Lauschiger Moment

Er trägt ein dunkles Sakko, weißes Hemd, die ersten zwei Knöpfe davon geöffnet. Modisch farbige Chinos. Die Schuhe hat er kurz bevor er los ging noch poliert. Selbst unter dem Tisch blitzen sie hervor. Das Haar schwarz, leicht gewellt und zurückgekämmt. Immerhin nicht mit Gel, meinem persönlichen Gruselfaktor Nummer eins. Der Look ist matt. Irgendein Wachs wird es sein.
Sie hingegen studentisch leger. Dunkle Skinny-Jeans, grauer und übergroßer Schlabberpulli und Turnschuhe. Nicht Sneaker. Turnschuhe. Die richtigen. Etwas klobigen. Meine Mutter hat mein Schuhwerk gerne danach beurteilt, ob es einen eleganten Fuß macht. Dieses hier unterlässt jegliche Eleganz. Am Fuß. Ihre Hände sind weiß und zart; ordentlich manikürt. Schlammfarbener Nagellack ist zwar inzwischen wieder out, steht ihr aber gut und wirkt hanseatisch fein. Ich sitze schräg hinter ihr, konnte das Gesicht nur kurz sehen, als ich zu dem kleinen, freien Tisch durch ging. Pfirsichhaut, gepudert. Etwas Mascara und ein Hauch von erdigem Lidschatten. Die Lippen vollmundig in ihrem natürlichen Rosé. Ein gut durchbluteter Mensch. Ihr Haar ist blond.

Ich sitze kaum, da wird mir anhand der Gesprächsfetzen, die durch das laute Stimmengewirr des vollen Cafés zu mir durchdringen, bewusst, dass hier an meinem Nebentisch ein erstes Date stattfindet. Ein Tinder-Parship-Elitepartner-Onlineportal-Date. Ein einziger Blick, ein minimales Fühlen in die Atmosphäre, genügt, um zu beiden sagen zu wollen: Kinners, zahlt, geht raus und genießt getrennt die Sonne. Wie lange die beiden hier schon sitzen, weiß ich freilich nicht. Getränke und Kuchen sind noch nicht am Platz, dafür ist man schon mitten im Urlaubsthema angekommen. Florenz mag er. Berge auch. Klar. Und Meer. Er spricht direkt in meine Richtung. Ihre Worte bleiben durch den mir zugewandten Rücken ein Geheimnis für mich.
Vegan ist er nicht, aber manchmal isst er es. Steaks mag er natürlich.
An seinem linken Handgelenk ragt eine überdimensionierte Uhr mit braunem Lederarmband am Hemdsärmel hervor. Auto, Haus und Boot kann man halt so schlecht mitnehmen, selbst wenn sie erst in Planung sind. Am rechten Handgelenk Indianerarmbändchen, die ein wenig verirrt wirken und „Ich bin auch anders!“ sagen möchten.
Zwei winzige Schokoladentörtchen werden serviert, streng gesehen sind es Petit Fours. Ich werde das Gefühl nicht los, ihnen ging ein „Wenn ich dir hier was empfehlen darf …“ voraus. Er hat die Beine parallel gestellt und leicht geöffnet, die Arme auf dem Tisch und ist leicht nach vorn gebeugt. Sie sitzt verschränkt. Kaum ein Lächeln, ein Lacher schon gar nicht. Dafür innerhalb von zehn Minuten fünf Seufzer mit leichtem „Tja“ im Abgang. Er würde sich nie für eine Frau verstellen, sagt er jetzt. Das sei ein No Go. Es sei denn, man wolle gefallen. Also mal bewusst gefallen. Freiheit sei wichtig. Aber für Freiheit in Beziehungen müsse man ordentlich erwachsen sein. „Ordentlich erwachsen“ ist eine Wortkombination, die ich mir sogleich notiere. Einsichtig müsse man sein, sagt er. Sonst funktioniere das alles nicht bei zwei Individuen.
Bei mir wären die Petit Fours in einem Happen weg gewesen. Diese beiden Unvertrauten hingegen trennen mit ihren Gabeln mikroskopische Portionen davon ab.
In den oberen Gesellschaftsschichten sei das Rollenbild ja anders, sagt er nun. Ich muss nicht aufhorchen, weil ich längst horche. Klassischer. Konservativer. Wobei moderne Menschen typische Rollenbilder natürlich nicht mehr leben. Obwohl er das manchmal schön fände. Wenn der Mann so ganz männliche Dinge macht und die Frau so ganz frauliche. Einfach mal so. Zwischendurch. Mit Stil natürlich. Immer mit Stil.

Im Café wird es noch lauter. Zwei Tische weiter hat ein Freundeskreis Platz genommen, in dessen Mitte zwei unglückliche Säuglinge den Zustand der Welt beklagen.
Vom Gespräch erhasche ich nur noch einzelne Wörter. Wenn er lacht, was inzwischen vorkommt, dann nie als Reaktion auf sie, sondern ausschließlich zur Betonung seiner selbst. „Das kann man auch nicht mit jedem machen!“ sagt er mehrfach. An ihrer Stelle hätte ich mir längst eine Sachertorte mit ordentlich Bayrisch Creme als Beilage bestellt. Und einen Likör. Die Säuglinge werden mit in den Mund geschobenen Keksen, an denen sie zuzeln können, ruhig gestellt und so nehme ich mein Horchen wieder auf. Er sagt: „…einzelne Aspekte, die mit dem Biologischen verknüpft sind, sind auch Glücksquellen …“
Den Kontext hätte ich gerne gewusst. Längst müsste ich los, weil ich es sonst nicht mehr pünktlich zum Kino schaffe, aber ich bringe es nicht über mich. Dickköpfigkeit mag er nicht, sagt er. Für Dickköpfigkeit sei er zu naturwissenschaftlich. Dann wird es still. Die Tassen sind leer und ein Verlegenheitsrühren nicht mehr möglich. Ob er sie einladen dürfe? Man geht.

