Warnzeichen

Spürbar
durch den Zug des Rauches.
Blätter und Fahnen,
wie Zweige bewegt,
neben gestreckten Wimpeln,
tanzen Staub und Papier
auf den Straßen.
Pfeifen die Telegrafenleitungen
deiner fühlbaren Hemmung
beim Gehen hinterher.
Vor bewegten Bäumen
heben sich die Rauchhauben,
fallen die großen Äste,
brechen die Stämme,
entwurzeln sich selbst Große
ganz leicht.
Schwer verwüstet wirkt
die Welt
im senkrecht aufsteigenden Rauch
plötzlicher Windstille.

2022 strang

Wie man sieht, steckt selbst in der Windwarnskala lyrisches Potenzial. 🙂 Fotoquelle: https://www.wettergefahren.de/warnungen/windwarnskala.html

Nahmoment

Sie hat ihm dem Rücken zugewandt. Steht dicht, aber nicht angelehnt. Ihr sehr kurzes, dachsgraues Haar zeigt in sanften Wellen, dass es lockig wäre, hätte es mehr als diese zwei Zentimeter Länge. Kleine Ohren, robust und fleischig wie die ganze Frau. Ihre Brillengläser sind kaum größer als die Augen, randlos oval. Hände, die Papier mit Bastelscheren akkurat zerteilen können, die sommers in Beeren greifen, die auf Kinderköpfen Strähnen zerzausen, die mit Bleistift Listen führen. Ein Daumennagel ist verkümmert. Der Ehering ein dünner Platinstreif.

ER ist eineinhalb Köpfe größer als sie. Weißes Haar mit Scheitel. Die tiefen Zornesfalten bleiben selbst im Schlaf. Seine Hände ruhen in den Anoraktaschen, manchmal gleicht er mit den Knien die Zugbewegungen aus. Er schaut auf die Bildschirme, er schaut aus dem Fenster, er schaut auf den Obdachlosen, der uns erzählt, warum er auf der Straße lebt. Er gibt ihm keinen Euro. Diesmal nicht. Er legt seiner Frau die Hand auf den Arm. Sie zieht eine Münze aus der Tasche, aber da ist der Obdachlose schon weg.

Ich stehe gegenüber und betrachte das gewachsene Beieinander. So zu stehen, denk ich. Eins aus zwei Körpern ungekuschelt nah. Die Liebe im Nacken. Die Türen gehen auf, ich steige aus. Zwei Stationen zu früh. In mein Nichts.

Herbst ist

Herbst ist
 
ein ausgesprochnes Seufzen.
 Das Kupfer klettert in die Kronen,
 an beigen Wegen welkt der Mohn.
 Und als hätten wir Zeit,
 verlangsamen wir
 den Fluss der Fragen,
 schieben raschelnd die Füße
 durch die lautlos gefallenen Sätze.
 Bunt und bang bleibt das Herz,
 sonst nichts.

(c)2021

Weiterer Moment

„Darf ich Ihnen eine Frage stellen? Warum nehmen Sie nicht drei?“ Die Frage des Fischmanns lässt mich von den Matjes zu seinen Augen schauen. „Ich … weil… drei? Ich weiß nicht …. Weil ich nur zwei …“ – „Glauben Sie mir, drei ist die Zahl der Stunde“ strahlt er und legt eine weitere Dorschfrikadelle auf das Einpackpapier. Protestieren sinnlos.

Ob er die loswerden will? Dafür wirkt er zu fröhlich. Eigentlich. „Ja wenn Sie … wenn Sie meinen …“ – „Über alles Weitere sprechen wir dann am Montag.“ Alles Weitere? Am Montag? Verwechselt er mich? Ist das ein Frikadellenflirt? Wegen des warmen Wetters bin ich extra früh zum Einkaufen losgegangen. Jetzt zweifle ich, ob meine Gehirntätigkeit dem schon gewachsen ist. Der Fischmann reicht mir die drei Fischfrikadellen im Papierpäckchen und rechnet zwei ab. Jedenfalls glaubt er, dass ich am Montag noch lebe. Altfisch loswerden will er also vermutlich nicht. Ich kaufe noch eine Brezel und einen Apfel, gehe zum nahe gelegenen Weiher und verfrühstücke meine Kostseligigkeiten.

