Kisumumoment

Abenddunst liegt über Kisumu, als wir abheben. Die Luft ist rosa und wirkt wie ein Weichzeichner auf das Grün am Boden, das gleichgültig in die undurchdringlichen Wasser des Viktoriasees übergeht. Die Dunkelheit kommt schnell; selbst im aufsteigenden Flieger können wir dem Tag kaum einen Lichtmoment mehr abtrotzen. Ich blicke aus dem Fenster mit saugenden Augen, die nichts von der Landschaft loslassen wollen. Über den Wolken kann das Herz unverhofft schwer sein. Das leichte Ziehen hinter den Rippenbögen weitet sich aus zu einem tiefen, akkurat gezielten Stich, der Atmen kurzzeitig unmöglich macht. Die Tränen sind kühler als meine Haut und schummeln sich verstohlen bis an den Hals hinunter.
Ich würde der Stewardess jetzt gerne sagen, dass ich die Welt nicht verstehe. Nie verstanden habe. Dass alle Versuche lächerlich waren. Und sind. Einmal keine Erklärung zu haben so viel wertvoller war, als alle vorgedachten Schablonen.

Der Brite jenseits des Gangs, der sich mir in Nairobi als Matthew vorstellen und sagen wird, mein Händedruck sei aber verdammt „german kräftig“, verpasst den letzten Sonnenstrahl in den Wolkentürmen, indem er seine Augen auf dem Handy-Display verweilen lässt.
Die voluminöse Afrikanerin mit der Vielzahl ellenlanger Zöpfe, in der Reihe davor, dreht sich immer wieder zu mir um. Treffen sich unsere Blicke, schiebt sie mit dem Zeigefinger die große, schwarze Brille empor. Im gleichen Maße heben sich ihre Mundwinkel, doch die Lippen bleiben geschlossen. Einmal formen sie lautlos ein „Nice“ und dabei deutet sie auf mein Haar. Das Ehepaar vor mir teilt sich wortlos salzige Nüsse und wählt zum Mangonektar noch ein Wasser.
„Soft Drinks, Madame?“ Die Stewardess hat mütterlich meinen Tisch herunter geklappt und legt eine dünne Papierserviette hin. Als ich mein Gesicht zu ihr drehe, reicht sie mir wortlos nickend eine zweite.
„No. Thank you.“
Außer dem Blinken des Tragflächenlichts ist nichts mehr zu sehen. Die Serviette knistert beim sanften Aufdrücken auf dem Jochbein. Ich fühle die Müdigkeit mit der Innigkeit einer zu lang entbehrten Umarmung. Das Herz klopft ins Leere.

kisumu

All of Ole

OLE 1

Der schönste Moment des Einkaufs war die Pfandrückgabe. Zum ersten Mal nimmt der Automat einfach jede Flasche an. Lässt keine zurückgehen. Das ist mir noch nie passiert. Ich nehme immer mindestens eine Flasche frustriert wieder mit heim. Dieserart euphorisiert kaufe ich mehr Spargel, mehr Erdbeeren, mehr Gurken und mehr Radieschen, als es sich für meinen Eigenbedarf geziemt. Mit rund gefüllten Stofftaschen betrete ich den Hausflur.
Als ich den Fuß in den dritten Stock setze öffnet sich die Tür vor mir.
„Moin, Ole.“
„Moin.“

Ole wirkt verschlafen. T-Shirt und Gesichtshaut weisen einen identischen Knitterigkeitsgrad auf. Er blinzelt ins Lampenlicht über uns.
„Dich sieht man auch nie.“
„Bin viel unterwegs, Ole, weißte doch.“
„Ja. Und genau das ist das Problem. Wir sind zu viel unterwegs.“
„Du auch?“
„Ja. Aber … der erste Schritt ist ja, das Problem zu erkennen. Weißt du, wir sind ja keine 20 mehr. Oder 30.“

Ich unterbreche Ole nicht, frage mich allerdings, warum mir zur Zeit ständig Menschen begegnen, die mich ungefragt daran erinnern, dass ich keine 30 mehr bin. Bestimmt fängt er gleich von den Wechseljahren an.