Vor der Tür empfängt mich eisiger Wind, der die Sonnenwärme oben am stahlblauen Himmel behält. Auf dem Boden im braunen Gras suchen Krokusse ihren Platz. Der Frühling kämpft.
Immerhin hier, denke ich. Hier immerhin.
krokuss

Henkmoment

Henk hat sein Telefon am Ohr, als er die Tür öffnet. Er hat sich längst abgewöhnt überrascht zu sein, wenn er mich sieht. Ich trete wortlos ein und gehe an ihm vorbei, durch den schmalen Korridor direkt in die Küche. Bei Henk ist es aufgeräumt, selbst wenn es unaufgeräumt ist. Ein benutzter Spüllappen ruht mit Finesse über dem Wasserhahn, als sei er dort liebevoll drapiert worden. Ein Teller mit Tomatensaucenrest neben dem Ceranfeld. Der Löffel darin glänzt, ist ohne Speisereste und spiegelt das maisgelbe Licht der kleinen Küchenlampe. Nudelsieb und Nudeltopf eng aneinandergeschmiegt. Selbst die Krümel des offensichtlich frisch geriebenen Parmesans, wirken wie sorgfältig unter die auf dem Holzbrett liegende Reibe gestreut.
„Das könnte man aber auch donnerstags machen.“ Henk macht eine tiefe Stirnfalte und spricht betont hölzern in den Hörer. Ich kann ein wenig von der Stimme am anderen Ende hören. Mickeymausig gurgelt sie Sätze hinaus. Henk nimmt ein Handtuch und zwei Ausgaben der ZEIT von der schmalen Sitzbank hinter dem Küchentisch und weist mir damit meinen Sitzplatz zu. Mit nickendem Kopf und wiederholtem „Hm. Hm. Hm.“ befüllt er einhändig den Wasserkocher. Es brodelt schnell.
„Ja. Hm. Ja. Wirklich, das wäre donnerstags dann sicher besser.“
Er stellt eine XL-Tasse vor mich mit heißem, dampfendem Wasser; greift in die kleine Tonschale neben dem Herd, fischt ein Stück Ingwerwurzel heraus und legt es mir greifnah hin. Brettchen und Messer folgen. Bei Henk ist es immer angenehm warm. Hier wird man nie klamm. Säße die Kälte nur nicht so tief heute. Ich schnipple mir Ingwer ins Wasser. Henk sagt „Ok. Tschüss.“ und legt auf. Das Telefon wirft er mit leichter Handbewegung hinaus in den Flur. Es landet passgenau im Korb mit den gesammelten Zeitungen. Dann dreht er sich zurück, hält mir eine zwischenzeitlich gegriffene Tasse hin und reagiert auf mein Einfüllen von Ingwerscheibchen mit einem kaum merklichen Lächeln. Noch einmal brodelt der Wasserkocher kurz auf.
„Honig?“
Ich schüttle den Kopf. Der Saft des Ingwers ist klebrig an meinen Fingerspitzen getrocknet. Jetzt nicht die Augen reiben. Aus der Wohnung ein Stockwerk höher tönt dumpf die Tagesschaumelodie.
Das Telefon klingelt. Henk steht auf.
„Ja? … Hi …“
Mein Ingwertee ist ausgetrunken. Für die Speiseröhre zu heiß. Der Magen fühlt sich an wie eine nachglühende Herdplatte. Das ist schön. Henk kommt nicht zu Wort, nickt aber viel. Ich stehe auf und gehe ins Bad. Dass es hier eine Wanne hat, ist mir nie aufgefallen. „Donnerstags wäre besser.“ höre ich Henk sagen, doch diesmal ohne Mickeymausentgegnung. Ich stehe vor der Wanne wie ein Kind vorm Weihnachtsbaum. Henks Stimme sagt wieder „Hm. Ja.“ und kommt näher. Durch die immer noch offene Tür reicht er mir ein dickes, mintgrünes Frotteebadetuch, dann schließt es sie beim Hinausgehen. Ich drehe den Schlüssel im Schloss und lasse mir Wasser ein. Zu heiß für die Haut. Ich muss die Luft anhalten, als ich den ersten Fuß langsam in Wanne gleiten lasse. Kernschmelze.
Durch Schaumtürme höre ich Henks Spülklappern in der Küche. Nach einer Weile hört das Wasser auf zu glühen. Der Mintfrottee ist kuschelweich. Henk hat sogar einen Fön. Obwohl – wahrscheinlich benutzt den nur Jan. Nachdem die Haare trocken sind lenke ich die heiße Luft über meine Zehenspitzen. Füßefönen ist auch eine Art Ingwertee.
Ich verlasse das Bad. Henk bringt mir Mantel und Schal aus der Küche.
„ Oder noch ein Tee?“
Ich schüttle den Kopf und packe mich winterwarm ein. Nur Henk kann ich ohne ein einziges Wort besuchen.
„Kennst die Wanne ja jetzt.“ Er gibt mir meine Tasche. „Ist eigentlich immer frei.“
Ich drück ihn kurz und tripple die Stufen hinab. Die Wohnungstür schließt sich. Geht noch einmal auf und er ruft hinunter: „Nur nicht donnerstags!“

