Gagamoment

Henk hinkt.
Der Fußweg vor dem Kino ist menschenvoll. Direkt hinter der Tür ist es nicht besser.
„Ich glaub da hinten ist noch Platz“, sage ich und leite Henk zu zwei freien, kleinen Sesseln neben der Bar.
„Was hast du gemacht?“
„Weiß nicht. Schmerzen im Fuß. Seit Neujahr.“
„Seit Neujahr? Bist du mit Jan so wild ins neue Jahr getanzt?“
„Nein, ich war spazieren.“
„Silvester?“
„Nein, Neujahr.“
„Ich dachte Jan hasst Spaziergänge?“
„War ja auch nicht dabei.“
Das Schweigen macht BÄM.
„Ist er wieder…hat er etwa…?“
„Ja.“
„Warum setzt du ihn nicht einfach vor die Tür? Wie lang geht das nun schon?“
„Halbes Jahr.“
„Zeig mal den Fuß.“
„Hier? Jetzt?“
„Ja. Wie weit bist du gegangen?“
„Weiß nicht. Nee, lass mal.“ Henk macht eine abwehrende Handbewegung.
„Meine Güte, Henk, ich will deinen Fuß sehen, nicht deinen Hintern.“
„Gleich ist Einlass.“
„Vielleicht ist es ein Ermüdungsbruch.“
„Ein Ermüdungsbruch?“
„Ein Ermüdungsbruch. Lass sehen, ob es geschwollen ist. Oder warm.“
„Natürlich warm. Mir ist immer warm.“
„Henk!“
„Nu komm, ist Einlass.“
Der Kinoraum ist winzig. Ich fühle mich wie beim Betreten eines Flugsimulators. Letzte Reihe. Das sind genau drei Klappsitze. Auf dem direkt an der Wand sitzt eine gepolsterte Frau mit großer Brille und durchwühlt eine Popcorntüte.
Henk setzt sich neben sie, ich an den Rand. Ich ziehe eine Packung Taschentücher aus meiner gelben Handtasche.
„Guck, ausnahmsweise bin ich vorbereitet.“
„Wird das tränendrüsig?“
„Nicht? Doch. Alle sagen das. Außerdem ist es ein Musikfilm. Ich heul bestimmt.“
Ich bücke mich nach vorne, greife Henks beschuhten Fuß und drücke meinen Daumen durch das Leder.
„Aua!“
Henk macht eine abwehrende Handbewegung.
„Mir gefällt das nicht, Henk. Mir gefällt das nicht.“

Der Flugsimulator füllt sich bis auf den letzten Platz. Dann wird es dunkel.