„Und wenn man weiß, dass man keine 30 mehr ist, dann wird die Luft dünn! Sehr dünn.“
„Nanana, Ole….Samstagsdepression?“
„Vielleicht. Wir sind einfach zu viel unterwegs.“
„Ich hab gerade Urlaub.“
„Echt?“
„Echt.“
„Und was machste?“
„Wohnen.“
„Wohnen ist super. Ich bin eigentlich nicht zu viel unterwegs. Ich lasse mich nur von meinem Hobby auffressen.“
„Äh….aber das kannst du doch selbst bestimmen. Reduzier es einfach?“
„Da hast du recht. Ja.“
„Allerdings: was machst du dann in der gewonnenen Zeit?“

Oles Blick geht gedankenverloren an mir vorbei. Mit einem sanften Klick erlischt das Flurlicht. Wir stehen im Dunkel. Ich höre seine Schritte, unsere Arme berühren sich, kurz bevor er die Treppe erreicht. Im zweiten Stock bleibt er kurz stehen. Er seufzt.
„Ich suche mir ein neues Hobby.“

_ _ _ _

OLE 2

Tag eins nach meinem Termin beim Kieferchirurg. Ich habe den Müll weggebracht. Auf der Treppe hinauf zur Wohnung kommt Ole mir entgegen.
„Moin.“
„Moin.“
„Na, alles gut?“
„Ja, danke.“
Ole bleibt stehen.
„Du siehst anders aus. Haare?“
„Nein.“
„Ich dachte…naja…bei euch Frauen sind es doch immer die Haare.“
„Diesmal nicht.“
„Aber anders stimmt doch, oder?“
„Wenn du so willst….“
„Warte…ich komm drauf!!“
Er mustert mich.
„Du hast keine Brille auf.“
„Ole, ich hab nie eine Brille auf. Zumindest nicht, wenn ich dir begegne.“
„Aber du hast eine?“
„Ja.“
„Aber das isses nich?“
„Nein.“
„Dann weiß ich nicht.“
„Es….“
„Halt! Ich hab‘s! Du hast dir so’n Zeugs spritzen lassen!“
„Ich …?“
„Schief gegangen? Mist sowas! Jetzt seh ich es auch. Völlig schief! Du bist völlig schief gespritzt! Rechts ist total …dick!“
„Maaaaannnnn! Oleeeee! „
„Was denn?“
„Ich sag nix mehr …“
Gehe an ihm vorbei, weiter nach oben.
„Also lieg ich falsch oder was?“
Ich bin schon fast ganz oben. Ole erhebt die Stimme leicht kreischig.
„Jetzt sag doch mal! Es ist aber doch alles schief!“
Ich schließe meine Tür auf und lasse sie deutlich hinter mir ins Schloss fallen. Ich höre Oles Schritte die Treppe hinunter poltern. Die Haustür fällt theatralisch donnernd ins Schloss. Meine Klingel schrillt. Ich betätige die Gegensprechanlage.
„Ja?“
„Ich weiß gar nicht, warum du jetzt beleidigt bist! Aber den Arzt solltest du verklagen.“
Ich lege auf.
Hier wohnen echt nur Diven.

