A1-Moment

Der Barista sieht aus wie der junge Johnny Depp. Johnny Depp war nie mein Typ, aber der Barista verströmt bereits bei der Zubereitung eines Espresso derart viel Charisma, dass die Typfrage obsolet ist. Für einen Moment vergesse ich den Autobahnraststättenflair um mich herum. Ein Ehepaar vor mir ordert zwei Café Crema und einen Café Latte. Ob sie Wasser dazu möchten? Der Ehemann winkt eifrig ab. Man sieht ihm an, dass er es für eine zu zahlende Offerte hält. Die Frau legt ihm beruhigend die Hand in die Ellenbeuge: „Aber das trinkt man doch so, Knut.“
Der Mann heißt tatsächlich Knut. Ich freue mich.

Charisma braucht Zeit. Die Kaffeezubereitung zieht sich etwas. Ich stakse mit den Augen über die Karte. Zwei Kaffee hatte ich schon. Ich sollte etwas anderes trinken.
„Und für Sie, die Dame, was darf es sein?“
„Ich möchte einen Matcha Latte. Mit Sojamilch, bitte. Groß. To Go.“

O Gott. Ich habe alles in einer Bestellung untergebracht, was abschreckend wirkt: Matcha, Soja, to go. „A1-Moment“ weiterlesen

Maskenmoment

„Sie wissen selbst, dass das bescheuert aussieht, oder?“

Wem die dezent knarzende Stimme links von mir gehört, kann ich nicht direkt erkennen, da die anprobierte Sonnenbrille sowohl verdammt dunkel, als auch verdammt beschlagen ist durch das Tragen der Maske.

„Meinen Sie jetzt die Brille? Oder die Maske? Oder die Brille mit der Maske?“

„Ich meine die beschlagene Brille mit der Maske, die allerdings auch unbeschlagen und ohne Maske nicht die Ihre wäre.“

„Nicht?“

„Gar nicht.“

„Danke. Ich habe keinen Blick für Brillen. Weder für normale, noch für Sonnenbrillen.“

„Es ist wenig charmant, das zu bestätigen, viel Wahl lässt mir die Momentaufnahme jedoch nicht.“ „Maskenmoment“ weiterlesen

Eine, die unvergessen ist

„Strang? So wie ich?“

„Nein, Stramm. Militärisch sozusagen.“

„Ah. Gut, Frau Stramm. Dann sehen wir uns am 3.6.1998 um 10 Uhr“

Sie wolle kein Gewese. Eine ordentliche Reinigung. Die Knötchen auf der Stirn solle ich „ruhig feste rausdrücken.“ Dass die Knötchen Talgdrüsenwucherungen sind und damit unausdrückbar, nahm sie zur Kenntnis mit einer Mischung aus Enttäuschung und Anerkennung meiner Hautkenntnisse.

„Also da kann man nichts machen?“

„Doch. Der Hautarzt. Lasern. Krytotherapie. Es gibt verschiedene Ansätze.“

„Man sagte mir, das seien Meli…Meli…Hautgries.“

„Milien könnte ich entfernen – aber es sind halt keine.“

Frau Stramm kam alle 3 Wochen zur Kosmetikbehandlung. Eine große Frau, damals 71 Jahre alt, mit kreideweißem, stark borstigem Haar, das sie im Winter kurz und im Sommer sehr kurz trug. Pechschwarze Augenbrauen, ledrig-feste Haut und ein klassischer Strichmund ohne jegliches Lippenrot, den sie dennoch mit einem Hauch von rosa Lippenstift zu markieren versuchte.

Die Körperhaltung kerzengerade; die Stimme bestimmt, altersrauchig und der schnörkellosen Sprache in angemessener Lautstärke pointierte Betonung gebend.

„In Ihrem Alter war ich schon einmal geschieden“ verriet sie, nachdem sie mich nach dem meinen gefragt hatte.

„Ich hatte drei Männer. Mit meinem ersten Mann gehe ich inzwischen alle sechs Wochen einmal essen. Er ist lange wieder verheiratet. Die Frau ist langweilig, wenn Sie mich fragen, passt aber zu seiner natürlichen Trägheit. „Eine, die unvergessen ist“ weiterlesen

wann zuletzt

so nah
wie im regen gestern
unterm schirm am langen damm
auf einmal sorglos
eingehakt
dem tropfengeplapper verschweigend
die sonne fehlt uns nicht
uns fehlt
ein schirm des nachts
und morgens fehlt
uns die elle, der griff
nach dem arm
fehlt der sprung
über pfützen
dicht beieinander
mit nassen knien
und schuhen voller hoffnung
in grau


(c) strang 2020

Beim Anblick eines Bildes des
Malers Kornelius Wilkens, Berlin.
Danke, lieber Freund!

(c) Von Kornelius Wilkens, Berlin 2020

http://www.kornelius-wilkens.de

Jenseits von Duvenstedt

Ein Kaffee soll’s sein. Zum Hiertrinken, bitte. Eigentlich beginnt man Spaziergänge nicht so. In der Konditorei ist ausnahmsweise wenig los. Ich bestelle noch ein süßes Hefemandelbrötchen und einen Rüblikuchen. Nein, so beginnt man Spaziergänge nicht.


