzerrt Skype. Und es liegt an der Perspektive.“
„Bitte – fürchterliches Aussehen ist doch keine Frage der Perspektive! Margret sieht aus, als habe man ein XL-Meerschwein auf ihrem Kopf eingeschläfert!“
„Ich versuche mir das vorzustellen…“
„Na, scheckiges Haar in Flusen!“
„Ah. Klar.“
„Und dann drunter dieser Gesichtsausdruck! Du kennst den! Alles hängt. Lider, Wangen, Unterlippe. Alles!“
„Vielleicht geht es ihr nicht gut.“
„Natürlich geht es ihr nicht gut. Ich kenne Margret nicht mehr gutgehend. Erst dachte ich, okay, normal, jeder hat mal Jammertal. Aber mittlerweile…Ich hab ihr gesagt, sie soll sich einen Thermofix kaufen.“
„Thermomix.“ „Meerschweinmoment mit Mia“ weiterlesen

Lammluftmoment mit Mia

„Hast du auch so zugenommen über die Feiertage?“
„Nein.“
„Hast du dich schon gewogen?“
„Nein, Mia.“
„Ich auch nicht. Vielleicht hab ich auch nicht zugenommen und bin nur gebläht.“
„Wiegen schafft Klarheit.“
„Bist du nicht gebläht?“
„Nein.“
„Luft wiegt auch.“
„Was gab’s denn alles?“
„Freitag Forelle Müllerin, Samstag Griesauflauf, so wie meine Oma den früher gemacht hat. Mit viel Kompott. Bläht Kompott? Oder meinst du, ich vertrage Gries nicht mehr? Sonntag nur Lamm und Ei und Brokkoli und heute die Reste von Samstag. Ja, und auch Ei. Vielleicht sind es die Eier?“
„Lamm und Ei?“
„Nicht zusammen. Meinst du, es ist das Lamm?“
„Mia, so gut kenne ich deinen Darm nicht, „Lammluftmoment mit Mia“ weiterlesen

hältst du mich


hältst du mich
 
im Sand am See
im Moor
am Teich
tief im Schlamassel
tageskalt
 
in deinem Arm
am Tag danach
und im Moment davor
im trüben Licht
in meinen alten Farben
 
nicht für verrückt
vom Schweigen fern
minutenlang
und aus
bis ganz ans Ende
 
hältst du mich
 
© 2020  Strang

Abendmoment mit Henk

„Liegst du?“
„Ja.“
„Ich auch.“
„Hört man.“
„Echt?“
„Echt.“
„Woran, Henk? Also, nee, okay, natürlich an der Stimme – aber was ist anders?“
„Du klingst wie dunkle Schokolade, wenn du liegst.“
„Bitter?“
(lacht) „Aromatisch.“
„Ich klinge aromatisch?“
„Samtig. Weich. Ruhig. Fließend.“
„Du klingst nicht anders. Du klingst immer wie …aromatisch. Was willst du lesen?“
„Ich dachte an ein paar Passagen aus ÜBER DIE LIEBE von Stendhal.“
„Das hab ich irgendwo im Bücherregal!“
„Ich weiß. Und was wirst du lesen?“
„Natürlich aus OZEANISCHE GEFÜHLE.“
„Lass mich raten – die Stelle mit der Meagersuppe.“
„Ich kichere jetzt schon.“
„Und die Stelle mit dem Kampf zwischen Sandor und ihm.“
„Ist sie nicht herrlich?“
„Ist sie.“
„Liegst du im Bett?“
„Auf der Couch. Aber du bist im Bett, oder?“
„Ja.“
„Soll ich anfangen oder du?“
„Du, Henk. Obwohl…nee, wenn du anfängst…ich schlaf so schnell ein, wenn man mir vorliest.“
„Ja, und? Dann schläfst du eben und ich leg auf.“
„Als ich klein war, fand ich das am scheußlichsten. Wach werden im dunklen Zimmer, wo doch eben noch die Mutter vorgelesen hat. Wo doch eben noch ein Licht war und ein anderer Atem und dieser schützende Körper an meiner Bettkante. Wachwerden in einem stillen Nichts, als sei der ersehnte, gute Traum VOR dem Einschlafen gewesen. Alle Geister glotzen dich an. Jeder Dämon grinst hinter den Gardinen. Gibt kaum einen einsameren Moment als diesen.“
„Dann bleib ich einfach dran.“
„Was meinst du?“
„Am Telefon.“
„Und hörst mir beim Schlafen zu?“
„Und hör dir beim Schlafen zu.“
„Und wenn ich nicht wach werde?“
„Dann weiß ich, dass der ersehnte, gute Traum bei dir ist.“
 
Henk las sieben Seiten.