Schwimmerin der Herzen

Sundschwimmen.
Ich friere. Ich bin klamm. Ich friere und ich bin klamm. Warum war ich doch gleich auf die Idee gekommen, den Strelasund durchschwimmen zu wollen? Der Himmel ist bewölkt, es nieselt leicht, die Luft ist feucht und lau. 23°C sagt das Morgenthermometer. Das Wasser soll, zumindest am Rand gemessen, nur geringfügig kühler sein. In der Mitte wird der Sund höchstens mit 16°C aufwarten.
Beim Sundschwimmen ist kein Neopren erlaubt. Allenfalls einschmieren mit Vaseline. Ich friere. Warum bin ich nochmal hier? Ich bin überhaupt nicht sportlich. Ich kann nur Brustschwimmen. Ich habe Kälte-Urtikaria und werde vermutlich rot angelaufen im Wasser sterben. In einem natürlichen Gewässer habe ich zuletzt als Kind geschwommen. Selbst in Schwimmbädern halte ich es nicht für unmöglich, einem Hai zu begegnen. Und jetzt 2,3 km schwimmen durch den Sund? Es ist mir egal, dass ca. 1000 andere Schwimmer mit mir im Wasser sein werden. Der gemeine Ostseehai wird zielsicher meinen Fuß aussuchen. Das weiß ich!
Ich habe wenig trainiert. Am Anfang des Jahres, als ich mich am 1.1.2012 angemeldet hatte, ging ich enthusiastisch ins Schwimmbad. Dann nicht mehr. Dann die letzten vier Wochen panisch. Im Schwimmbad habe ich es immerhin geschafft über eine Stunde am Stück sorgsam meine Bahnen zu ziehen. Ich denke, eine Stunde im Wasser werde ich auch hier gleich verbringen. Gleich … gleich … das Warten auf den Beginn des Schwimmens zieht sich endlos. Ich würde gerne Kuchen essen. Oder einen dicken Teller Pasta. Um mich herum essen alle Bananen und trinken literweise Wasser. Wenn die gleich im Wasser alle mal müssen und ich bin hinter denen … ich denke das nicht zuende.
Und dann kommt plötzlich Bewegung ins Spiel:
Die Busse, die uns vom Strandbad nach Rügen zum Startpunkt bringen sind rappelvoll. Es ist das erste Mal an diesem Tag, dass mir warm wird. Die Regenhaut klebt am Körper. So könnte ich jetzt sitzenbleiben. Kaum haben die Busse angehalten, werde ich mit der Masse aller Mitschwimmer Richtung Uferwiese gespült. Schnell die Klamotten in eine Plastiktüte gestopft, den Körper mit Vaseline eingeschmiert, Klamottentüte zum Sammel-Lkw und ab geht es. Als ich am Uferstieg ankomme sehe ich auf einem der Boote das Schild „Noch drei Minuten bis zum Start“. Bei weitem nicht alle Schwimmer sind im Wasser, es staut sich etwas. Dem nassen Element langsam zu begegnen ist nicht möglich, ständig schieben sich von hinten neue Badekappenträger nach. Mir bleibt noch „Fühlt sich kälter als gedacht an!“ zu denken, dann höre ich den Startschuss und alles um mich herum juckelt los. Und ich mit.
„Lemming!“, denke ich und stürze mich kopfüber ins Wasser. Die kraulenden Schwimm-Cracks sind zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon jenseits des ersten Drittels, ich hingegen suche in dem von 935 Schwimmern aufgepeitschten, wogenden Wasser brustschwimmend nach meiner Luft, nach meinem Tempo. Es ist irre anstrengend, von der ersten Sekunde an. Nicht nur die Kälte wird mein Feind sein, das ist mir flott klar. Es fühlt sich an, als käme ich gar nicht vorwärts. In der Hektik des Startgetümmels hatte ich versäumt die Bojen-Markierung Richtung Ziel in Augenschein zu nehmen. Jetzt paddle ich wie jeck sämtlichen gelben Käppis hinterher, ohne so recht zu wissen, wo es lang geht. Rechts von mir kann ich die DLRG-Boote erkennen, manchmal entdecke ich irgendwo weit links eine Boje. „So lang du Käppis siehst, ist alles ok!“, denke ich und kümmere mich nur um meinen ganz persönlichen Wasserkampf.
Das Wasser wird schnell kälter. Ich friere, obwohl ich so schnell schwimme, wie ich eben kann. Algen streifen meine Beine. Immerhin kein Hai. Irgendwie hat mein Körper der Temperatur nichts entgegenzusetzen, ich fühle mich wie in einem Alptraum: je kälter ich mich fühle, desto langsamer werde ich. Je langsamer ich werde, desto kälter fühle ich mich. Irgendwo neben mir wird jemand in ein Boot geholt. Ich sehe nur wenig, meine Schwimmbrille ist fast komplett beschlagen. Käppis, obgleich neongelb, sind kaum noch auszumachen. Ich stoppe, versuche im wippenden Wasser die Brille zu entnebeln und wieder aufzusetzen. Es gelingt leidlich. Ohne Schwimmzüge spüre ich die Nadelstiche auf meiner Haut. Im dunkelgrünen Wasser kann ich das Rot nur erahnen, das mich ziert.
„Kein Körper kann 60 Minuten Histamin ausschütten!“ hoffe ich inständig.
Ich sehe immerhin wieder Käppis und nehme die Verfolgungsjagd auf. Ich friere. Und ich weiß nicht einmal annähernd, wo ich bin, wie weit ich noch muss, das andere Ufer ist irgendwo.