_ _ _ _

Ole

_ _ _ _

OLE 3

Tür zu. Schuhe direkt vom Fuß in die Ecke schleudern, Tasche hinterher. Kopfhörer auf. Max Volume. Naja – fast max. Ich hüpf-zuck-schreite vom Wohn- ins Schlafzimmer und zurück. Bei manchen Songs produziert mein Körper Bewegungsabfolgen, die er sonst gar nicht kennt. Ich könnte eine Vodoopuppen durchbohren. Baue aber dann doch einsichtig mit Love Shack von den B52’s den Adrenalinspiegel ab. Repeat. Repeat. Repeat.
Ich ertanze kurz Küche und Bad, um durch Flur und Wohnzimmer wieder gen Schlafraum zu zucken. Augen schließen. Wilde Drehung. Augen öffnen.
Ein fast schmerzhafter Schreckensblitz durchfährt mich. 100% Adrenalin bis in bereits herabfallende Hautschüppchen. Mein Kiefer ist im Konflikt, ob er sich für einen Schrei lösen oder zwecks Zunge abbeißen zusammenschnellen soll. Der Ausfallschritt seitwärts vollzieht sich ruckartig und vollautomatisch. Ich knicke leicht ein mit dem Fuß, wanke etwas nach hinten. Meine rechte Hand reißt mir die Kopfhörer runter, gleichzeitig schnelle ich wieder nach vorne und nun schreie ich tatsächlich mit spürbar aufsteigender Zornesröte: „Sag mal bist du bescheuert?“
Ole weicht spontan zurück und hebt schützend die Hände vor sich.
Es schreit mich weiter: „Wie kannst du einfach hier reinkommen? Bist du noch zu retten?“
Ole senkt die Hände, um dann wieder die rechte Hand zu heben. In ihr baumelt ein Schlüsselbund.
Ich schreie ungerührt weiter: „Wie bist du überhaupt hier reingekommen? Wie kannst du einfach meine Wohnung betreten? Ich glaub du bist nicht ganz dicht!“
Ole wedelt mit dem Schlüsselbund.
„Der steckte draußen.“
„Der steckte…?“
„Ja.“
„Ja und? Du hättest trotzdem klingeln können!“
„Hab ich.“
Ich bin kreischig: „Ach ja? Ich hab nichts gehört.“
Ole zeigt auf meine Kopfhörer und verdreht die Augen. Sein Blick ist nun vorwurfsvoll.
„Ich wollte sicher gehen, dass du deinen Schlüssel auch bekommst.“
„Aufschließen, Schlüssel innen einstecken, Tür wieder zuziehen. Fertig.“
„Ich war ja nicht sicher, ob du wirklich da bist.“
„Bitte? Ich hab mitgesungen!“
„Hätte ja wer anders sein können.“
„Hätte ….? Das ist doch wurscht! Du kannst nicht einfach mitten in meiner Wohnung stehen!“
„Ich hatte ein seltsames Gefühl.“
Meine Stimme ist immer noch laut.
„Danke, das hab ich jetzt auch.“
Oles Schultern sinken herab. Er ist ohnehin ein wenig naturkrumm, aber jetzt wirkt er wie eine in die Jahre gekommene Trauerweide.
„Da.“
Er legt den Schlüssel auf die Kommode und wendet sich zum Gehen.
„Ich hab mich zu Tode erschrocken, Ole! Ist das so schwer zu verstehen?“
„Ich hatte ein komisches Gefühl!“
„Ja, Herrgottnochmal!“
Ole ist mit wenigen, großen Schritten im Hausflur. Er dreht sich um, greift nach dem Türgriff und bevor er mit wirklich finsterer Miene die Tür vor meiner Nase zuzieht, macht er sich plötzlich sehr, sehr gerade:
„Und ich würde das wieder tun!“
Das Türschloss klickt konsequent einer Erwiderung entgegen. Die Kopfhörer in meiner Hand vibrieren. In ihnen setzen die B52’s zum nächsten Repeat an.

_ _ _ _

OLE 4

„Moin.“
„Moin, Ole. Alles klar?“
„Sag mal, du wohnst doch direkt über A., oder?“
„Keine Ahnung. Ich kenn ja kaum jemand aus dem Haus.“
„A. sagte neulich, sie kenne niemanden, die soviel auf dem Boden fallen ließe, wie die Person über ihr.“
„Oha.“
„Das musst du sein.“
„Warum MUSS das ich sein? Ich bin total oft gar nicht da!“
„Aber wenn, dann fällt was hin.“
„Also…“
„Doch. Ist mir auch schon aufgefallen. Du hupst auch total oft aus Versehen beim Aussteigen.“
„Ich…“
„Das finde ich bemerkenswert. Wenn ich dein Auto vorfahren sehe, schließe ich die Augen und weiß: gleich hupts.“
„Das ist überhaupt nicht wahr!“
„A. hat das auch gesagt. Sie weiß aber nicht, dass du auch die bist, die alles fallen lässt.“
„Sag mal, was wird das denn hier?“
„Muss man doch mal sagen dürfen. Wir sehen uns ja sonst nicht.“
In diesem Moment fällt mir mein Schlüsselbund aus der Hand. Als ich mich bücke, um ihn aufzuheben, purzeln mehrere Kugelschreiber aus meiner geöffneten Tasche. Ole hebt Kulis auf.
„Ich sage da jetzt nichts zu.“
„Ist besser, Ole, ist besser.“
„Warum hupst du eigentlich nie beim Einsteigen?“
„Ich ….“
„Na, egal. ich muss los. Schönen Tag dir!“
Ja. Ich versuchs.