Draußen ist es grau. Wolken wringen die letzten Tropfen auf den Asphalt. Der Zeitschriftenmann hat die GALA mit einem Stein am Davonmachen gehindert. Den Menschen, die herein kommen, sieht man den Sonntag an. Überdurchschnittliche Homewear-Dichte in grau, blau und bleu. Zerflustes Haar. Ungetuschte Wimpern. Wochenendväter erklären ihren Kindern die Teigwarenauslage. Ich rühre, obwohl ich keinen Zucker genommen habe. Rühren ist Ruhe. Ich sehe den Gallier erst auf den zweiten Blick. Eine hohe, spröde Frau mit Haaren aus Wildschweinborste hatte ihn verdeckt, als er das Café betrat. Mit Zöpfen sähe er aus wie Asterix. Die spröde Frau deutet auf den Tisch neben mir. Der Gallier nimmt mit dem Rücken zu mir Platz. Die Frau geht an den Bestelltresen. Zwei Kaffee. Ein Keks. Ein großer Keks mit Walnuss und Datteln. Sie stellt alles auf den Tisch, legt eine Serviette in die Mitte, teilt den Keks und sagt „Nimm.“ zu dem Gallier. Er nimmt. Beide schauen gleichzeitig hinaus ins Grau. Ich rühre nicht mehr. Die Ringe verraten ein Ehepaar. Nach jedem Bissen legt sie den Restkeks auf die Serviette. Goldener Erbschmuck an Hals und Ohren. Am Handgelenk hingegen ein silbernes Pandora-Band mit 4 Charms. Gallisches Weihnachtsgeschenk.

Ich räume meine leere Tasse in die Geschirrablage und gehe. Ja, ich habe geplant. Bis Duvenstedt sind es circa 25 Kilometer. Nein, ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet Duvenstedt gewählt habe. Wahrscheinlich, weil es bis dorthin 25 Kilometer sind.
Bereits nach 4 Kilometern habe ich keine Lust mehr dem Navi nach Duvenstedt zu folgen. Ich schalte es aus und gehe, wie so oft, der Nase nach. Mal links, mal rechts. Aus den Bäumen tropft es dick, die Luft ist süß wie Honig. Nasse Baumrinden und klebriger Asphalt. Überall in der Stadt atmet Dschungel. Affen kreischen sowieso.

An der Alster entlang wird es hell. Der Wind weht die Sonne vor sich her. Mensch, Hund, Rad, Kind. Langblonde Gazellen mit Pilotensonnenbrillen, die im Gegenlicht alle vollkommen gleich aussehen. Unter einem Baum steht ein Mann mit grimmigem Blick und greift Erdbeeren aus einer weißen Plastiktüte. Steckt drei oder vier davon in seinen Mund, um Sekunden später das zerlutschte Blättergrün mit einem rosa Schlunz ummantelt auszuspucken.
Unterm Fernsehturm schiebt Miss Marple ihr Fahrrad an mir vorbei. Der bodenlange, blaue Mantel sieht zu warm aus und ist es auch. Sie keucht. Mein Schrittzähler sagt, ich hätte nach Duvenstedt gehen und nicht trödeln sollen. Ich esse ein Eis. Und gehe nach Hause. Nach 23645 Schritten ist Schluss.

(Spaziert am 04.06.2017)

Niemandsflieder

Als ich das Ende der Hecke erreiche, steigt mir der bekannt liebliche Duft in die Nase und hinter dem baumhohen, städtisch rasierten Grün wird ein Flieder sichtbar. Krumm und dünn, das Wort zart würde nicht passen. Einige der weißen Blüten haben schon an Volumen und Saftigkeit verloren, zeigen braune Ränder und erste dunkle Stellen. Ich greife mit der Hand in die noch satten Blüten. Flieder fühlt sich einzigartig an in den Handmulden. Weich und gleichzeitig fest, man könnte ihn kraulen, ohne dass er zerfällt und spürt dabei den anschmiegsamen Widerstand dieser kleinen Blütenkelche.

Ein Niemandsflieder am Straßenrand.

Hat sich selbst gepflanzt, irgendeinmal. Hat dem Schatten der Hecken getrotzt und der Leere des Bodens. Zu karg, um Aufmerksamkeit zu erregen, an diesem Straßenabschnitt. Hier geht man rasch vorbei, nicht schlendernd entlang. Ein Weg der kein Ziel ist, dessen Grün nicht einmal zur Kulisse reicht. Unland. Was hier wächst, wächst für sich allein.

Die Abendsonne legt sachte ihr Gold auf uns, ich atme die Süße, die der Wind immer wieder neu verwirbelt. Direkt über mir ist die üppigste Stelle. Noch einmal tauche ich mit den Armen tief ins Blättermeer und merke überrascht: der Strauch hält mich. Fest. Und innig.