„In der Mitte des Sunds wirst du dich fragen, warum du den ganzen Blödsinn überhaupt machst!“, hatte man mir prophezeit. Ich frage mich das seit ich losgeschwommen bin. Konzentrieren!
Atmen! Atmen! Atmen!
Meine Arme zittern.
Wieder wird jemand vor mir vom DLRG aus dem Wasser geholt. Ich will auch. Ich will meine hummerrote Urtikariahand heben und in eine Kuscheldecke mit eingebauter Thermosocke! Sofort! Aber in dem Moment sehe ich das erste Mal das Ziellicht am anderen Ufer. Es ist mir unmöglich mit der beschlagenen Brille auszumachen, wie weit das noch sein mag. Aber ich kann es sehen!
Vergiss die Kuscheldecke!
Ankommen!
Ankommen ist alles!
Schwimmen. Atmen.
Das Licht kommt nicht näher, so scheint es.
Schwimmen, atmen, schwimmen.
Es muss doch irgendwann vorbei sein. Dann ist Wasser in der Brille. Das salzige Wasser brizzelt in den Augen. Mir ist jetzt alles wurscht, dann wird eben der Rest ohne Brille geschwommen, mit hochgerecktem Hälschen. Ich nehme die Brille von den Augen und erblicke wenige Meter vor mir: Beine! Alle anderen gehen längst auf das Ufer zu. Ich bin die einzige, die noch wie eine Kaulquappe bäuchlings im knietiefen Wasser paddelt. Die Uferregion ist erreicht, die Treppe zum Strandbad in Sicht! Ich taste mit den Beinen unter mich und fühle den weichen Sandboden. Aufzustehen klappt erst im dritten Anlauf, so puddingweich sind meine Beine. Dann die Zeitmessung, ich bin durch! Jemand wickelt meinen flammendroten Eiskörper in ein Handtuch und drückt mir heißen Tee in die Hand.
Ich weiß nicht genau wie, aber ich bin angekommen!

Die Haie haben mich nicht bemerkt …

Liftmoment

Der Tag war lang. Nach einer wenig erquicklichen Zugfahrt komme ich wohlbehalten im Hotel an. Ja, mein Zimmer ist reserviert.
Ja, ich muss nichts mehr ausfüllen.
Ja, man wünscht mir einen angenehmen Aufenthalt.
Man sei 24 Stunden für mich da. Das war nicht mal bei Mutti der Fall.
„Die Aufzüge finden Sie dort hinten links.“, sagt der Mann aus dem 24 Std.-Team.
Das ist gut.
Ich gehe gerne Treppe, aber nicht in den 7. Stock.
Bling. Lifttür auf, ich rein, Lifttür zu.
Ich drücke die 7. Der Lichtring um den 7-Knopf blinkt kurz. Nichts bewegt sich. Ich drücke nochmal. Kurzes Blinken. Stille. Hm. Puh.
Drücken.
Blinken.
Drücken.
Blinken.
Der Lift steht. Das alles wirkt nicht, als läge ein technischer Fehler vor. Aber sich nicht in Bewegung setzende Aufzüge haben eindeutig ihr Zielaufgabe verfehlt.
Drücken.
Blinken.
Stille.
Ich gehe kurz auf und ab. Vielleicht ist das ein Siri-Lift und ich muss sprechen? Ich sage: „Siebter Stock!“ Nichts geschieht. Nicht mal eine Antwort.
„Siebter Stock, bitte!“
Stille.
Ich drücke den Türöffner und trete aus dem Lift. Drücke den Aufzugknopf auf der gegenüber liegenden Seite, wo sofort der nächste Lift seine Türen öffnet.
Ich hinein. 7 drücken.
Blinken.
Nichts passiert.
Drücken.
Blinken.
Drücken.
Blinken.
Und ja, ich versuche mein Glück sogar noch im dritten der vier vorhandenen Aufzüge; hoffend, dass niemand aus dem Restaurantbereich mein Treiben verfolgt.
Mir ist klar, es liegt an mir. Ich weiß, es liegt an mir. Aber ich weiß nicht, warum. Ich meine, was kann man in einem Lift anderes machen, als den Etagenknopf drücken? WAS? Diese jammervolle Erkenntnis, dass ich jetzt wieder aussteigen und zur Rezeption gehen muss. Um dort garantiert eine derart simple Erklärung zu bekommen, dass es mir Tränen und Schamesröte und alles Mögliche ins Gesicht treiben wird!
„Ich….bitte…also ihre Aufzüge…funktionieren die irgendwie anders, als andere Aufzüge?“ Der Mann, der 24 Stunden für mich da ist, lächelt gütig: „Sie müssen einmal die Zimmerkarte durch den Scanner ziehen. Direkt unter den Knöpfen. Erst scannen, dann Etage wählen.“
Ja, logisch!
Natürlich!
Also, bitte.
Das versteht sich wirklich von selbst.
Mir schwant, warum es gut ist, dass in diesem Hotel rund um die Uhr jemand für mich da ist. Für mich. Nur für mich. Ja.
Ein klein wenig matt gehe ich zurück zum Lift. Ein älteres Ehepaar, das eben erst eingecheckt hat betritt vor mir den Aufzug. Als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, blickt der Mann kurz auf die Etagenknopf-Auswahl, zieht seine Zimmerkarte durch den Scanner und wählt die 5.
Mir ist wirklich nie nach Cognac.
Aber jetzt!