S-Bahn-Anatomie

Mageneingangsklappen, vier Stück. Acht Augen. Vierzig Finger. Du meine Güte! Vierzig! Wie viele Finger sind dann in der ganzen S-Bahn? Oder muss ich die Daumen abziehen? Der Männermund mir gegenüber öffnet sich. Vier Bauchspeicheldrüsen, denke ich. Und fast kann ich bis zu dieser hinab sehen, so groß ist das Gähnen des Mannes. Sein Smartphone brummt. Er zieht es aus der Tasche, hält es ans Ohr und klingt dann sehr russisch. Russisch sonor. Seine Lippen sind ganz schmal und formen die Worte kaum aus. Langsam spricht er. Betont und eindringlich. Akzentuiert. Die linke Hand ruht auf dem Oberschenkel. Manchmal hebt er sie kurz an und streckt dabei den Zeigefinger aus. Ca. 20 bis 28 Meter Darm, denke ich. Ungefähr 330.000 Kopfhaare. Der Russischsprecher hat eine Glatze. Also eine richtige. Die linke Hand liegt jetzt ruhig, nur der Zeigefinger bewegt sich hin und her, auf und ab. Er gibt bestimmt Anweisungen. Es könnte eine Wegbeschreibung sein. Ein Mordauftrag. Oder die Zubereitungsweise von Blinis mit Kaviar. Die Frau neben mir blättert in ihrem Buch auf die nächste Seite. Dann sieht sie kurz auf den Russischsprecher. Schwenkt auf den Herrn links daneben. Blick zurück ins Buch. In unserm Vierer hat’s acht Nasenlöcher. Würde ich Anton, meinen Gasthund, mitzählen, sogar zehn. Anton sitzt auf meinem Fuß, was für einen warmen Großzeh sorgt. Mir fällt auf, dass der Oberkörper des Mannes neben dem Russischsprecher sachte dessen Zeigefingerbewegungen nachvollzieht. Vermutlich unterbewusst. Der Russischsprecher gähnt noch einmal, ich versuche seine Bauchspeicheldrüse zu sehen; die Bahn bremst und meine Sitznachbarin kippt leicht nach vorn. Ihr Knie stößt an das Knie des Herrn.
„Pardon.“
Das hört man selten! Verzückt heben sich meine Mundwinkel, was meine Mütze tiefer in die Stirn rutschen lässt. Der Herr greift sich an den beschalten Hals und drückt offensichtlich auf ein Stimmventil. Leise, langsam und zart röhrend antwortet er: „Kein Problem.“
Das lässt den Russischsprecher das Smartphone vom Ohr nehmen und seinen Sitznachbarn betrachten. Die Frau hat nicht einmal aufgeblickt. Aus dem Smartphone spricht jemand ins Leere.
„Tut das nicht weh?“
Fast fällt mir die Tasche vor Schreck auf Anton, so laut brüllt der Russischsprecher seine Frage. Frau und Herr zucken ebenfalls. Letzterer drückt auf seinen Hals: „Nein. Durchaus nicht.“ Die Frau klemmt einen Finger zwischen die Seiten und klappt das Buch zu. Dann schreit sie: „Aber anstrengend ist es schon, oder?“
Die Stimme aus dem Smartphone wirkt aufgeregt und bringt mit rastlosem Stakkato in aller Gedächtnis, dass ein Gespräch jäh in der Luft hängt. Zeigefinger, Knopfdruck, Stille.
„Nein. Durchaus nicht. Ich bin übrigens nicht schwerhörig. Mir fehlt der Kehlkopf. Nicht die Ohren.“
Betreten sehen sich Frau und Russischsprecher an. Sie klappt das Buch wieder auf. Er hebt das Smartphone wieder ans Ohr.
Vier Pulsfrequenzen.
Und ich darf noch einmal die Bauchspeicheldrüse suchen.