Bald habe ich fünf Enten vor, zwischen und hinter den Füßen, die angesichts meiner Mahlzeit ihre Küken sich selbst im Wasser überlassen. Deren piepsendes Gejammer ist herzzerreissend. Natur ist auch nicht mehr das, was ich mir mal darunter vorgestellt hab.

Im Kaufhaus ist es angenehm kühl. Es gibt Stabmixer zwischen 29,90 € und 199,99 € zu kaufen. Letzterer scheint für Superhelden gemacht, denn er besitzt Superpower laut Etikett. Einer davon soll mein neuer werden, nachdem der alte Pürrierstab vor Monaten abgeraucht ist. Oder doch lieber ein Standmixer? Wenig Gedöns soll es sein. Kein Stehrümchen. Ja, natürlich auch kein Liegrümchen. Neben dem Stabmixerregal ist ein Computerarbeitsplatz, an dem ein grauhaariger Verkäufer mit Marlborowangen zettelsortierend vor sich hin flucht. Er murmelt „So ein Scheiß“ und „Mist“ und einmal murmelt er sogar „Scheißdreck“, was mich derart unangenehm berührt, dass ich meine Kauflust zusammensacken und schwer angeschlagen am Boden sehe. Gerade will ich mich wegwenden, da spricht er mich an. „Brauchen sie Hilfe?“

Scheißdreckverwundet wie ich mich fühle, beziehe ich die Frage eine Sekunde lang auf etwaige sichtbare Blutungen, dann erinnere ich mich, dass der Mann mich und die Stabmixer meint. „Nein.“ – „Dieser Hand Blender hier hat das beste Preis-Leistungsverhältnis und ist außerdem die Ergonomic Edition.“

Müsste sowas nicht im Sanitätshaus verkauft werden? Und warum Blender, warum nicht schlichtweg Mixer? Ich möchte keinen Blender kaufen. Das klingt in meinen muttersprachaffinen Ohren wie eine Mogelpackung. Filou. Heiratsschwindler. Küchengauner.

„Aha.“

„Und schauen Sie hier. Das ist sehr gut verarbeitet. Warten Sie, ich zeige Ihnen im Vergleich diesen“, schon hat er das 29,90 €-Modell in der Hand und löst den Pürrierstab vom Korpus. „Sehen Sie hier? Sollbruchstellen. Das ist nicht wie in den 60er Jahren, wo Produkte gebaut wurden, die gehalten haben. Heute soll es irgendwann kaputt gehen.“ – „Und der andere geht nicht kaputt?“ – „Der ist solide! Schauen Sie auch hier, der lässt sich 1A reinigen. Kein Schmodder. Wenn Sie den natürlich in die Spülmaschine packen, wird es schwierig. Das Salz frisst irgendwann die dichteste Dichtung an.“ – „Und der teuerste? Geht der nie kaputt?“ – „Alles geht irgendwann kaputt.“ Der Satz gilt glasklar nicht den Stabmixern, so tief, wie plötzlich die Marlborowangen einsinken. Hm. Nachfragen möchte ich nicht. Das Schweigen bekommt eine unerfreuliche Note.