Kill Phil

Nun ist der Mittelsitz besetzt. Der Mann ist vielleicht Mitte dreißig. Sehr schmal. Gelocktes Haar, betont wirr. Ein Drei-Tage-Bart mit stoppelfreien Inseln, die eine weißliche Haut freigeben. Natürlich eine Nerd-Brille. Natürlich schmallippig. Strichmund. Phil Collins Lippen. Also keine.
Er riecht nicht gut. Nein, er stinkt nicht. Es ist nicht etwa alter Schweiß oder die Pommes von vorgestern am (natürlich schwarzen) Hemdsärmel. Ich kann ihn einfach nicht riechen. In Internet-Single-Sprache hieße das: wie matchen nicht. Aber sowas von nicht.

Ich rücke ab.

Drücke mich ans Fenster, starre, nein, stiere in meine Zeitschrift. Wir starten. Phil versucht an mir vorbei aus dem Fenster zu blicken. Dabei wippt er hin und her, blickt mal über meine Nase, mal unter meinem Kinn hindurch, reckt sich, duckt sich, streckt sich. Wirklich, ich habe selten das Bedürfnis, einen Uppercut auszuführen. Jetzt habe ich es. Phil wendet sich an den Mann am Gang: “Diese Wolkentürme, das sind Gewitterwolken. Wir müssten jetzt ca. über Geesthacht sein. Da kommt heute noch was runter. Man kann das schön unterscheiden. DAS (zeigt an meinem Hals vorbei) sind noch Cumuluswolken, die hier vorne bereits Cumulonimben. “ Der Mann nickt und antwortet (ich verstehe nicht was, verstehe aber, dass die beiden sich kennen).
Phil ist also so, wie er aussieht: ein Klugscheißer. Auf manchen Flügen hat man eben Pech. Kann ich nun in Ruhe lesen? Phil reckt sich, duckt sich und streckt sich. Vielleicht sollte ich ihn fragen, ob wir die Plätze tauschen sollen. Ich trotze. Uppercutuppercutuppercutuppercut. Ich muss an Kühe in Anbindehaltung denken. Kühe sind wählerisch, mögen nicht neben jedem auf der Weide stehen. Das stresst sie. In Anbindehaltung haben sie keine Chance. Wenn es nicht matcht mit der Nebenkuh – Hölle. UPPERCUT!

Diese Woche habe ich gelernt: Pffffffff ist Medizin. Also atme ich aus. Pfffffffff. Pffffffffff. Pfffffff. Uppercut. Pffffffffff. Pffffffffff. Es wird besser. Phil liest jetzt. Kindle natürlich.
Ich ruckle mich zurecht auf dem Sitz, schiebe meinen Arm leicht an die Lehne. Da passiert es. Meine Armhärchen und Phils Armhärchen berühren sich. Nicht die Haut. Nur die Härchen. Ich möchte den Arm sofort wegziehen, doch ein Impuls hält mich ab. Soll ER doch wegziehen! Mr. Cumulonimbus! Aber Phil bleibt. Ich höre auf zu atmen, in Sorge, die Atembewegung könne doch noch vom Haar- zum Hautkontakt führen. Ich sehe abwechselnd Kühe in Anbindehaltung und Uppercut-Sequenzen. Ich höre elektrisches Zischen. Aggression und Abscheu schaukeln sich ihrem Zenit entgegen. Gleich werde ich aufspringen. Schreien. Mir in Ermangelung eines Gurkenhobels die Haut vom linken Arm kratzen. Bis aufs Blut. Den Knochen. Das Mark! Gleich …gleich … gleich…

„Und da sagen die Leute immer, man passe nicht zu zweit auf so eine Lehne.“ Phil lächelt mich offenen Blicks an. Pfffffffffffff. Schweißperlen tropfen von meiner Stirn. Bemüht lächle ich zurück. Alles Zischen ist weg. Kurz berührt sich die Haut. „Ja.“ Sage ich matt. Entgeistert. Ich rieche nichts mehr. Phil hat eigentlich eine ganz normale Brille auf. Ich ziehe meinen Arm zu mir: „Aber …muss ja nicht.“
„Aber kann.“ Phil bleibt mit dem Ellenbogen auf der Lehne.

Man sagt, wenn Menschen sich lang genug in die Augen gucken, überwindet das jede Antipathie. Ich beginne zu ahnen, forcierter Armhärchenkontakt wurde bisher zur Überwindung zwischenmenschlicher Dissonanzen unterschätzt.

