Der gecremte Mann

Also mal ehrlich: Eine Kosmetikerin ohne Mann ist wie ein Wissenschaftler ohne Labormaus.
Ich kenne keine (in Worten: keine!) Kollegin, die nicht die Säulen ihrer Kunstfertigkeit auf der Epidermis des Partners verankert hat. Was die wenigsten Endverbraucher wissen: Jedes Produkt und jede kosmetische Anwendung werden von der Kosmetikerin ausgiebig am heimischen Mann getestet, bis sie schlussendlich zum Einsatz am zahlenden Fremdkörper kommen. Meines Wissens hat sich auch noch keine Schutzorganisation, gleich welcher Couleur, dieser Ausbeutung angenommen.

Die (Fach-)Presse widmet gerne ausgiebige Artikel dem Mann im Reich der Kosmetik. Über den Mann dahinter schweigt die Branche unisono. Kein Wort über teilenthaarte Schienbeine, verzupfte Augenbrauen, Spraytanningattacken und dermabrasierte Nasenrücken. Entgegen allen feministischen Glaubenssätzen erweisen sich Kosmetikerinnenmänner als außerordentlich leidensfähig. Sie nehmen wochenlange Schälkuren so klaglos in Kauf wie einen gefrenchten „Testnagel“. Sie lassen sich scrubben und sonophorieren; lassen uns Probebohrungen mit Hochleistungskomedonenhebern machen und schrecken nicht einmal vor einer Wimpernwelle zurück, selbst wenn sie an den Nasenhaaren ausprobiert wird.
Und unter einem Ölwechsel verstehen sie längst das Umschwenken von der Vitamin A- zur Vitamin E-Ampulle.

Auf den großen Messen sieht man sie trolleyziehend einen halben Schritt hinter der Dame ihres Herzens, sorgsam jedwede Infobroschüre verstauend und allzeit bereit, den Unterarm von Needlingrollen traktieren und die Ohrläppchen mit Liftingpads zupflastern zu lassen.
Beste Freundinnen wären zu so etwas ja gar nicht in der Lage, und wenn doch, dann keinesfalls mit y-chromosomalem Gleichmut und noch weniger schweigend.
Ich erinnere mich an eine Kollegin, die mangels Mann ihre Mutter zur Austestung einer Bleichungscreme herangezogen hatte. Nach sechs Wochen ermüdendem Verbalstellungskrieg überließ die Kosmetikerin der Mutter ihren Salon und die getestete Firma musste die Cremerezeptur grundlegend neu gestalten. Ich meine gehört zu haben, dass auch der Cremehersteller später in die Hände der Mutter überging.

Mit einem Mann wäre so etwas nicht passiert.

Den Nachwuchs lässt man ebenfalls besser außen vor, obschon ich Kolleginnen erlebt habe, die die Vielfalt ihres Angebots zu erzieherischen Maßnahmen zu nutzen wussten. „Wenn du nicht sofort damit aufhörst, mach ich dir eine Iontophorese!“, war die überraschende Drohung, derer ich Zeuge werden durfte, als ich eine Bekannte mit Homestudio besuchte, deren Sohnemann im Minutentakt krakeelend in den Behandlungsraum stürmte.
Ja, man lernt nie aus.
Ich selbst möchte demnächst meine Make-up-Techniken mal wieder bei einem kleinen Kreativnachmittag verfeinern. Mein Männe ist diesbezüglich schon Topmodel geworden: keine Hustenanfälle mehr bei Puderanwendung, und die Blinzeltränenattacken während des Kajalauftragens haben auch aufgehört. Buddhistisch atmet er in alle Farbanwendungen hinein und wirft am Ende einen kritischen Blick in den Spiegel. Er legt besonderen Wert auf einen feinen Pinselstrich und ist als Tester so routiniert, dass er sich nicht einmal mehr hektisch abschminken möchte, bevor er dem Postboten die Tür öffnet.

Hinter jeder erfolgreichen Kosmetikerin steht ein dick eingecremter Mann!