Rückfahrtmoment

„Das ist meiner!“
Ich zeige auf den Fensterplatz. Vierersitze mit Tisch sind die Hölle. Aber etwas anderes war kurz vor der Abfahrt nicht mehr zu bekommen. Ein leicht schwitziger Geschäftsmann im blauen, tagesknittrigen Hemd blickt von seinem Laptop auf. Das Unglück ist ihm kurz anzusehen. Dann hellt sich seine Miene auf und er räumt geflissentlich Mousepad und Mouse von meiner Tischseite, und Aktentasche sowie Mantel von meinem Sitzplatz. Er steht auf und lässt mich in mein winziges Refugium. Für die nächsten dreieinhalb Stunden. Ich versuche meine Beine schnellstmöglich weg zu sortieren. Die rehgleiche, junge Frau mir gegenüber ebenfalls. Sie trägt einen Flanellrock mit cremefarbener Bluse. Darüber eine schwarze Kaschmirstrickjacke. Perlenohrringe und eine Perlenkette. Winzige Perlen, zweimal um den schwanenschlanken Hals gewickelt. Vor ihr aufgeklappt ein ThinkPad. Der Platz daneben noch ohne Person, dafür mit Laptoptasche, Bäckerpapiertüte, Handtasche, Kurzschurwollmantel und Miniregenschirm. Ihre Wimpern kennen keinen Mascara. Sie hat den geflochtenen Zopf am Hinterkopf hochgesteckt. Eine breite Haarsträhne ist halb hinter das Ohr geklemmt, halb hängt sie in die Stirn. Die Oberlippe hat mehr Volumen als die untere. Eine Miniaturausgabe von Julia Roberts‘ Mund. Jenseits des Durchgangs sitzt ein vollkommen schwarz gekleideter Mann. Künstler- oder Werberschwarz. Hornbrille. Unordentlich nach hinten gegeltes Haar. Er hat ein Muttermal auf dem Ohrläppchen. Im ersten Moment hielt ich es für einen Ohrring. Aber wer hat schon einen platten, braunen Ohrring?
Während ich mich auf meinem Platz einrichte, guckt er herüber. Ich sehe es im Fensterglas. Sobald ich den Kopf in seine Richtung drehe, guckt er konzentriert auf seinen Laptopbildschirm. Ihm schräg gegenüber ein schnarchender Mann im Norwegerpulli. Tippgeräusche überall. An meinem Tisch wild durcheinander. Der schwarz gekleidete Mann aber tippt im selten anzutreffenden Ein-Finger-System, wobei der Zeigefinger seiner rechten Hand sekundenlang über der Tastatur kreist, wie der Schnabel eines unschlüssigen Huhns. Dann pickt er. Ein E oder K oder L oder M. Ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen und ziehe meine Tupperbox aus der Tasche. Der schwitzige Geschäftsmann arbeitet an einer textlastigen Power Point Präsentation, die mich schon beim Danebensitzen langweilt. Das Perlenreh nimmt einen Schluck Kirschdurstlöscher. Der kindliche Trinkkarton wirkt eigenartig fehl am Platz in ihren Händen. Jeder Schluck unhörbar zart. Ich weiß nicht, wie man es schafft so einen Karton zu leeren, ohne zum Schluss schreckliche Schlurzgeräusche zu machen. Sie kann es. Ich könnte es nicht. Aber an ihr sehen die Perlen auch so aus, als seien sie von Geburt an im Ohr gewesen. An mir wirken Perlen wie auf ein Dromedar gezwungene Seide.
Im Fenster sehe ich wieder den Blick des Schnabelfingermannes. Ich wende den Kopf zu ihm. Zu meiner Überraschung hält er den Blick und sagt:
„Im Fernsehen sehen Sie ganz andres aus.“
Meine Überraschung verweilt und hebt meine Augenbrauen.
„Und sehe ich das richtig…ich wollte es ja erst nicht glauben…aber Sie essen da einfach Kartoffeln, ja?“
Ich gucke auf die Kartoffel in meiner Hand. „Ja. Einfach Kartoffeln.“
„Kalt? Mit Schale? Ist da nix dran?“
„Raumtemperatur. Also nicht kalt. Nix dran, nein.“
Der schwitzige Geschäftsmann lässt die Augen zu meiner Tupperbox schweifen: „Echt? Kalte Kartoffeln?“
„Raumtemperatur!“
„Ich hatte mich auch schon gewundert, aber wollte nicht fragen.“, bringt sich das Perlenreh ein.
„Ich mag Kartoffeln. Pur. Also Kartoffelgeschmack. Einfach so.“ versuche ich zu erklären.
Schnabelfinger schüttelt den Kopf: „Najaaaa, und natürlich immer die Linie im Sinn. Das haben ja alle Schauspielerinnen.“
„Ich …“
„Sie sind Schauspielerin?“ fragt der Geschäftsmann. Das Perlenreh schweigt und äugt.
„Ich ….“
„Er hat recht. Ich kenn Sie auch aus dieser Serie…warten Sie.“
„Kartoffeln sind aber nichts für die Linie.“ wirft das Perlenreh nun doch ein.
Ich beiße in eine Kartoffel und überlege, wer ich sein könnte.
„Ach, ich komm nicht drauf!“
„Nicht Serie. Sie ist im Theater!“ sagt Schnabelfinger und pickt auf das R.
Ich bin irritiert. Zutiefst.
„Münster?“ fragt das Perlenreh.
„Nein. Nein keine Serie und auch nicht Münster.“ sage ich mit halber Kartoffel im Mund.
„Ich hätte schwören können Serie.“ murmelt der Geschäftsmann.
Immer mehr Köpfe drehen sich. Nur der Norwegerpulli schnarcht.
„Wirklich. Sie verwechseln mich. Ich bin nicht bekannt.“
„Aber dann sind Sie zumindest jemandem ähnlich.“
„Mag sein.“
Niemand sagt mehr ein Wort. Die Köpfe drehen sich weg. Die letzte raumtemperierte Kartoffel wartet.
„Sie haben ein bemerkenswertes Muttermal am Ohr.“ werfe ich noch rasch dem Schnabelfinger zu.
Er greift danach, steht halb auf und streckt es mir in der flach geöffneten Hand entgegen.
„Ein Ohrring. Nur ein Ohrring, platt und braun.“

EDEKAmoment

„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“
Die Frau neben mir unterbricht das Regaleinräumen und sieht mich fragend an. Sie ist erheblich kleiner als ich, Mitte fünfzig und trägt dunkelgrüne Crocs mit drei Schmucksteckern: ein Grobi-Gesicht, der Star Wars Schriftzug und eine italienische Flagge. Ihre Hände haben kurze Finger mit frisch gegelten Nägeln. Gold- und Silberringe wirken unentschlossen verteilt. Den lebendigen Lockenschwarm auf ihrem Kopf hat sie zwischen zwei Klemmen getürmt, aus denen einzelne Kringel wild schwingend zu entkommen versuchen. So stelle ich mir eine Funkstation bis in den Andromeda-Nebel vor.
„Hefeflocken.“
„Hefe oder Hafer?“
„Hefe.“
„Hafer hätte ich gewusst. Hefe weiß ich nicht. Moment, bitte. Ingooo?“
Sie geht an das Ende des Regals und flötet das Ingo-O ausgiebig bis hinter die Käsetheke.
„Haben wir Hefeflocken?“
Von Ingos Funkstation ist nur noch die Basisplatte übrig. Er hat eine Brille mit winzig kleinen, kreisrunden Gläsern, was ihn, besonders hinter all den Käsetürmen, unglaublich intellektuell wirken lässt. Direkt an der Nasenwurzel, knapp unter dem Brillenbügel, ist eine tiefe Kerbe. Da die Nasenflügel ebenfalls scharfe, schattige Grenzen ziehen, wirkt die Nase insgesamt wie aufgeklebt. Vielleicht wechselt Ingo nicht nur die Brille. Vielleicht auch die Nase, je nach Tagesform. Ich verwerfe den Gedanken wieder.
„Hefe oder Hafer?“
„Hefe.“ kichert die Lockenfrau, dreht sich dann zu mir und sagt: „War nich abgesprochen.“
Ingo grübelt über einem Greyerzer.
„Wenn, dann bei Bio. Oder im Veggie-Regal. Denk ich.“
„Nicht bei den Würzpasten?“
„Möglich. Oder neben Maggi.“
„Neben Maggi?“
Die Lockenfrau zieht skeptisch die Augenbrauen empor und zeigt an das andere Ende unseres Ganges.
„Fangen sie da hinten an. Da ist das Veggie-Regal. Ich tippe, es ist da. Die verrückten Sachen sind immer im Veggie-Regal.“
„Dankeschön, ich guck mal.“
Die verrückten Flocken sind nicht da. Bei Bio ebenfalls nicht und neben Maggi residiert Knorr. Ich durchforste das Gewürzregal und die Würzpastensparte. Blicke noch einmal bei Essig und Öl und Senf vorbei, mache einen sinnlosen Ausflug zum Glutenfreifach und vollführe eine letzte Hoffnungspirouette vor einem Vitalfood-Aufsteller. Vergebens.
„Hamse gefunden?“
„Nein. Normalerweise hol ich die im Reformhaus, aber es hätte ja sein können, dass es die auch hier gibt. Sie sind ja gut sortiert.“
„Ja, sind wir. Ich hätt auch schwören können …“
Ich sehe aus dem Augenwinkel, wie eine Hand von hinten etwas in den Einkaufskorb legt, den ich am rechtem Arm hab. Halbe Drehung. Ingo. Im Korb obenauf liegen Hefeflocken.
„Standen beim Salz.“
„Aber…da war ich!“
„Nee. Sie waren beim normalen Salz. Die waren aber unten rechts im Meer- und Steinsalzregal, neben dem rosa Bergsalz, über dem bunten Rauch-Beef-Pfeffer. Hat mir keine Ruhe gelassen. Ich muss wieder in den Käse.“
Ingo geht.
„Was für ein verrückter Platz!“ sagt die Lockenfrau und schüttelt den Funkturm. Ich nicke und hoffe inständig, dass uns im Andromeda-Nebel niemand gehört hat.