Funktionelle Dysphonie

„Gehen Sie ruhig schon rein. Besetzt ist die Anmeldung aber erst um halb!“ Der große Mann mit den dunklen Halblocken schiebt sich an mir vorbei und schließt die Tür zur Praxis auf. Ich nicke artig, trete ein und stehe etwas abgestellt herum, derweil der Halblockenmann längst durch eine der gefühlt 13 Türen verschwunden ist. Offensichtlich einer der Ärzte.
Der war aber nett. So eine sonore, freundliche Stimme. An wen erinnert er mich bloß? Irgendein Schauspieler. Also, der war wirklich sehr nett. Wo Ärzte doch, besonders in Fluren vor Praxen oder in Krankenhauskorridoren, Patienten eher meiden. Sehr, sehr meiden. In eine Art Pestfluchtmechanismus verfallen. Der nicht. Der hat mich sogar angeguckt. Direkt in die Augen. Wirklich, sehr nett. Ja. Hm.
Eine junge Frau im weißen Kasack öffnet Tür 12,88b und flötet: „Setzen Sie sich noch ins Wartezimmer!“ – „Wo ist das Wartezimmer?“ – „Waren Sie noch nicht hier?“ – „Nein.“ – „Ah. Da vorne rechts.“ – „Ich will auch nur einen Termin ausmachen.“ – „Ja. Ja, ja. Nehmen Sie kurz Platz.“
Eine viertel Stunde später bin ich samt Termin wieder auf der Straße. Zu welchem der Herren Doktoren ich denn möchte, hat sie gefragt. Ich konnte ja nicht „Zum Halblockenarzt“ sagen. Also habe ich nichts gesagt. Übermorgen um 08:00 also.

Am Morgen des Übermorgen bin ich pünktlich. Im Wartezimmer, von dem gefühlt 13 Türen ausgehen, sitzen bereits 178 Patienten. Manchmal öffnet sich plötzlich eine der Türen, spuckt einen Patienten aus und saugt den nächsten mittels Namensaufruf ein. Nach 45 Minuten tönt es aus der Tür direkt neben mir: „Strang, bitte!“
Ich trete ein. Der Halblockenarzt blickt mir konzentriert in die Augen, reicht mir die Hand und entschuldigt sich für die Wartezeit. Dann lächelt er. O Gott, guckt der nett! Er erinnert mich an diesen Schauspieler! Auch ohne autogenes Training ist mein Sonnengeflecht plötzlich ganz warm. Jetzt möchte ich gehen. Möchte so etwas sagen wie „O, ich hab mich verwählt.“ Und rauslaufen. Stattdessen stelle ich meine Tasche ab und setze mich. „Was führt sie her?“
Kurz und ein wenig atemloser als es notwendig wäre, schildere ich meine Kehlkopfprobleme seit der letzten Heiserkeit. Dass es nach viel Sprechen schmerzt. Also eher drückt. Also eigentlich gar nicht mehr so schlimm ist. Also im Grunde ist da gar nichts mehr. Letztlich müsse er gar nicht nachgucken. Ich könne auch gehen. Ja. Wirklich. Der Halblockenarzt lacht. Zwinkert. ZWINKERT! Reißt ein Stück Papier ab, rollt mit seinem Hocker auf mich zu und sagt: „Strecken Sie mal die Zunge raus. Und nicht erschrecken. Ich halte die fest. Und dann schiebe ich diesen Metallstab in den Rachen. Aber keine Sorge, ganz waagerecht. Kein Würgreflex. Und dann sagen Sie bitte Hiiiii, wenn ich es sage.“
Nein. Auf gar keinen Fall. Das geht nicht.

(Ein zwangloses Abendessen mit Freunden blitzt in meinem Kopf auf. Lachen. Rotwein und Paella. „Und, wie habt ihr euch kennengelernt?“ – „Ich habe ihr Papier um die Zunge gewickelt und sie hat Hiiii gesagt.“)

UNMÖGLICH. Ich möchte aufspringen. Stattdessen strecke ich die Zunge raus. Papier wickelt sich um sie, obwohl der Metallstab nichts berührt, spüre ich ihn. Das Hiiiii klingt wie alles, aber nicht wie Hiiii. „Nochmal.“ – „Hghhhhhh.“ – „Nochmal.“ – „Hhhhhgggggggggöööööö.“ – „Gut. Keine Sängerknötchen oder ähnliches.“
Ich singe ja auch nicht. Will ich sagen. Schweige aber. „Ich schicke Sie zum Logopäden. Sprechen lernen. Lernen, wie man die Stimme schont. Wie man richtig atmet.“

Sonnengeflecht sehr warm. Er sieht aus wie…wie….