Waschstraßendebakel

Der Mensch, in diesem Fall ich, ist oftmals gedankenverloren. Oder, schöner ausgedrückt: im Fluss. Intuitiv im Fluss.
Bei Tätigkeiten, die sozusagen im Autopilot durchführbar sind, ist das kein Problem. Würde ich über bestimmte Bewegungsabläufe nachdenken, wäre ich außer Stande, sie durchzuführen. Radfahren zum Beispiel.
Ein Grund mehr, schlafende Hunde nicht zu wecken. Es gibt Dinge, die sollten einem nicht gesagt werden, selbst mit der besten Absicht nicht.

Tatort Waschstraße. Samstagnachmittags.
Ich halte beim Waschstraßenmann.
„Einmal nur waschen.“
„Fünf Euro, bitte. Lenkradsperre raus, nicht Bremsen und Automatik auf N.“
(Ich denke: Weiß ich doch, Himmel! Fahr ja nicht zum ersten Mal hier durch)
„He, junge Frau! Nicht bremsen!“
„Was?“
„NICHT BREMSEN! AUTOMATIK AUF N!“
„Aber ich hab doch…“
„N!“

Ich sehe „N“, aber aus unerfindlichen Gründen schalte ich auf „R“ und lasse den Fuß auf der Bremse.

„N! Himmel, das kann doch nicht so schwer sein!“
Ich nehme den Fuß von der Bremse und schalte paralysiert auf „P“, wissend, dass das falsch ist, aber ich kann nichts dagegen tun. Es schaltet, was immer Es ist.
Der Waschmann ist jetzt ganz rot im Gesicht, hinter mir ist ein Stau.
„N! Herrgott, N wie Nordpol, Norddeich, Nieren oder Nasen!“

Während meine Hand den Automatikschalter sorgsam auf „N“ schiebt, stellt sich mein Fuß wieder auf die Bremse. Was immer gerade in mir im intuitiven Fluss ist, es ist diesmal kein guter Fluss. Der Waschmann schnappt nach Luft, ehe er brüllen kann, reiße ich den Fuß von der Bremse, die Hände in die Höhe, kneife die Augen zusammen und flehe „Allesgutallesgutallesgutallesgut!“.
Mit einem sanften Schub bewegt sich das Auto in die Waschstraße hinein. Ich bin wie versteinert und höre durch dumpfes Wasserprasseln hinter mir schlimmste norddeutsche Flüche.

Ich kann nie wieder in diese Waschstraße fahren. Bitte, da wird niemand etwas anderes behaupten können. Ich bin gebrandmarkt, ich bin Waschstraßenlegastheniker, Automatik-Analphabet, alles zusammen und gemischt und auch noch in der schlimmsten aller Erscheinungsformen: Frau und blond.
Ich sehe schon das künftige Plakat an allen Waschstraßen Hamburgs, mit meinem Konterfei darauf: „Ich muss leider draußen bleiben.“
Und deshalb muss ich jetzt auf mein Sofa. Muss ferngehalten werden von der Welt und ihren simplen, aber undurchführbaren Anforderungen.
N wie Nordpol. Oder B wie Bremse. Schmach hat viele Buchstaben.

Waschmaschinen-Winkelspinnen-Verhältnisse

Natürlich ist die Waschenmaschinentür bei Nichtnutzung, ebenso wie das Pulvereinfüllfach, offen. Ich versuche stets nicht darüber nachzudenken, ob Winkelspinnen Waschmaschinen betreten. Können. Wollen.