_ _ _ _

OLE 5

Begegnung mit Ole im Treppenhaus:
„Moin.“
„Moin.“

_ _ _ _

OLE 6

Aus dem Briefkasten fallen mir mehrere Prospekte entgegen. Warum hab ich eigentlich den Anti-Werbung-Aufkleber angebracht? Ich bücke mich zu den Angeboten zweier Pizzadienste und eines Mobilfunkanbieters. Hinter mir wird die Haustür geöffnet. Ole. Ich gelange dezent schnaufend zurück in meine aufrechte Haltung und schließe den Briefkasten.
„Ganz schön rot, dein Mantel!“
„Ich mag rot.“
„Sieht man.“
„Und selbst?“
„Ja, muss.“
„Muss was?“
„Ach.“
„Hm.“
„Aber zu groß isser, der Mantel.“
„Ja. Bisserl. Aktuell. Aber keine Sorge, ich wachse wieder rein.“
„Ach, der ist nicht neu?“
„Nein.“
„Bald ist Vollmond.“
„Bald ist Vollm…äh…ja, mag sein.“
„Ich verstehe nicht, weshalb der Mond die Weiblichkeit symbolisiert.“
Ole blickt jetzt an mir vorbei, als könne er auf der Wand hinter uns einen Publikumsjoker auswählen.
„Der Mond symbolis…äh…Ole? Wie kommst du denn jetzt auf den Mond?“
„Na, dein Mantel! Und dass du wieder reinwächst! Ist doch so’n Frauending!“
„In Mäntel zu wachsen?“
„So ungefähr.“
„Und was hat der Mond damit zu tun?“
„Der nimmt auch immer zu und ab.“
„Na, dann passt es ja zu deinem Bild von Weiblichkeit.“
„Nee. Neeeeee, neeeeee. Der Mond mault nicht darüber! Der macht das zyklisch elegant!“
„Der macht das…zykl…äh….wann hab ich denn gemault?“
„Haste nicht.“
„Ha!“
„Noch nicht.“
„Ich …“
„Nee. Sag nix! Außerdem: ich zieh aus nächste Woche.“
Mir fallen die Prospekte aus der Hand und flattern zu Boden.
„DU ZIEHST AUS?“
„Nicht laut werden!“
„Warum? Wohin? Warum? Wohin?“
„Bremen. Job. Läuft.“
Ich suche einen Telefonjoker. Treppenhausjoker. Nicht mal 50:50 ist greifbar.
„Ja…dann…also….“
„Ja. Und lass deine Schlüssel nicht mehr draußen stecken.“
„Nein.“
„Gut.“
Das Treppenhauslicht geht aus. Ole drückt auf den Lichtschalter. Ich bücke mich nach den Prospekten. Schnaufe beim Aufheben. Ole geht schon Richtung Treppe.
„Ole?“
„Ja?“
„Mach‘s gut!“

Fingerabdruck

Liebe sei die schlimmste Religion von allen, sagte Marie.
„Guck sie doch alle an. Wie sie hörig sind. Nach dieser Besoffenheit suchen. Irgendwen brauchen. Ohne mich!“
Das Wort „Besoffenheit“ im Zusammenhang mit Liebe verstörte mich. Aber das tat Maries abgeklärte Art insgesamt. „Du musst endlich kapieren, dass dein Herz nur ein Muskel ist.“ Wir waren noch nicht 15. Ich spielte, natürlich heimlich und im vollen Bewusstsein der altersgemäßen Unsäglichkeit, manchmal noch mit Barbie-Puppen. Liebe kannte ich aus Filmen mit Cary Grant. Verliebtheit durch meine unglücklichen Schwärmereien für Jungs, die mich nicht sahen. Jungs sahen Marie. Marie rauchte. Hatte einen fuchsiafarbenen Lippenstift, den sie auf dem Weg zur Schule im Bus auftrug und der manchmal nach der zweiten großen Pause leicht verwischt war.