„Dann gucke ich noch kurz in die Ohren und in die Nase.“

( „Und dann hat er mir in die Ohren geguckt. Und in die Nase. Und nach dem Anblick all der friedlichen Flimmerhärchen war es um ihn geschehen.“)

NEIN! Nicht in die Nase.
Ich habe gar nichts an der Nase. Auch nicht an den Ohren. Bitte! Sie müssen mir glauben! Der Halblockenarzt dreht meinen Stuhl herum und leuchtet mir ins Ohr. Er wirbelt mich herum und guckt ins andere. Dann dreht er mich zurück nach vorne. Es gibt kein Entrinnen. „Sehr schön! Wir brauchen noch einen Hörtest. Setzen Sie sich kurz ins Wartezimmer. Die Mädels holen sie dann. Danach komm ich noch einmal nach vorne und guck drauf.“
Das Zimmer spuckt mich aus und saugt den nächsten ein. Eine Weißkasackfee holt mich ab. „Wenn Sie etwas hören, drücken Sie den Knopf!“
Der Test geht schnell und schon stehe ich wieder in dem kleinen Vorraum der Testkabine. „Der Doktor ist gleich da.“ Ja. Puh. Wer ahnt denn sowas. Echt jetzt. Hier hat‘s doch bestimmt acht Ärzte! Oder fünf. Drei auf jeden Fall. Und ausgerechnet er. Der. O Mann! Ich krame nach meinem Taschenspiegel. Lege den Kopf etwas in den Nacken und gucke in meine Nase. Wenig Licht hier. Ich versuche mich so unter der Deckenlampe zu platzieren, dass es mir in die Nase leuchtet. Schwierig.
„Fehlt was?“ Der Halblockenarzt steht wie aus dem Nichts vor mir. Lacht. Zwinkert. ZWINKERT! Erschrocken klappe ich den Spiegel zu, Schamesröte explodiert in meiner Haut. Es pulsiert in den Schläfen. Ich starre in sein fröhliches Gesicht, sehe die Bewegung seiner Lippen. Er spricht, aber in meinen Ohren höre ich nur das Rauschen des Blutes. Gleich werde ich ohnmächtig. Ich möchte mich setzen. Noch besser auflösen. Spontan verpuffen. Er streckt mir ein Blatt Papier entgegen; ich sehe noch immer seine Lippen in Bewegung.
Ein Ruck und mühsam presse ich „Bitte, was haben Sie gesagt?“ hervor. Er lacht schallend. Holt Luft und sagt sehr laut und sehr artikuliert: „Sie hören wie ein Luchs! Bilderbuchergebnis beim Hörtest!“ Und lacht weiter. Und lächelt. LÄCHELT! Direkt in die Augen.

Ja. Danke. Ich habe. Ich bin. Normalerweise bin ich. Also. Das ist nur. Weil.

„Die Verordnung liegt vorne bei den Mädels. Viel Spaß beim Sprechen lernen.“ Er reicht mir die Hand. Dann ist er weg.
Ich gehe. Im Hausflur, auf der Treppe, kommen mir zwei Frauen entgegen: „Das ist ein netter Doktor. Du wirst sehen! Und außerdem sieht er aus wie dieser Schauspieler..dieser…ach, wie hieß er doch?“
Ich sage: „Steve McQueen!“

THE END

Kassenschlangenmoment – mal wieder

„Eine vierte Kasse bitte!“

Supermarkt Hoheluftbrücke.
Dank des direkt daneben befindlichen Eingangs zur Hochbahn trifft hier zu jeder Tageszeit alles zusammen, was sich sonst nie begegnet: betagte Studenten und hochbegabte Rollatorgreise, dröge Agenturscouts und hippe Banker, Mütter und Muddis, Papas und Erzeuger.
19:30, der Boden vibriert. In der Kundschaft Arme ruhen vier bis fünf Artikel, ehe sie aufs Band gelegt werden: Chips und Bier, abgepacktes Sushi, Sojaschnetzel und Topinambur.
Ich habe Platz drei in der Schlange der 4.Kasse ergattert. Die ersten Waren, die über den Scanner gezogen werden, gehören einer auffallend hübschen und zarten Frau. Sie zählt zu jenen, bei denen niemand verwundert ist, wenn sie plötzlich von einem Fremden Blumen geschenkt bekäme. Rechts neben ihr ein kleines, braungeschopftes Mädchen, vielleicht fünf, das den offensichtlich mutterkontaktsuchenden, jüngeren Bruder (max. drei) stoisch abwehrt.
„Actimel?“
Der Junge schaut seine Schwester an.

Belustig glaube ich mich verhört zu haben. Actimel? Kinder quengeln an Kassen nach Actimel? Gott…ich bin ECHT alt.

„Willst du eins?“ fragt das Mädchen mit klapperschlangiger Süße. Der Bruder nickt.
Und noch bevor die besonnene Mutter reagieren und die erbetene Actimel-Gabe auf „draußen / im Auto / zuhause /den Geburtstag“ oder einfach später verschieben kann, schnappt die Klapperschlange gezielt zu: „Tja. Hier hab ich kein Actimel!“
„KEIIIIIIN ACTIMEEEEEELLLLL?“
Die Stimme des Jungen kippt in den Tonfall jener hysterischen Mittzwanzigerinnen, deren anvisiertes Paar Designerpumps es nur zwei Nummern kleiner gibt.
Die Augen weit aufgerissen vor Schmerz und Fassungslosigkeit, bricht er dramatisch vor der Kasse zusammen.
„ACTIMEEEEEEEEEEEL! ACTIMEEEEEEEEEEEL!“
In endloser Schleife pressen die kleinen Lippen den Joghurtnamen hervor.
Tief holt er Luft, tiefer und tiefer, um umso lauter, gequälter und wie ein ins Rückenmark Getroffener zu brüllen: „ACTIMEEEEEEEEEEEL! ACTIMEEEEEL! ACTIMEEEEEEEEL! ACTIMEEEEEEEEL!“
Die Kassiererin ist erschüttert. Sie steht auf, versucht einen Blick auf das Kind zu erhaschen. Ihr als Trost gemeinter Satz kommt einer verbalen Steinigung gleich: „Guck mal, an der Kasse gibt es doch kein Actimel. Aber einen Lolli!“
Der Sterbende, eben noch halb sitzend, rollt sich nun ein wie eine Kugel. Der kleine Körper zittert und aus der Mitte der Kugel röhrt schauerlich und herzzerreißend: „ACTIMEEEEEEEEL! ACTIMEEEEEEEEL!“