Am liebsten wäre mir, Waschmaschinen hätten eine Innenbeleuchtung, so wie Kühlschränke. Sobald man die Tür bewegt -zack – Licht an und ich könnte sehen, ob sich Getier in der Trommel befindet. Es ist mir, trotz Phobie, ein wenig zu peinlich, vor jedem Waschgang mit einer Taschenlampe bewaffnet den Frontlader auszuleuchten. Nicht zuletzt, weil ich bei Entdecken einer Spinne, außer einer Schockstarre mit anschließendem Fluchtimpuls, nichts zu bieten habe.
Also fülle ich blindlings die zu waschende Wäsche ein und hoffe, dass keine Winkel(odersonstige)spinne im 60°C Weißwäsche-Programm weilt.
Stirbt.
Nass am Stoff klebt.
Von Schleuderkraft einzelner Beine beraubt.
Die dann wiederum am Stoff kleben.
Womöglich meinem Liebingsshirt.
Ich öffne die Waschmaschine. Greife beherzt hinein. Will die Wäsche in den Korb davor purzeln lassen. Die weiße, schneeweiße Wäsche. Und wie ich sie nach vorne hole, fällt dieser schwarze Schrumpelkorpus auf meinen Handrücken. Nass. Klebend. In den aufgerissenen Spinnenaugen noch die Schrecken der Vorwäsche. Reflexartig will ich das tote Tier abschütteln. Sie klebt. Ich schüttle heftig. Die nasse Leiche löst sich, fliegt empor – direkt in mein Gesicht. KLEBT! … Im Film folgt an dieser Stelle ein gnädiger Schnitt. Die nächste Szene spielt in der Pathologie.

Ja, natürlich ist mir das noch nicht passiert.
Aber es könnte.
Jeden Tag posten auf facebook mindestens 100 Menschen 200 Lebensweisheitenseitenbilder, auf denen bedrohlich darauf verwiesen wird, dass die Macht unserer Gedanken unsere Realität bestimmt. Niemand postet Bilder, auf denen steht, dass das nicht für Winkelspinnen in Waschmaschinen gilt! Niemand postet Bilder, auf denen steht, dass AEG die erste Trommel mit Winkelspinnenlotuseffekt auf den Markt gebracht hat.
Ich bin allein.
Die Trommeltür ist offen.

Im Film würde die Musik jetzt dramatisch.

Tankstellendemenz

Noch für 39 km Sprit. Endlich eine Tankstelle. Ich steige aus, entsorge flott diverse zerknüllte Bäckerbrezelpapiertüten im Mülleimer an der Zapfsäule und ziehe nahezu zeitgleich einen Dieselhandschuh aus dem Wandhalter. Und erwische zwei. Kurz gibt es den Impuls, den zweiten Handschuh zurück in den Wandhalter zu friemeln, dann aber denke ich: „Leg ihn ins Auto. Vielleicht brauchst du sowas mal.“
Ich denke es, halte den Handschuh aber mit meiner Geldbörse zusammen in der Hand und tanke. Klar…einen Dieselhandschuh braucht man immer…jeder sollte einen haben. Ich muss kichern. Der Tank ist voll. Ich öffne die Beifahrertür, um den Handschuh ins Auto zu schubsen. Gedanklich bin ich schon längst mindestens fünfzig Kilometer weiter. Es ist voll. Kleine Schlange an der Kasse. Endlich bin ich dran. „Die Drei.“, sage ich zum Kassierer. „71,56“ entgegnet er. Ich will meine Tankkarte herüberreichen. Die Tankkarte? Wie kann ich sie herüberreichen, wenn ich die Geldbörse vorher nicht geöffnet habe? Die Geldbörse….hat doch eine gewisse Form, die ich gerade gar nicht fühle….denke ich…während die Hand nach vorne schnellt, so schnell…schneller als die Gedanken denken können. Der Kassierer greift reflexartig zu. Stutzt. Sieht mich ratlos an. So wie die Wartenden hinter mir.
Vor meinem geistigen Auge erscheint eine Geldbörse auf dem Beifahrersitz…in der Hand des Kassierers ruht: der Dieselhandschuh.