Meerschweinmoment mit Mia

„Siehst du auch so fürchterlich aus?“
„Du siehst fürchterlich aus?“
„Ich? Nein.“
„Wer sieht dann fürchterlich aus, Mia?“
„Margret. Wir haben geskyped. Grauenvoll.“
„Vielleicht verzerrt Skype. Und es liegt an der Perspektive.“
„Bitte – fürchterliches Aussehen ist doch keine Frage der Perspektive! Margret sieht aus, als habe man ein XL-Meerschwein auf ihrem Kopf eingeschläfert!“
„Ich versuche mir das vorzustellen…“
„Na, scheckiges Haar in Flusen!“
„Ah. Klar.“
„Und dann drunter dieser Gesichtsausdruck! Du kennst den! Alles hängt. Lider, Wangen, Unterlippe. Alles!“
„Vielleicht geht es ihr nicht gut.“
„Natürlich geht es ihr nicht gut. Ich kenne Margret nicht mehr gutgehend. Erst dachte ich, okay, normal, jeder hat mal Jammertal. Aber mittlerweile…Ich hab ihr gesagt, sie soll sich einen Thermofix kaufen.“
„Thermomix.“ „Meerschweinmoment mit Mia“ weiterlesen

Lammluftmoment mit Mia

„Hast du auch so zugenommen über die Feiertage?“
„Nein.“
„Hast du dich schon gewogen?“
„Nein, Mia.“
„Ich auch nicht. Vielleicht hab ich auch nicht zugenommen und bin nur gebläht.“
„Wiegen schafft Klarheit.“
„Bist du nicht gebläht?“
„Nein.“
„Luft wiegt auch.“
„Was gab’s denn alles?“
„Freitag Forelle Müllerin, Samstag Griesauflauf, so wie meine Oma den früher gemacht hat. Mit viel Kompott. Bläht Kompott? Oder meinst du, ich vertrage Gries nicht mehr? Sonntag nur Lamm und Ei und Brokkoli und heute die Reste von Samstag. Ja, und auch Ei. Vielleicht sind es die Eier?“
„Lamm und Ei?“
„Nicht zusammen. Meinst du, es ist das Lamm?“
„Mia, so gut kenne ich deinen Darm nicht, „Lammluftmoment mit Mia“ weiterlesen

hältst du mich


hältst du mich
 
im Sand am See
im Moor
am Teich
tief im Schlamassel
tageskalt
 
in deinem Arm
am Tag danach
und im Moment davor
im trüben Licht
in meinen alten Farben
 
nicht für verrückt
vom Schweigen fern
minutenlang
und aus
bis ganz ans Ende
 
hältst du mich
 
© 2020  Strang

Abendmoment mit Henk

„Liegst du?“
„Ja.“
„Ich auch.“
„Hört man.“
„Echt?“
„Echt.“
„Woran, Henk? Also, nee, okay, natürlich an der Stimme – aber was ist anders?“
„Du klingst wie dunkle Schokolade, wenn du liegst.“
„Bitter?“
(lacht) „Aromatisch.“
„Ich klinge aromatisch?“
„Samtig. Weich. Ruhig. Fließend.“
„Du klingst nicht anders. Du klingst immer wie …aromatisch. Was willst du lesen?“
„Ich dachte an ein paar Passagen aus ÜBER DIE LIEBE von Stendhal.“
„Das hab ich irgendwo im Bücherregal!“
„Ich weiß. Und was wirst du lesen?“
„Natürlich aus OZEANISCHE GEFÜHLE.“
„Lass mich raten – die Stelle mit der Meagersuppe.“
„Ich kichere jetzt schon.“
„Und die Stelle mit dem Kampf zwischen Sandor und ihm.“
„Ist sie nicht herrlich?“
„Ist sie.“
„Liegst du im Bett?“
„Auf der Couch. Aber du bist im Bett, oder?“
„Ja.“
„Soll ich anfangen oder du?“
„Du, Henk. Obwohl…nee, wenn du anfängst…ich schlaf so schnell ein, wenn man mir vorliest.“
„Ja, und? Dann schläfst du eben und ich leg auf.“
„Als ich klein war, fand ich das am scheußlichsten. Wach werden im dunklen Zimmer, wo doch eben noch die Mutter vorgelesen hat. Wo doch eben noch ein Licht war und ein anderer Atem und dieser schützende Körper an meiner Bettkante. Wachwerden in einem stillen Nichts, als sei der ersehnte, gute Traum VOR dem Einschlafen gewesen. Alle Geister glotzen dich an. Jeder Dämon grinst hinter den Gardinen. Gibt kaum einen einsameren Moment als diesen.“
„Dann bleib ich einfach dran.“
„Was meinst du?“
„Am Telefon.“
„Und hörst mir beim Schlafen zu?“
„Und hör dir beim Schlafen zu.“
„Und wenn ich nicht wach werde?“
„Dann weiß ich, dass der ersehnte, gute Traum bei dir ist.“
 
Henk las sieben Seiten.