Während die Schwesterschlange ungerührt die wenigen Lebensmittel in eine Tüte packt, forciert die Mutter den Bezahlvorgang mit flehendem Blick.
„ACTIMEEEEEEEEEEL! KEIN ACTIMEEEEEEEEEEEEEL! ACTIMEEEEEEEEEEEL!“
Schnell wechseln Scheine den Besitzer, wandert die Geldbörse zurück in die Handtasche. Behände greift die Mutter den Bub, der sich in ihren Armen aufklappt und alle Viere schlapp herabhängen lässt.
„ACTIMEEEEEEEEEL!“ tropft es aus dem hochroten Kopf. „ACTIMEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEL!“

Die Schiebetür geht auf. Schließt sich. Stille.

An den Kassen sekundenlanges Schweigen, selbst die Kassiererinnen halten gleichzeitig inne und atmen leise. Alle starren einander an. Mundwinkel aufwärts.
Ein Kunde betritt den Laden.
„ACTIMEEEEEEEEEEL“ tönt es aus den Tiefen des Hochbahn-Gängelabyrinths.

Ich glaube, der Joghurt hat Potenzial.

Der Taxi Coach

Freitagnachmittag. Es geht nicht in den Feierabend, es geht nach Berlin. Seminarwochenende. Mein Trapeziusmuskel ist angespannt. Schließlich reise ich mit der deutschen Bahn. Auf der Strecke Hamburg-Berlin-Hamburg ging das bisher noch nie – ich betone: noch nie – glatt. Das Taxi immerhin ist überpünktlich. Durch das Schaufenster sehe ich allerdings, dass der Fahrer zum Wohneingang des Hauses geht, nicht hier zur Ladentür. Ich gehe hinaus.

„Sie suchen vermutlich mich.“
Der Taximann dreht sich um. Ich bin verdutzt. So viel Freude in einem Gesicht hatte ich, zumindest bei Taxifahrern, lange nicht.
„Frau Strang?“
„Ja.“
„Na, dann los!“
„Bahnhof Altona.“
„Ah. Es geht heim ins Wochenende!“
„Nein. Es geht zum Weiterarbeiten.“
„Ich fahre oft Workaholics.“
„Bitte?“
„Glauben Sie mir, so viel Arbeiten, das ist nicht gut. Echt nicht Gut. Was sagt da Ihr Mann?“
„Mein….? Ich…also.“
„Stört es Sie, wenn ich kurz meine Frau anrufe?“
„Ihre…? Nein, natürlich nicht.“

Der Taximann nimmt sein Handy. Es folgt ein knappes Gespräch über Abholungszeiten. Dann sagt er: “Ja, bis später, ich hab hier Kundschaft. Also. Wo waren wir? Ach ja, Ihr Mann. Haben Sie Kinder?“
„Ich?
„Ja.“
„Nein. Keine Kinder. Kein Mann und der Hund ist auch schon tot.“
„Das kommt davon, wenn man so viel arbeitet. Dann hat man sich nichts mehr zu sagen. Dann gehen die Gemeinsamkeiten dahin. Kinder, naja…kann ja noch kommen. Wie lang waren Sie denn zusammen?“
„Lang. Neun Jahre!“
„Neun Jahre! Da hat er es aber echt lange ausgehalten!“
„Bitte? Ich…“
„Ohne Kinder hat das Leben keinen Sinn. Wofür lebt man denn ohne Kinder? Was haben Sie von Ihrer ganzen Arbeit? Ohne Kinder würde ich gar nicht arbeiten. Aber so. Was ist das denn für ein Leben? Nee. Völlig sinnlos, ohne Kinder.“
„Hören Sie, es ist Freitagnachmittag, die Sonne scheint. Ich rolle einem Arbeitswochenende entgegen, habe Sorge, dass die Bahn wieder spinnt und bekomme noch rasch mitgeteilt, dass mein Leben völlig sinnlos ist. Eigentlich können Sie mich direkt AUF den Gleisen absetzen.“
„Hahaha, aber nun sagen Sie doch selbst! Ich habe schon viel gearbeitet. Glauben Sie mir. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe so viel gearbeitet, da können Sie gar nicht mithalten!“
„Da wäre ich vorsichtig! Die Battle nehme ich an!“
„Haha. Wie alt sind Sie?“
„Fast 45.Und Sie?“
„36.“
„Dann wissen Sie jetzt auch, dass das mit dem kinderreichen Sinn meines Lebens nichts mehr wird.“
„Manche Frauen bekommen noch mit 60 Kinder.“
„Ich nicht. Ich WILL auch gar keine Kinder.“
„Das ist ein sinnloses Leben. Wirklich. Sie sollten nicht so viel arbeiten. Dann hätten Sie jetzt auch Kinder. Neun Jahre! Mit dem Mann wollten Sie doch alt werden! Man ist nicht neun Jahre zusammen, wenn man nicht zusammen alt werden will. Aber es ist sinnlos geworden. So ist das. So geht das dann.“