Tanze, als würde dich niemand sehen

Man soll ja nicht alles schlecht reden.
Wirklich nicht. Es ist unglaublich wunderbar, wie bemüht man inzwischen ist, das Toilettenerlebnis des gemeinen Hotel- oder Raststättenbesuchers zu verschönen. Allein, das Bemühen um höchste Hygiene treibt seltsame Blüten. Zumindest bei mir. Wobei ich zutiefst hoffe, dass ich nicht allein bin mit meiner Suche nach all diesen versteckten Sensoren der vollautomatischen Seifenspender, Wasserhähne, Papiertuchhalter. Es ist ein längst routinierter Automatismus, dass ich mit eingeschäumten Händen unter Wasserhähnen wedle, bis die Seifenflocken in alle Himmelsrichtungen schweben.
Für Damen mit Winkeärmchen ist es einer der beschämensten Momente der sanitären Auszeit.

Ich tanze vor Handfönautomaten.
Bezirze mit Mentalkräften Desinfektionsmitteldüsen.
Vollführe einbeinige Pirouetten vor dem Klo, um den Spülsensor zu aktivieren.
Der Klogang – ein Tanzkurs mit pantomimischem Stressmoment.
Früher griff ich beherzt in die eklige Siffseife am Beckenrand. Hach ja.

Gestern stand ich am Damentoilettenwaschbecken eines Restaurants, mit eingeschäumten Händen und bewegte sie geduldig, aber erfolglos, unter dem Wasserhahn hin und her. Rauf, runter, hin, her. Kreisend. Vibrierend. Ruckartig. Die Dame hinter mir sah eine Weile zu. Dann drängte sie mich schnaubend zur Seite, zog mit einem Ruck den Hahnhebel (tolles Wort!) nach oben und übertönte das Rauschen des Wassers mit den Worten: „Einfach mal zupacken!“ Die Stimme: ätzend. Der Blick: vernichtend.
Meine Füße: verschämt nach innen gedreht.

Sechsuhrzug

Kein Schmerz.

Eher ein kurzer, dumpfer Druck. Ich träume.
In meinem Traum hat jemand bei mir angeklopft, und vermutlich hätte ich mich nicht einmal darüber gewundert, dass jemand an meinem Kopf anklopft, wäre da nicht dieses deutlich hörbare „Oh Verzeihung!“ plötzlich und leicht schreckgeschwängert, direkt auf meine Nase gesprochen worden.
Ich öffne die Augen.
Mein Sitznachbar hat sich schon wieder aufgerichtet. Unsere Köpfe waren beim Wegnicken leicht zusammengestoßen. Verlegenheit und Belustigung vibrieren einen Moment lang zwischen uns. Dann verkriecht sich der Herr eifrig hinter der Süddeutschen.
Auf der anderen Gangseite, eine Reihe vor uns, sitzt ein Geschäftsmann Marke Durchschnittsbänker. Der Anzug blau, das Hemd maschinengebügelt, die Haut rotweinrosig. Ich bin entzückt darüber, dass der schneeweiße Philipskopfhörer einige der streng zur Seite gegelten Haare auf die andere Seite nach oben drückt.
Wenn der Kopfhörer weg ist, wird ein Gelhaarstriezel senkrecht empor stehen. Und nichts wird ihn wieder an den Platz zurück bringen, der beim morgendlichen Frisurtuning angedacht war.
Direkt hinter dem Striezelbänker sitzt ein nicht minder bemerkenswertes Exemplar Haartracht. Advokat vielleicht.
Eher Arzt. Künstlerarzt. Weiße, haarlose Hände. Ein strenges, konzentriertes Gesicht. Aber fast schulterlanges, gleichmäßig dichtes und dunkles, gewelltes Haar.
Man muss hinsehen. Auch, weil so viele Haare auf dem Kopf und so wenige an Hand und Arm sind.