Ihre Haut entsprach vollkommen dem Pfirsichklischee. Wenn sie im Sportunterricht schwitzte und Tropfen von den Schläfen über die prallen Wangen liefen, hatte ich stets das Wort „Pflücken“ im Kopf. Maries Wangen waren für mich das Sinnbild vollendeter Schönheit. Die meinen hingegen eine Brutstätte beulenartiger, konfluierender Pusteln. Erfolglos überschminkt: Rote Beulen zu beigen Beulen.
„Du bist auch schön.“ sagte Marie manchmal. „Anders halt.“
Dann sog sie tief an der Zigarette und tat so, als blase sie Kringel in die Luft. Sie sagte mir nie, dass ich auch eine Kippe nehmen soll. Mit Marie durfte ich nach Köln zum Konzert von Spandau Ballett. Mit Marie sah ich TOP GUN im Kino. Wer angesagt war, schwärmte für Tom Cruise. Ich war nicht angesagt. Val Kilmer, der ging. Zweite Geige.Tatsächlich schwärmte ich innig (und nebenbei bemerkt viele Jahre lang) für Willem Dafoe aus „Platoon“, aber für den schwärmte man nicht.
„Auf Dafoe stehen ist doch ok.“ sagte Marie. „Anders halt.“

Einmal klatschte mir im Sportunterricht der Ball auf meine rechte Gesichtsseite. Dass sich das dicke Brillengestell schmerzvoll in mein Jochbein drückte, war unschön, aber zu verkraften. Grauenvoll hingegen zu spüren, dass durch die Wucht mehrere Pusteln aufplatzten, die sich schon den Vormittag über durch aufsteigendes Pulsieren bemerkbar gemacht hatten. Ich fühlte eine warme Flüssigkeit die Wange hinab rinnen und legte reflexartig die Hand darauf. Zu spät.
„Ihhh, voll eeeeeklig.“  Swantje lenkte mit einem theatralischen Fluchtsprung aller Augen Spott zu mir.
Ich rannte in die Umkleide. Kein Blick in den Spiegel, nur in die Hand. Blut und Eiter. Keine Tränen. Scham rinnt nach innen. Dann Marie, die mir ungefragt eines der grauen, rauen Papiertücher aus dem Waschraum ins Gesicht drückte, nachdem sie mich in eine Toilettenkabine gezogen und hinter uns abgesperrt hatte. Minutenlang und still. Mit der Kuppe ihres Ringfingers tupfte sie sachte auf die wenigen aknefreien Hautstellen. Drei, vier, fünf Mal. „Ganz weich!“ sagte sie. Ich sagte: „Anders halt.“ und wir lachten.

Maries Herz schlug noch 12 Jahre. Es hat nie gewusst, dass es ein Muskel ist.

Merlemoment

„Mama, die Frau kauft Gras.“
„Das ist Schnittlauch, Merle.“
Links von mir flüstert jemand einen Hasch-Kalauer.
Der weißbärtige Verkäufer mit Alm-Öhi-Hut reicht mir den Bund. Kurz bevor ich ihn im Beutel verschwinden lasse, halte ich ihn Merle hin. Sie greift hinein, zerwühlt mit den Fingern das Grün.
„Dickes, glattes Gras, Mama.“
„Das ist Schnittlauch, Merle. „
Ich versenke selbigen im Beutel und wende mich an den Öhi.
„Von dem Mangold, bitte. Rot und grün.“
Merle schweigt.
„Und Brokkoli bitte.“
Merle streckt die Hand aus. Ich nehme den Brokkoli und reiche ihn ihr. Sie fühlt.
„Harte Petersilie!“
Die mütterliche Stimme bekommt etwas betont Belehrendes.
„Das ist Brokkoli, Merle.“
„Es sieht aus wie Petersilie.“
Das da ist Petersilie“ belehrt es weiter.
Merle sieht auf den Brokkoli. Dann auf die Petersilie und schließlich zu mir hoch.
„Wusstest du das?“
Ich nicke.
Die Merlemutter wird eifrig.
„Wenn du immer zuhörst, weißt du sowas auch, wenn du groß bist.“
„Wann ist das?“
„Später.“
„Heute Nachmittag?“
Der Öhi lacht kurz auf. Merle runzelt die Stirn und drückt den Brokkoli auf den Schnittlauch und das Mangold, wobei sie mit dem Kopf halb in meinem Beutel verschwindet.
„Deine Tasche ist voll Grün, die braucht Licht!“ Sie nimmt eine quietschgelbe Zitrone und legt sie obenauf.
Während die Hand der Merlemutter korrigierend nach vorne schnellt, hoffe ich, dass es nicht Nachmittag wird. Zumindest nicht heute.