„Hm.“
Es ist selten, dass ich Kinofilme noch während des Abspanns verlasse. Diesmal drängt es mich zügig Richtung Tür.
„Hat der dich überzeugt?“
Henk schweigt.
„Die habe ich jedenfalls nicht gebraucht“, sage ich und packe die Taschentücher ungeöffnet zurück in meine Handtasche.
„Enttäuscht?“
„Ich meine…das war …also so…hat dich das berührt, Henk?“
„Die Songs sind ganz nett.“
„Berührt, Henk! Da drin! Berührt!“
„Ich hatte ein Déjà-vu, immerhin.“
„Ja?“
„Ja. Rote Haare, große Nase. Kenn ich, dachte ich.“
Henk guckt mich an und lächelt kurz.
„Blödmann.“
„Nanana!“
„Ich meine, das war alles so…so…wie ein endloses Hochglanz-Musikvideo mit einer Prise Drama. Die Gaga spielt überzeugend, keine Frage. Aber die Story ist völlig blutleer. Und dann diese Frühstücksszene! Ich war völlig genervt von den angezogenen Beinen. Ich meine, das war sooooo klar. Wahrscheinlich MUSS man einfach nach der ersten Nacht mit Mr. Superduper im weißen Bademantel mit angezogenem Bein am Frühstückshoteltisch sitzen. Pretty Woman macht das übrigens auch. Und natürlich biegt sich der Tisch unter fünf Sorten Rührei und tausend anderem Gedöns. Und natürlich picken alle nur ein wenig im Essen herum und lassen es dann stehen.“
Henk schweigt.
„Ich würde nie nur im Essen picken. Ich säße vor allem normal am Tisch. Weil man dann auch besser essen kann. Und ich würde alles Rührei aufessen!“
Henk nickt.
„Und den Rest. Nichts stehen lassen. Nur in Hollywood sitzen alle pickend mit angezogenen Beinen supercool am Tisch und frühstücken nicht. Das nervt mich.“
Henk schweigt.
„Okay. Ich frühstücke auch nie mit Rockstars. Oder Richard Gere. Aber sei ehrlich.“
Henk schweigt.
„Die Lacher haben nur wenig gezündet.“
Wir sind inzwischen am Stephansplatz angekommen. 23 Uhr. Planten un Blomen ist längst zu. Also außen herum.
„Willst du nicht in den Bus steigen?“
„Nee. Geht. Wirklich.“
„Okay. Wenn du meinst. Mir gefällt der Fuß nicht.“
Henk schweigt
Blöde Idee ihn ausgerechnet in eine Lovestory zu schleppen. Naja, eigentlich ein Musikfilm. Mir fällt nichts ein, was ich sagen kann. Die Ampel ist rot. Ein junger Mann mit weißen Turnschuhen und einem Wuschelkopf wie Paul Breitner zu seinen frisurinnigsten Zeiten hüpft an uns vorbei und überquert neckisch posend die Straße. Eine Mädchenstimme piepst auf: „Wegen dir sterbe ich noch! Wegen dir sterbe ich noch und werd überfahren!“ Die Elfe tippelt eilig hinter dem Wuschelkopf her.
DEINETWEGEN möchte ich dazwischen zetern. Deinetwegen! Ist das so schwer zu kapieren? Grundgütiger, ich bin ein peinlicher Genitiv-Extremist. Es ist wirklich gut, dass ich keine Kinder habe. Peinlich, peinlich, peinlich. Obwohl ich nichts laut gesagt habe, bin ich mir peinlich.
Henk schweigt.
Die Ampel schlägt auf Grün.
Wir sind gerade auf der anderen Straßenseite angekommen, da beschleunigt Henk seinen Schritt, schwenkt mit einer Halbdrehung nach links und stellt sich direkt vor mich. Greift meine Hand, klemmt sie fest, viel zu fest zwischen seine Hände und drückt sie auf sein Sternum. Sein Blick ist düster und schmerzvoll und erdnass wie ein frisch ausgehobenes Novembergrab.

„Hier ist der Ermüdungsbruch, weißt du? Genau hier!“
Fast zermalmt er meine Hand auf seinem Brustbein. Mir wird flau. Kalt. Eine Sekunde lang bin ich nicht mehr sicher, ob ich Kniescheiben besitze.

So plötzlich wie er zugepackt hat, lässt er los, wirbelt schallend lachend zurück an meine Seite und klebt mir gackernd ein Taschentuch auf die kullernden Tränen.
„Na? Jetzt brauchste doch noch eins, was?“
„Blödmann!“
Henk lacht. Ausgiebig.
„Blödmann! Blöder Blödmann.“
Schnäuzen. Tupfen. Kichern.
Er hakt sich unter.
„Ja. Ich weiß. Du aber auch. Oft.“
Ich schweige.
„Nu komm. Ab durch die Nacht jetzt.“
Sagt Henk. Und hinkt.