Weihnachtsmoment

Die Nachbarn von gegenüber tanzen. Die Scheiben der Küche sind noch beschlagen vom Kochen. Das Essen – womöglich schon am Tisch, in jedem Fall aber servierbereit. Sie ist an ihn geschmiegt, hat den Kopf in der leichten Mulde vor seiner Schulter vergraben, die sich durch die Tanzhaltung ergibt. Ihr Haar wirkt wie ein dunkler, kühler Wasserfall vom Scheitel bis tief hinab zu den weichen Hüften. Das Kleid hat Taille und ist ungewöhnlich bleu für unseren Stadtteil. Dann erkenne ich, er hat die Schürze noch an; am Rücken in grober Schleife geknotet. Die Entfernung ist zu groß, aber sein Gesicht lässt ahnen, dass seine Augen nur halb geschlossen sind. Sie haben das Armpaar, das sich an den Händen hält, nicht ausgestreckt, sondern eng zueinander gezogen. Wie die Paare in alten amerikanischen Filmen, die sich auf der glänzend schwarzen Tanzfläche noch nicht oder aber zum ersten Mal küssen, während die Kamera leise ihren Fokus aus dem Fenster im 35.Stock über das nächtliche New York schwenkt.Jetzt macht er einen sachten Ausfallschritt. Die Innigkeit bleibt. Beider Finger klammern nicht, sondern lösen sich verspielt, um erneut zart ineinander zu greifen. Suchend. Wissend. Obwohl ich nur die leicht wiegenden Bewegungen der Oberkörper sehen kann, weiß ich um die gewählten Schritte der schuhlosen Füße. Es wird kein Dielenboden sein. Kein Parkett. Aber sie gleiten und ich summe „Moon River“ wie Holly Golightly, obwohl drüben vermutlich Michael Bublé singt. Der Rotwein atmet dahin. Lamm in der Küche. Gestern früh zog er den eingeschnürten Christbaum hinter sich her über den matten Asphalt. An der Haustür ein gewissenhaftes Schnaufen, nicht der Anstrengung, sondern dem Ankommen geschuldet. Wir haben uns freundlich zugenickt und mir fiel zum ersten Mal auf, dass der Mann fast weiße Wimpern hat. Den Christbaum hat er im Netz auf den Balkon gelegt. Sie hebt einmal kurz den Kopf. Das nächste Lied beginnt. Ich summe. Weihnachten ist jetzt.
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Kisumumoment

Abenddunst liegt über Kisumu, als wir abheben. Die Luft ist rosa und wirkt wie ein Weichzeichner auf das Grün am Boden, das gleichgültig in die undurchdringlichen Wasser des Viktoriasees übergeht. Die Dunkelheit kommt schnell; selbst im aufsteigenden Flieger können wir dem Tag kaum einen Lichtmoment mehr abtrotzen. Ich blicke aus dem Fenster mit saugenden Augen, die nichts von der Landschaft loslassen wollen. Über den Wolken kann das Herz unverhofft schwer sein. Das leichte Ziehen hinter den Rippenbögen weitet sich aus zu einem tiefen, akkurat gezielten Stich, der Atmen kurzzeitig unmöglich macht. Die Tränen sind kühler als meine Haut und schummeln sich verstohlen bis an den Hals hinunter.
Ich würde der Stewardess jetzt gerne sagen, dass ich die Welt nicht verstehe. Nie verstanden habe. Dass alle Versuche lächerlich waren. Und sind. Einmal keine Erklärung zu haben so viel wertvoller war, als alle vorgedachten Schablonen.