Der Arztadvokat verzieht plötzlich das Gesicht. Der Mund öffnet sich, der Unterkiefer zieht stark nach unten rechts. Einmal. Zweimal. Dreimal. Verspanntes Kiefergelenk. Die vermutlich unbewusste Grimasse wirkt sich ungünstig auf das Gesamtbild aus.
Er sortiert die Seiten seiner Zeitung. Die Blätter berühren den Gelhaarstriezel des Vordermanns.
Kurzes Zucken. Der Striezel wippt, der Advokatarzt verzieht seinen Unterkiefer nach links. Einmal. Zweimal. Dreimal.
Ob der das im OP auch immer macht?
Oder im Gericht? „Einspruch, euer ….einmalzweimaldreimal……Ehren!“
Mein Sitznachbar schläft schon wieder. Sein Kopf kippt zur Seite. 06:35. Ich bestelle eine Cola und bin vergnügt.

SHINING – jetzt auch in Hannover

Kosmetik Training macht Freude.Das damit verbundene Reisen hingegen birgt ungeahnte Tücken.
Abends angekommen in Hannover.
Ab ins Hotel. Schnell den Koffer ins Zimmer und dann etwas Essen gehen. Der Flur zum Zimmer ist nicht beleuchtet. Trotzdem finde ich sofort das Türschloss und bin -schwupps- im Nachtgemach.
Fenster kippen und ab ins Restaurant. Ich öffne die Zimmertür und trete in den dämmrigen Flur. Zeitgleich verlässt eine Frau rechts von mir ihr Zimmer. Ich sehe flüchtig zu ihr, sage „Guten Abend“ und gehe links Richtung Lift. Keine Antwort von ihr. Ich erwarte Schritte hinter mir. Aber es sind keine Schritte hinter mir zu hören. Vollkommene Stille. Irritiert drehe ich mich um. Da steht sie, ein wenig entfernt, blickt geradewegs in meine Richtung. Ich sehe nur die Silhouette deutlich. Die ist unheimlich. Warum hab ich mich umgedreht?
Jetzt sollte ich auch was sagen, oder? Ich tu es nicht und drehe mich wieder Richtung Lift. Sehe im Augenwinkel, sie bewegt sich auch. Glaube zu sehen: sie hat MEINE Tasche. Greife instinktiv an meinen Arm. Da ist die Tasche. Drehe mich wieder um. Sie dreht sich mit. Meine vernunftbegabte Großhirnrinde will etwas sagen, doch das limbische System peitscht mit einem Angstschauer dazwischen. WEG!!! NICHTS WIE WEG! Hinter mir macht der Lift „Bling“, ich höre wie sich die Türen öffnen, fahre herum, um schnell hinein zu springen. Dabei laufe ich gegen den aussteigenden Gast und schrei mich doof vor Schreck. Die Lifttüren schließen sich. Der Mann lacht, drückt auf den Lichtschalter neben der Lifttür und sagt: „Mit Licht ist besser.“ Mein limbisches System zieht sich peinlich berührt zurück, die Großhirnrinde zwingt mich zum Blick in den nun erhellten Flur. An dessen Ende ist eine Spiegelwand. In ihr sehe ich den Mann und mich.
Ich sage: „Ja, mit Licht ist besser.“

Vegetatives Waterloo (2012)

Imagi est animi vultus – das Gesicht ist ein Abbild der Seele, wie der Lateiner sagt. In meinem Fall also ein Spiegel ätherischer Jugendlichkeit, hatte ich doch gerade eine fulminant glättende Kosmetikbehandlung im Herzen Hamburgs genossen. Das Ergebnis war so wunderbar, dass ich mich hinreißen ließ pur, und ohne jegliche Make-Up-Note den Jungfernstieg zu betreten.
Nach eifriger Schaufensterbegutachtung hie und dort, betrat ich das Alsterhaus.