„Also, anders gefragt: Mit welchem davon kann ich alt werden?“

„Naja, so gesehen mit allen, kommt ja immer drauf an in welchem Alter man den Blender kauft. Für den sind Sie zu jung“, er verweist auf den Billig-Blender. „Die anderen dürften passen.“ – „Und was ist nun das Dolle an diesem teuren Powerstab?“ – „Das Design. Sieht ja fast aus wie von Porsche gemacht. Der Stab geht von allein auf und ab. Müssen Sie also nicht selbst machen. Albern, wenn Sie mich fragen. Die Umdrehungen kann man auch nicht fixieren. Das würde mich ja schon nerven. „Porsche will ich nicht. Ich nehm Ihren Dingens-Mixer.“ – „Den Ergonomischen.“ – „Ja.“ – „Ja, mit dem können Sie alt werden. Wahrscheinlich haben Sie schon mehr Sollbruchstellen als er.“ Die Marlborowangen hellen auf. „Haben Sie noch ein Messer, mit dem ich alt werden kann?“ – „Sicher.“

Zwei Straßen weiter sehe ich ein petrolfarbenes Kleid im Schaufenster, das ich nicht brauche und sofort liebe. Es passt wie angegossen. „Die Farbe steht Ihnen voll toll. Macht viel jünger“, schwärmt die Boutiquefee. Kennt Sie meinen Jahrgang?

„Dann kann ich ja damit alt werden“, freue ich mich, die EC-Karte zückend.

Und vielleicht hat es am Montag Einfluss auf alles Weitere.

Bleib doch bei mir bis 3 nach 10

(M)ein Lied und seine Geschichte.

Angefangen hat alles mit einem Missverständnis. Ich wurde gefragt, ob ich zu einer Melodie einen Liedtext schreiben könnte. Völliges Neuland für mich, aber ich wagte den Versuch. Um dann herauszufinden, dass ein Text in englischer Sprache gewünscht gewesen war. Hoppala. So blieb einerseits mein Text zurück und anderswo eine Melodie (die hoffentlich inzwischen english betextet wurde 🙂 )

Und dann kam natürlich (natürlich? Natürlich!) Kornelius Wilkens ins Spiel; er ersann Töne und Klänge – und plötzlich war da (s)ein Lied. „Frühe“ unser Titel.

Hier der Text im Original:

Nebel schläft vor meinen Fenstern 
Nur der Kaffee blinzelt keck 
selbst dem Dunkel fehlt dein Atmen 
Meine Hand weiß: du bist weg.

Kinoküsse , Szenenwechsel. 
Du siehst nie ein Ende an. 
Dein Gesicht scheut meinen Morgen. 
Tage-, manchmal wochenlang.

Wann vergisst du deine Schuhe? 
Wann verweilst du aus Versehn? 
Alles was ich sagen wollte: 
Bleib doch noch bis drei nach zehn.

Schwarz mit Zucker. Deine Tasse 
wartet tonlos im Regal. 
Jede Wimper auf den Kissen 
ist Beweis: du warst real.

Nirgends Schwüre. Dafür Strümpfe. 
Manchmal übersiehst du dich. 
Lässt statt Worten Glanz im Zimmer, 
wie einen Gedankenstrich.

Wann vergisst du deine Schuhe? 
Wann verweilst du aus Versehn? 
Alles, was ich sagen wollte: 
Bleib doch noch bis drei nach zehn.
Wann vergisst du deine Schuhe? 
Wann verweilst du aus Versehn? 
Alles was ich sagen wollte: 
Bleib doch noch bis drei nach zehn.

„Frühe“ ©2019 


Und es purzelte eher zufällig in die Ohren eines anderen Freundes, des Wiener Musikers Reinhard Malicek, der wunderbare Lieder im Wiener Dialekt schreibt und singt. Der mich fragte, ob er es ins Wienerische holen darf. Er durfte. Und nun ist da (m)ein Lied. Danke an ihn und Martin Rauhofer für die schöne, schöne Umsetzung.

Hier ist es. Viel Freude beim Hören und hinterlasst gern ein LIKE unterm Song, wenn er euch gefällt.

https://www.youtube.com/watch?v=wAJcjAxEkPs

Deutsche Ursprungsversion:

Musik von Kornelius Wilkens, Berlin

Text von Bettina Strang, Hamburg

Cover im Wiener Dialekt:

Reinhard Malicek und Martin Rauhofer, Wien