Der Brite jenseits des Gangs, der sich mir in Nairobi als Matthew vorstellen und sagen wird, mein Händedruck sei aber verdammt „german kräftig“, verpasst den letzten Sonnenstrahl in den Wolkentürmen, indem er seine Augen auf dem Handy-Display verweilen lässt.
Die voluminöse Afrikanerin mit der Vielzahl ellenlanger Zöpfe, in der Reihe davor, dreht sich immer wieder zu mir um. Treffen sich unsere Blicke, schiebt sie mit dem Zeigefinger die große, schwarze Brille empor. Im gleichen Maße heben sich ihre Mundwinkel, doch die Lippen bleiben geschlossen. Einmal formen sie lautlos ein „Nice“ und dabei deutet sie auf mein Haar. Das Ehepaar vor mir teilt sich wortlos salzige Nüsse und wählt zum Mangonektar noch ein Wasser.
„Soft Drinks, Madame?“ Die Stewardess hat mütterlich meinen Tisch herunter geklappt und legt eine dünne Papierserviette hin. Als ich mein Gesicht zu ihr drehe, reicht sie mir wortlos nickend eine zweite.
„No. Thank you.“
Außer dem Blinken des Tragflächenlichts ist nichts mehr zu sehen. Die Serviette knistert beim sanften Aufdrücken auf dem Jochbein. Ich fühle die Müdigkeit mit der Innigkeit einer zu lang entbehrten Umarmung. Das Herz klopft ins Leere.

kisumu

All of Ole

OLE 1

Der schönste Moment des Einkaufs war die Pfandrückgabe. Zum ersten Mal nimmt der Automat einfach jede Flasche an. Lässt keine zurückgehen. Das ist mir noch nie passiert. Ich nehme immer mindestens eine Flasche frustriert wieder mit heim. Dieserart euphorisiert kaufe ich mehr Spargel, mehr Erdbeeren, mehr Gurken und mehr Radieschen, als es sich für meinen Eigenbedarf geziemt. Mit rund gefüllten Stofftaschen betrete ich den Hausflur.
Als ich den Fuß in den dritten Stock setze öffnet sich die Tür vor mir.
„Moin, Ole.“
„Moin.“

Ole wirkt verschlafen. T-Shirt und Gesichtshaut weisen einen identischen Knitterigkeitsgrad auf. Er blinzelt ins Lampenlicht über uns.
„Dich sieht man auch nie.“
„Bin viel unterwegs, Ole, weißte doch.“
„Ja. Und genau das ist das Problem. Wir sind zu viel unterwegs.“
„Du auch?“
„Ja. Aber … der erste Schritt ist ja, das Problem zu erkennen. Weißt du, wir sind ja keine 20 mehr. Oder 30.“

Ich unterbreche Ole nicht, frage mich allerdings, warum mir zur Zeit ständig Menschen begegnen, die mich ungefragt daran erinnern, dass ich keine 30 mehr bin. Bestimmt fängt er gleich von den Wechseljahren an.

„Und wenn man weiß, dass man keine 30 mehr ist, dann wird die Luft dünn! Sehr dünn.“
„Nanana, Ole….Samstagsdepression?“
„Vielleicht. Wir sind einfach zu viel unterwegs.“
„Ich hab gerade Urlaub.“
„Echt?“
„Echt.“
„Und was machste?“
„Wohnen.“
„Wohnen ist super. Ich bin eigentlich nicht zu viel unterwegs. Ich lasse mich nur von meinem Hobby auffressen.“
„Äh….aber das kannst du doch selbst bestimmen. Reduzier es einfach?“
„Da hast du recht. Ja.“
„Allerdings: was machst du dann in der gewonnenen Zeit?“

Oles Blick geht gedankenverloren an mir vorbei. Mit einem sanften Klick erlischt das Flurlicht. Wir stehen im Dunkel. Ich höre seine Schritte, unsere Arme berühren sich, kurz bevor er die Treppe erreicht. Im zweiten Stock bleibt er kurz stehen. Er seufzt.
„Ich suche mir ein neues Hobby.“

_ _ _ _

OLE 2

Tag eins nach meinem Termin beim Kieferchirurg. Ich habe den Müll weggebracht. Auf der Treppe hinauf zur Wohnung kommt Ole mir entgegen.
„Moin.“
„Moin.“
„Na, alles gut?“
„Ja, danke.“
Ole bleibt stehen.
„Du siehst anders aus. Haare?“
„Nein.“
„Ich dachte…naja…bei euch Frauen sind es doch immer die Haare.“
„Diesmal nicht.“
„Aber anders stimmt doch, oder?“
„Wenn du so willst….“
„Warte…ich komm drauf!!“
Er mustert mich.
„Du hast keine Brille auf.“
„Ole, ich hab nie eine Brille auf. Zumindest nicht, wenn ich dir begegne.“
„Aber du hast eine?“
„Ja.“
„Aber das isses nich?“
„Nein.“
„Dann weiß ich nicht.“
„Es….“
„Halt! Ich hab‘s! Du hast dir so’n Zeugs spritzen lassen!“
„Ich …?“
„Schief gegangen? Mist sowas! Jetzt seh ich es auch. Völlig schief! Du bist völlig schief gespritzt! Rechts ist total …dick!“
„Maaaaannnnn! Oleeeee! „
„Was denn?“
„Ich sag nix mehr …“
Gehe an ihm vorbei, weiter nach oben.
„Also lieg ich falsch oder was?“
Ich bin schon fast ganz oben. Ole erhebt die Stimme leicht kreischig.
„Jetzt sag doch mal! Es ist aber doch alles schief!“
Ich schließe meine Tür auf und lasse sie deutlich hinter mir ins Schloss fallen. Ich höre Oles Schritte die Treppe hinunter poltern. Die Haustür fällt theatralisch donnernd ins Schloss. Meine Klingel schrillt. Ich betätige die Gegensprechanlage.
„Ja?“
„Ich weiß gar nicht, warum du jetzt beleidigt bist! Aber den Arzt solltest du verklagen.“
Ich lege auf.
Hier wohnen echt nur Diven.