Meine fröhliche Shoppinglaune fand abrupt ihr Ende, als ich am Stand einer renommierten Visagistenschmiede einen Blick in den Tageslichtspiegel warf.
Imagi est animi vultus. Meine Seele hatte zwischenzeitlich Fettglanz entwickelt.
Und während ich noch mein glänzendes Antlitz beäugte, schwebte auch schon eine elfengleiche, junge Dame heran.
„Sie interessieren sich für unsere Make Up Produkte?“
(Äh…..nicht wirklich!)
„Ja, besonders für die Puder“ hörte ich mich antworten.
„Darf ich Sie einladen Platz zu nehmen? Gerne zeige ich Ihnen den passenden Puder für Ihren Hauttyp, wir könnten das direkt einmal mit einem typgerechten Make Up für Sie kombinieren.“

Ohne viele Worte begann die Visagistin Tiegel und Töpfchen zu öffnen, fischte aus einem Waffenarsenal von Pinseln die benötigten heraus und begann, wofür ich zunächst dankbar war, ohne Erklärungen und Kommentare mit ihrem Schminkwerk.
Aber dann geschah, was immer geschieht, wenn ich mich seelisch unvorbereitet in die Hände mir wildfremder Personen begebe: vegetatives Waterloo, nervlicher Ausfallschritt, feindliche Übernahme stammesgeschichtlich uralter Zellstrukturen! Ich, sagen wir es gemäßigt, hasse unangemeldete physische Begegnungen mit mir unbekannten Menschen!
Zuerst spürte ich die fortschreitende Kaltschweißigkeit meiner Hände, offensichtlich hatte Sympathikus, nervlicher Herr über den Fluchtimpuls, das Zepter ergriffen. Unaufhaltsam presste sich jeder einzelne, noch vor kurzer Zeit so liebevoll in meine Haut massierte Wirkstoff zurück ans Licht der Welt, das unbarmherzige Licht der Tageslichtlampe.
„Sie neigen ja etwas zu Transpiration!“
„Ja, äh, nein, äh, das ist eher Fett.“
(EHER FETT? Bist du jetzt ganz blöd? Du kannst doch nicht im Alsterhaus sitzen und verkünden, dass du eben eher fettglänzend bist!)
Madame Elfe puderte zum dritten Mal über meine Oberlippe:
„Ich denke es ist beides: Fett und Transpiration!“

Fett und Transpiration.
Pest und Cholera.
Norovirus und Schweinegrippe.
Man muss im Leben aus dem Vollen schöpfen.

Ein Kaltschweißtröpfchen perlte über mein Augenlid.
Mein Puls musste inzwischen bei 180 angekommen sein, mein Rock klebte derart an meinem Hintern, dass ich beim Aufstehen so aussehen würde, als habe man mich darin einvakuumiert.
Und kein Entrinnen.
Madame Elfe hatte inzwischen den Pinsel zur Seite gelegt und tauchte nun eine gigantische Quaste tief in den Pudertopf, um meinen gesamten Kopf für Minuten in eine Wolke mattierender Partikel zu hüllen.

„Halten Sie die Augen geschlossen, falls Sie Kontaktlinsen tragen.“
„Ja“, sagte ich, hätte aber besser auch den Mund geschlossen gehalten.
Jetzt bitte alles, nur nicht husten, nicht husten, nicht husten.

Die Puderwolke verflog allmählich und zum Vorschein kam mein puterrotes, aber endlich sowas von unglänzendes Hustenreizunterdückungsgesicht. Madame Elfe zeigte sich entzückt über ihr Werk.

„Sie brauchen den ‚Special Finishing Double Mat Effekt Antitranspirant Powder‘ mit der XL-Quaste, die ja eigentlich für den Körper gedacht ist, aber das kann man ruhig zweckentfremden.“
Ich konnte nur noch ein kaufwilliges Röcheln hervorbringen.

Madame Elfe beendete ihr Werk professionell. Ein zartgrauer Lidschatten betonte meine hervorgetretenen Augäpfel wunderbar, ein sommerhummerfarbener Lippenstift lenkte von allen hektischen Flecken am Hals ab.