Für einen Moment wird mir flau, obwohl ich vergnügt bin. Natürlich ist es Spaß. Natürlich ist es ernst. Natürlich ist mein sinnloses Leben nicht sinnlos.

„Macht 14,35“
„Ich brauche eine Quittung. Wie heißen Sie?“
„Cengiz.“
„Wie Dschingis Khan?“
„Genau.“
„Also D-S-C-H-I ….“
„Nee. Ich schreibs Ihnen auf.“

Cengiz
„Cengiz, werden Sie doch bitte Hamburgs erstes Coaching-Taxi. Dann können Sie das Zehnfache dafür abrechnen, dass Sie Menschen wie mich als rotierende Insel im Meer der Sinnlosigkeit entlarven.“

Ich muss sehr lachen. Cengiz ist so vergnügt wie schon zu Fahrtbeginn.

„Das ist eine gute Idee! Eine gute Idee! Und denken Sie mal drüber nach! …
(Hab ich, Cengiz!)
…das Leben ist zu kurz …
(Ich ahne es, Cengiz!)
…und jetzt wünsche ich Ihnen auf jeden Fall ein schönes Wochenende.“
(Ich mir auch, Cengiz, ich mir auch)

Einen Schritt weiter

Nach eineinhalb Stunden Stadtfußmarsch bin ich plötzlich matt. Als wisse er es, schickt mir der Asphalt eine Botschaft: „Es ist nicht mehr weit“.
Meine Füße sehen es anders. U-Bahn-Station „Schlump“ (ja, auch dafür liebe ich Hamburg) ist in Sichtweite. Ich könnte mich in die Bahn setzen. Noch ein wenig ins Anderswo fahren. Fahren. Fahren ist Sitzen ist Gucken ist Ruhen ist schön. Ich komme näher und sehe Menschentrauben an der Bushaltestelle vorm U-Bahn-Eingang. „Heute Schienenersatzverkehr“. Das ist ein Wort, das mich so abschreckt wie Menschentrauben. Hastig eile ich vorbei.
Wenige Meter dahinter halte ich plötzlich an, gehe an den Fahrbahnrand und strecke in bester Anhaltermanier den Daumen empor. Zu meiner eigenen Überraschung. Zu meiner weiteren Überraschung fährt SOFORT ein Auto rechts in die Toreinfahrt hinter mir und hält an. Unsicher drehe ich mich um. Der meint mich. Ich geh hin, öffne die Beifahrertür und gucke hinein.
„Meinste das ernst?“ fragt lachend ein bärtiger Jungmann.
„Bist du ein Mörder?“ frage ich zurück. Er überlegt tatsächlich kurz.
„Heute nicht.“
Ich steige ein.
„Bin unterwegs nach Stellingen.“
„Ich eigentlich nicht. Mir reichts drei Ampeln weiter.“
Das Auto riecht nach Duftbaum, obwohl ich keinen sehe. Himbeer. Oder Kirsch. Die dritte Ampel ist erreicht, bevor ich mich entscheiden kann.
Lächeln, verabschieden, aussteigen. Wie der wohl ohne Bart aussieht? Und ob der Bart nach Himbeer riecht (oder Kirsche)?
Ich gehe weiter.
Das erste Hummelsummen! Ab JETZT ist Frühling. Dazu passt der Löwenzahn am Fuße der Treppe des Hauses, das ich passiere. Das mag ich so am Leben: es blüht selbst dort, wo es marktstrategisch unklug ist.

Gründonnerstagabend

Die halbierte Tomate auf meinem Feldsalat leuchtet mit ihrer Rundung aus der Mitte des Tellers.
„Selbst mein Salat hat eine rote Nase!“ huscht es mir durch den Sinn.