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Ole

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OLE 3

Tür zu. Schuhe direkt vom Fuß in die Ecke schleudern, Tasche hinterher. Kopfhörer auf. Max Volume. Naja – fast max. Ich hüpf-zuck-schreite vom Wohn- ins Schlafzimmer und zurück. Bei manchen Songs produziert mein Körper Bewegungsabfolgen, die er sonst gar nicht kennt. Ich könnte eine Vodoopuppen durchbohren. Baue aber dann doch einsichtig mit Love Shack von den B52’s den Adrenalinspiegel ab. Repeat. Repeat. Repeat.
Ich ertanze kurz Küche und Bad, um durch Flur und Wohnzimmer wieder gen Schlafraum zu zucken. Augen schließen. Wilde Drehung. Augen öffnen.
Ein fast schmerzhafter Schreckensblitz durchfährt mich. 100% Adrenalin bis in bereits herabfallende Hautschüppchen. Mein Kiefer ist im Konflikt, ob er sich für einen Schrei lösen oder zwecks Zunge abbeißen zusammenschnellen soll. Der Ausfallschritt seitwärts vollzieht sich ruckartig und vollautomatisch. Ich knicke leicht ein mit dem Fuß, wanke etwas nach hinten. Meine rechte Hand reißt mir die Kopfhörer runter, gleichzeitig schnelle ich wieder nach vorne und nun schreie ich tatsächlich mit spürbar aufsteigender Zornesröte: „Sag mal bist du bescheuert?“
Ole weicht spontan zurück und hebt schützend die Hände vor sich.
Es schreit mich weiter: „Wie kannst du einfach hier reinkommen? Bist du noch zu retten?“
Ole senkt die Hände, um dann wieder die rechte Hand zu heben. In ihr baumelt ein Schlüsselbund.
Ich schreie ungerührt weiter: „Wie bist du überhaupt hier reingekommen? Wie kannst du einfach meine Wohnung betreten? Ich glaub du bist nicht ganz dicht!“
Ole wedelt mit dem Schlüsselbund.
„Der steckte draußen.“
„Der steckte…?“
„Ja.“
„Ja und? Du hättest trotzdem klingeln können!“
„Hab ich.“
Ich bin kreischig: „Ach ja? Ich hab nichts gehört.“
Ole zeigt auf meine Kopfhörer und verdreht die Augen. Sein Blick ist nun vorwurfsvoll.
„Ich wollte sicher gehen, dass du deinen Schlüssel auch bekommst.“
„Aufschließen, Schlüssel innen einstecken, Tür wieder zuziehen. Fertig.“
„Ich war ja nicht sicher, ob du wirklich da bist.“
„Bitte? Ich hab mitgesungen!“
„Hätte ja wer anders sein können.“
„Hätte ….? Das ist doch wurscht! Du kannst nicht einfach mitten in meiner Wohnung stehen!“
„Ich hatte ein seltsames Gefühl.“
Meine Stimme ist immer noch laut.
„Danke, das hab ich jetzt auch.“
Oles Schultern sinken herab. Er ist ohnehin ein wenig naturkrumm, aber jetzt wirkt er wie eine in die Jahre gekommene Trauerweide.
„Da.“
Er legt den Schlüssel auf die Kommode und wendet sich zum Gehen.
„Ich hab mich zu Tode erschrocken, Ole! Ist das so schwer zu verstehen?“
„Ich hatte ein komisches Gefühl!“
„Ja, Herrgottnochmal!“
Ole ist mit wenigen, großen Schritten im Hausflur. Er dreht sich um, greift nach dem Türgriff und bevor er mit wirklich finsterer Miene die Tür vor meiner Nase zuzieht, macht er sich plötzlich sehr, sehr gerade:
„Und ich würde das wieder tun!“
Das Türschloss klickt konsequent einer Erwiderung entgegen. Die Kopfhörer in meiner Hand vibrieren. In ihnen setzen die B52’s zum nächsten Repeat an.

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OLE 4

„Moin.“
„Moin, Ole. Alles klar?“
„Sag mal, du wohnst doch direkt über A., oder?“
„Keine Ahnung. Ich kenn ja kaum jemand aus dem Haus.“
„A. sagte neulich, sie kenne niemanden, die soviel auf dem Boden fallen ließe, wie die Person über ihr.“
„Oha.“
„Das musst du sein.“
„Warum MUSS das ich sein? Ich bin total oft gar nicht da!“
„Aber wenn, dann fällt was hin.“
„Also…“
„Doch. Ist mir auch schon aufgefallen. Du hupst auch total oft aus Versehen beim Aussteigen.“
„Ich…“
„Das finde ich bemerkenswert. Wenn ich dein Auto vorfahren sehe, schließe ich die Augen und weiß: gleich hupts.“
„Das ist überhaupt nicht wahr!“
„A. hat das auch gesagt. Sie weiß aber nicht, dass du auch die bist, die alles fallen lässt.“
„Sag mal, was wird das denn hier?“
„Muss man doch mal sagen dürfen. Wir sehen uns ja sonst nicht.“
In diesem Moment fällt mir mein Schlüsselbund aus der Hand. Als ich mich bücke, um ihn aufzuheben, purzeln mehrere Kugelschreiber aus meiner geöffneten Tasche. Ole hebt Kulis auf.
„Ich sage da jetzt nichts zu.“
„Ist besser, Ole, ist besser.“
„Warum hupst du eigentlich nie beim Einsteigen?“
„Ich ….“
„Na, egal. ich muss los. Schönen Tag dir!“
Ja. Ich versuchs.