Das Föndrama

08:00 Uhr morgens, ein großes Hotel in Berlin

Fön: „Wiiiiiiiiiiiiiipffffffffff“ (erstirbt)
Ich (den Schalter des Föns auf und ab schiebend): „Fön??? Halloooo?“
Fön (plötzlich, heftig, leider kurz): „Wiiirrrpfffffruuuuubrrrrrrr“ (erstirbt)
Ich: „Bitte nicht!!!“
Fön: schweigt
Rezeption: „Ja bitte?“
Ich: „Der Fön in 405 ist defekt. Haben Sie bitte einen Erstazfön für mich?“
Rezeption: „Oh. das ist schlecht.“
Ich: „Allerdings“
Fön (aus dem Bad, wie eine sterbende Hummel klingend): „Wrrpf.“ (erstirbt)
Rezeption: „Wir schicken Ihnen den Techniker, sobald er im Haus ist.“
Ich:“Bitte?“
Rezeption:“ Wir schicken einen Techniker, sobald er im Haus ist“
Ich: „Verzeihen Sie, aber ein Techniker kann vielleicht meine Tränen trocknen, aber nicht meine Haare. Ich brauche einen FÖN. JETZT. BITTE!“
Rezeption: „Wir haben keine losen Föns. Nur die fest installierten.“
Ich: „Und wann kommt der Techniker?“
Fön (ein letzes mal, sterbend): „Wrrrr“
Rezeption: „Das kann ich nicht sagen.“
Ich: „Wenn Sie das nicht sagen können, sagen Sie, dass ich also hier sitzen und warten soll. Sagen Sie dann bitte meinen Seminarteilnehmern, dass ich mich verspäte, weil ich im Schädelbereich unpässlich bin?“
Rezeption: schweigt
Ich: „Vielleicht haben Sie eine Mütze?“
Rezeption: „Ich gucke mal. Also…wegen eines Föns…..“
Legt auf.
2 (!) Minuten später klopft es.
Roomservice: „Sie haben einen Fön bestellt?“ (reicht mir einen Fön auf einem Tablett…)

Haste Töne?

Duplodebakel

Als ich aus dem Supermarkt komme, fällt mir ein, dass ich noch ein Paket abholen muss. Und manchmal habe sogar ich Glück: der Himmel schickt mir einen Parkplatz direkt vor dem Kiosk, in dem der DHL Shop beheimatet ist. Offensichtlich ist gerade Happy Hour für Paketabholer. In dem winzigen Raum vor mir stehen vier Menschen, den Paketschein wie eine Einlasskarte ins Paradies vor sich haltend, in erstaunlich braver Reihe. Der Kioskmann ist klein und freundlich. Jeden Straßennamen liest er einmal laut vor und ich habe das Gefühl, er könnte auch zu jedem eine kurze Geschichte erzählen, die er nur deshalb verschluckt, um die Happy Hour nicht zu gefährden und eine zügige Paketausgabe zu gewährleisten. Die Atmosphäre ist ungewöhnlich nett für einen Kiosk. Hinter mir sind drei weitere Abholer hinzu gekommen. Unglaublich. Ich bin an der Reihe und lege dem Kioskmann mit heiterer Miene meinen Paketschein auf den Tresen. Gleich wird er den Straßennamen lesen, denke ich. Doch stattdessen greift er mit freundlichem Blick zu einem Duplo und beginnt es zu essen. Seine Augen ruhen dabei aufmerksam und einladend auf mir. Muss ich etwas sagen? Bestimmt ist es unhöflich gewesen, nur „Guten Tag“ zu sagen und den Schein zu reichen. Aber hatten denn die anderen mehr gesagt? Und selbst wenn es unhöflich war, ist das ein Grund, nicht zu reagieren und vor mir Süßkram zu futtern? Das Duplo ist beim dritten Biss weg. Hinter mir spüre ich Unruhe. Komischer Kerl. Es knuspert noch leicht, als er „Danke“ sagt und mich wieder mit fragendem Blick taxiert. Kurz fühle ich mich matt. „Ja, also, das Paket hätte ich dann bitte gern.“ Er lächelt. Dann zeigt er auf meine linke Hand:“Dafür brauche ich Ihren Paketschein.“ Ich blicke auf meine Hand, in der selbiger ruht. Auf den Tresen gelandet war das Duplo, welches ich kurz zuvor im Supermarkt an der Kasse noch schnell gekauft hatte ….