Über mir übt der Opernsänger. Ich sehe ihn immer im Bademantel vor mir. Einem weißen, schneeweißen Bademantel aus dickem Frottee, auf dem gülden und fein „Waldorf Astoria“ steht. Zwei passende Gästetücher hängen im Gästeklo. Tatsächlich hat der Bademantel eine Brusttasche, aus der leicht angeknüllt ein blaukariertes Stofftaschentuch guckt. Heute singt er treppauftreppab „Hahaaaaahaaaaaahaaaaaahaaaaahaaaaa“. Seine Wohnung hat Dielenboden wie die meine, aber fast alles ist ausgelegt mit dünnen Teppichen aus Chinaseide. Nur da, wo er übt liegt ein Flokati, in den er seine behaarten Zehen krallen kann, wenn er von einer Oktave in die nächste springt. Donnerstagabends ist seine Muse da, fläzt im Sessel und blättert in Harper‘s Bazaar. Das ist sophisticated. Niemand liest wirklich in Haper‘s Bazaar. Aber eine Muse kann nicht Brigitte lesen oder Donna. Nicht mal die ELLE. Leider hat sie eine Schwäche für einen billigen Wein aus dem REWE City gleich um die Ecke. Manchmal stört ihn das.
Wenn er die Tonleiter schneller singt, verrutscht der Gürtel am Bademantel. Er schenkt dem keine Beachtung. Aber ich sehe bis in meine Küche den verstohlenen Blick der Muse und dieses leichte Kräuseln auf ihrem Nasenrücken. Ob er jemals wirklich im Waldorf Astoria war? Nachdenklich stelle ich meinen Teller beiseite. Über mir wird es still. Ich habe die Nase nicht aufgegessen.

Brezelbreak

Es sind genau 18 Minuten, die ich in der Schlange des „Hofbräu Imbiss“ am Münchner Flughafen verbringe. Die Schlange ist lang. Ein endloser Bandwurm, der sich kaum vorwärts bewegt. Die junge Bedienung mit den fliedergeschminkten Lippen und der lieblichen Flechtfrisur agiert wie im Zeitraffer. „Wedges? Mit Ketchup oder Sour Cream? Kaffee oder Cappuccino? Welche Größe? Keks?“ Sie blickt nie auf, aber ihr Lächeln ist warm.
Es ist unruhig. Stimmenwirrig. Durchsagen grätschen in Bestellungswünsche. Deutsch ist nicht zu unterscheiden von Englisch oder eilig gehaspeltem „A Maß und zwoa Panini bittschön. Naaa, ned mit am Moorzarella. Die mi’m Schink‘n.“

Rasch ist das neue flink. Die Griffe: routiniert. Ich frage mich, ist das „Flow“ oder Wahnwitz? Panini in den Grill, Würstel auf Teller, Kaffee in Becher, Wedges in Schüsseln, Bier in Krüge, Sandwiches in Tüten, Ketchup auf Pommes, Mayo zu Beilegen, Schnitzel trifft Radi, Cola aus Kühlschrank, Wasser in Flaschen, Salat mit Dressing.

Ich komme an die Reihe, ihre Hand schnellt startbereit zum Kasseneingabedisplay. „Eine Brezel bitte. Ohne Tüte einfach auf die Hand. Behalten Sie das Rückgeld. Unglaublich, wie Sie das hier machen.“ Sie stockt. Dreht sich um, greift zur Brezel, zur Tüte, legt die Tüte wieder weg, hält die Brezel unschlüssig mit der Zange in der Luft. Dann bleibt sie kurz stehen. Blickt erstmals auf. Blickt mich an. Lacht. „Das…ist jetzt so überraschend.“ Ich nehme die Brezel, nicke und gehe.“ Die nächste Bestellung. Ich höre sie fragen „Mustard for the Weißwuaschd?“

Später im Flieger versuche in den Mond zu fotografieren. Er bleibt ein kleiner, aber heller Punkt. Wie manche Begegnungen eben auch.

Schuhschlappe

„Wir führen ab 42,5.“
Manche Sätze lassen mich sogar mittags um zwei ins Bodenlose stürzen. Normalerweise heißt der Satz: „Es tut mir leid, Ihre Schuhgröße haben wir nicht.“
Oder: „Wir führen nur bis 41.“
Im Fachgeschäft für Damen- und Herrenschuhe für Übergrößen wähnte ich mich endlich angekommen. Dachte ich. Tagelang hatte ich mir vorgestellt eine Art Fuß-El Dorado zu betreten. Ich sah mich Schuh um Schuh anprobieren. Auswahl ohne Ende. Pumps, Stiefel, Sneaker.
Passend, grenzenlos. Taumel. Glühende Kreditkarten. Kaufrausch und Stilettokoma.
Und nun war jäh alles zu Ende.
Ich habe jüngst irgendwo gelesen, dass Deutschlands Füße immer größer werden. 46 für Damen sei keine Ausnahme mehr. Aha. Soso. Nur im Bereich 41,5/42 klafft offensichtlich ein nationales Loch von ungeahntem Ausmaß. Meine Füße scheinen keinen Realwert zu haben. Es gibt sie nicht. Denn es gibt keine Schuhe.
„Manche Modelle haben wir aber auch in 42. Manchmal.“
Ich vermute aus Gnade. Staatlich verordnet. Um die Selbstmordrate bei 42er-Nerds gering zu halten. Ich kann mich nicht einmal damit selbst beruhigen, dass „ich da noch hineinwachsen werde“. Ich bin seit mindestens 25 Jahren in nichts mehr hinein gewachsen – allenfalls heraus. Aber wahrscheinlich sehe ich das einfach alles zu eng. Wahrscheinlich sind passende Schuhe in moderater Auswahl restlos überbewertet. Es könnte auch mein Markenzeichen werden, Badeschlappen zum Kostüm zu tragen. Das Leben kann so einfach sein.