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OLE 5

Begegnung mit Ole im Treppenhaus:
„Moin.“
„Moin.“

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OLE 6

Aus dem Briefkasten fallen mir mehrere Prospekte entgegen. Warum hab ich eigentlich den Anti-Werbung-Aufkleber angebracht? Ich bücke mich zu den Angeboten zweier Pizzadienste und eines Mobilfunkanbieters. Hinter mir wird die Haustür geöffnet. Ole. Ich gelange dezent schnaufend zurück in meine aufrechte Haltung und schließe den Briefkasten.
„Ganz schön rot, dein Mantel!“
„Ich mag rot.“
„Sieht man.“
„Und selbst?“
„Ja, muss.“
„Muss was?“
„Ach.“
„Hm.“
„Aber zu groß isser, der Mantel.“
„Ja. Bisserl. Aktuell. Aber keine Sorge, ich wachse wieder rein.“
„Ach, der ist nicht neu?“
„Nein.“
„Bald ist Vollmond.“
„Bald ist Vollm…äh…ja, mag sein.“
„Ich verstehe nicht, weshalb der Mond die Weiblichkeit symbolisiert.“
Ole blickt jetzt an mir vorbei, als könne er auf der Wand hinter uns einen Publikumsjoker auswählen.
„Der Mond symbolis…äh…Ole? Wie kommst du denn jetzt auf den Mond?“
„Na, dein Mantel! Und dass du wieder reinwächst! Ist doch so’n Frauending!“
„In Mäntel zu wachsen?“
„So ungefähr.“
„Und was hat der Mond damit zu tun?“
„Der nimmt auch immer zu und ab.“
„Na, dann passt es ja zu deinem Bild von Weiblichkeit.“
„Nee. Neeeeee, neeeeee. Der Mond mault nicht darüber! Der macht das zyklisch elegant!“
„Der macht das…zykl…äh….wann hab ich denn gemault?“
„Haste nicht.“
„Ha!“
„Noch nicht.“
„Ich …“
„Nee. Sag nix! Außerdem: ich zieh aus nächste Woche.“
Mir fallen die Prospekte aus der Hand und flattern zu Boden.
„DU ZIEHST AUS?“
„Nicht laut werden!“
„Warum? Wohin? Warum? Wohin?“
„Bremen. Job. Läuft.“
Ich suche einen Telefonjoker. Treppenhausjoker. Nicht mal 50:50 ist greifbar.
„Ja…dann…also….“
„Ja. Und lass deine Schlüssel nicht mehr draußen stecken.“
„Nein.“
„Gut.“
Das Treppenhauslicht geht aus. Ole drückt auf den Lichtschalter. Ich bücke mich nach den Prospekten. Schnaufe beim Aufheben. Ole geht schon Richtung Treppe.
„Ole?“
„Ja?“
„Mach‘s gut!“

Fingerabdruck

Liebe sei die schlimmste Religion von allen, sagte Marie.
„Guck sie doch alle an. Wie sie hörig sind. Nach dieser Besoffenheit suchen. Irgendwen brauchen. Ohne mich!“
Das Wort „Besoffenheit“ im Zusammenhang mit Liebe verstörte mich. Aber das tat Maries abgeklärte Art insgesamt. „Du musst endlich kapieren, dass dein Herz nur ein Muskel ist.“ Wir waren noch nicht 15. Ich spielte, natürlich heimlich und im vollen Bewusstsein der altersgemäßen Unsäglichkeit, manchmal noch mit Barbie-Puppen. Liebe kannte ich aus Filmen mit Cary Grant. Verliebtheit durch meine unglücklichen Schwärmereien für Jungs, die mich nicht sahen. Jungs sahen Marie. Marie rauchte. Hatte einen fuchsiafarbenen Lippenstift, den sie auf dem Weg zur Schule im Bus auftrug und der manchmal nach der zweiten großen Pause leicht verwischt war.

Ihre Haut entsprach vollkommen dem Pfirsichklischee. Wenn sie im Sportunterricht schwitzte und Tropfen von den Schläfen über die prallen Wangen liefen, hatte ich stets das Wort „Pflücken“ im Kopf. Maries Wangen waren für mich das Sinnbild vollendeter Schönheit. Die meinen hingegen eine Brutstätte beulenartiger, konfluierender Pusteln. Erfolglos überschminkt: Rote Beulen zu beigen Beulen.
„Du bist auch schön.“ sagte Marie manchmal. „Anders halt.“
Dann sog sie tief an der Zigarette und tat so, als blase sie Kringel in die Luft. Sie sagte mir nie, dass ich auch eine Kippe nehmen soll. Mit Marie durfte ich nach Köln zum Konzert von Spandau Ballett. Mit Marie sah ich TOP GUN im Kino. Wer angesagt war, schwärmte für Tom Cruise. Ich war nicht angesagt. Val Kilmer, der ging. Zweite Geige.Tatsächlich schwärmte ich innig (und nebenbei bemerkt viele Jahre lang) für Willem Dafoe aus „Platoon“, aber für den schwärmte man nicht.
„Auf Dafoe stehen ist doch ok.“ sagte Marie. „Anders halt.“

Einmal klatschte mir im Sportunterricht der Ball auf meine rechte Gesichtsseite. Dass sich das dicke Brillengestell schmerzvoll in mein Jochbein drückte, war unschön, aber zu verkraften. Grauenvoll hingegen zu spüren, dass durch die Wucht mehrere Pusteln aufplatzten, die sich schon den Vormittag über durch aufsteigendes Pulsieren bemerkbar gemacht hatten. Ich fühlte eine warme Flüssigkeit die Wange hinab rinnen und legte reflexartig die Hand darauf. Zu spät.
„Ihhh, voll eeeeeklig.“  Swantje lenkte mit einem theatralischen Fluchtsprung aller Augen Spott zu mir.
Ich rannte in die Umkleide. Kein Blick in den Spiegel, nur in die Hand. Blut und Eiter. Keine Tränen. Scham rinnt nach innen. Dann Marie, die mir ungefragt eines der grauen, rauen Papiertücher aus dem Waschraum ins Gesicht drückte, nachdem sie mich in eine Toilettenkabine gezogen und hinter uns abgesperrt hatte. Minutenlang und still. Mit der Kuppe ihres Ringfingers tupfte sie sachte auf die wenigen aknefreien Hautstellen. Drei, vier, fünf Mal. „Ganz weich!“ sagte sie. Ich sagte: „Anders halt.“ und wir lachten.

Maries Herz schlug noch 12 Jahre. Es hat nie gewusst, dass es ein Muskel ist.