Neujahrsmoment

Warum gurrt kein Magen?
Alle müssten sie gurren nach den Feiertagen. In diese Stille hinein. Das Seufzen überfüllter Gedärme. Doch es ist still, richtig still. Nicht totenstill. Mucksmäuschenstill. Atmen und sockenweiches Schleichen. Kein Flüstern. Niemand mit Husten hat sich her gewagt. Noch müssen einige zuvor windgepeitschte Nasen geputzt werden. Es wird getupft. Geschniebt, geschnäufelt, geschnooft. Ich habe Sorge, dass mein Magen gurren wird. Vor einer Stunde habe ich mich einem Kaffee und einem Schokoladen-Mandel-Erdnuss-Kuchen hingegeben. Die Jeans ist zu eng gewählt für einen Meditationsabend. Ich hocke mich auf eines der mittelhohen Sitzkissen. Uff. Tausche es aus gegen ein höheres. Vielleicht wäre diesmal ein Bänkchen besser gewesen. Oder ein Platz auf einem der Stühle. Man kann wählen. Uff. Nun aber sitze ich. In der Mitte. Ganz nah am großen Stern aus Tannenzweigen, der so schlicht und schön geschmückt ist.
Eine halbe Stunde lang ist Einlass, dann wird die Türe geschlossen. Die meisten hier habe ich gestern Abend schon gesehen. Ich blicke Richtung Eingang, wenn jemand herein kommt. Mustere die Gesichter der Menschen um mich herum.
Fast alle haben die Augen geschlossen oder zumindest den Blick gesenkt. Die Ruhe vor der Meditation. Wie ein Voyeur komme ich mir vor. Muttern beklagte oft meine Neugier. Ich betrachte schrecklich gerne. Schon immer. Menschen in ihren Formen. Gesichter in ihren Facetten.
Hier nun sitzen wir dicht beieinander. Wenn ich sehe, dass jemand sieht, dass ich betrachte, senke ich die Lider. Schließe kurz die Augen. Kann sie nicht geschlossen lassen. Vorhin streifte mich ein tadelnder Blick. Vielleicht nur eingebildet.
Wir möchten gesehen werden. Erkannt. Nicht aber betrachtet. Eingehend betrachtet gar. Nein, ich auch nicht, keine Frage. Dabei ist es schön, dies betrachten. Mustern. In Jahren geprägte Details abtasten mit den Augen.
Der erste Gong ertönt.
Jetzt schließe ich die Augen ganz. Ich hätte noch einmal an der Jeans zubbeln sollen. Der sanft von der Pastorin vorgelesene Gedankenimpuls lässt es mich vergessen. Heute ist es „Aufbruch“. Und zum Schluss fragt sie: „Welchen Namen trägt der Stern, der dich führt?“
Hermine.
Hermine aus dem Steppenwolf, die zu Harry sagt: „Ach, Harry, wir müssen durch so viel Dreck und Unsinn tappen, um nach Hause zu kommen! Und wir haben niemand, der uns führt, unser einziger Führer ist das Heimweh.“
Das Heimweh, denk ich.
Ich denk das oft. Und spürs. Das Heimweh.
Mein Magen gurrt. Plötzlich hat die Stille Raum für alle Geräusche. Aus der Frau neben mir gurrt es zurück. Gurgelt und schluchzt gar ein wenig. Eine tiefe Verdauungssinfonie. Beim Mann hinter mir lässt offensichtlich leicht aufsteigende Säure den Magenpförtner trällern. Sein Aufstoßen ist das leise Auspusten eines Wals. Ich höre Gelenkknacken wenn Sitzpositionen verändert werden. Schlucken. Atmen. Umschifftes Räuspern. Kratzen von Fingern auf Jeans. Ein fast tonloses Gähnen.
Wie heißen die Sterne der anderen? Der Gong ertönt.
Wir singen. Da pacem cordium. Lange. In Kanonwellen wogend. Solange, bis das Lied in allen verhallt. Ganz von allein.
Und ich hör nur noch das Herz.

Auftakt

Kein Tag ist mir so unbeschrieben, blank, ja nackt wie der erste Jänner.
Die Stadt liegt schlaftrunken unter einem Morgenlicht, das noch nichts verheißt. Und ich mag dies Atmen.
Vereinzelt huschen Mensch und Hund.
Seh ich ein Katzentier an Fenstern.
Noch gibt es kein Verlaufensein.
Der erste Lidschlag morgens gibt leise einen Takt ins All.
Das Jahr wird wie du pochst.
Ein Auftakt ist kein Kick Off.
Ihm innewohnt kein kalter Tritt.
Ein Auftakt spielt Vivaldi
bei deinem ersten Schritt.
Auch deshalb mag ich unser Wörter. In ihnen wohnt Musik. Und Klang.
Kein Tag ist mir so unbeschrieben wie der erste Jänner.
Mein ganzes Leben lang.

Augenmoment

Die Luft ist empfindlich kühl geworden. Ich bin froh, dass ich die Mütze aufgesetzt habe. Meine Hände ruhen in den Manteltaschen, fingerwärmend zu kleinen Fäusten geformt. Am Schreibtisch vorhin war es still und stiller. Ein Tag mit Worten, tippen und Tee. Zum Hinausgehen musste ich mir einen Ruck geben.
Immerhin ist auf meinem Weg vom Vorweihnachtsgewusel noch nicht viel zu spüren.
Gleichwohl bin ich froh, dass die Kopfhörerstöpsel den Straßenlärm abfangen. Agnes Obel schickt sanfte Cellotöne zu meinem Trommelfell. Sollte mein Ich einen Klang haben, dann ist es Cello. Obels Cello.
Fuel to fire.
Der dunkelgraue Himmel macht eine Sonnenbrille überflüssig. Heute wird es regnen. Ich denke an die Plätzchen, die ich noch backen will. Denke an in Puderzucker getunkte Fingerkuppen. Den Geruch von gebräuntem Nussteig. Zerlassene Butter. Nelken. Muttis Metallbox zur Aufbewahrung. Mein Herz liegt seit dem Aufstehen wie eine Bowlingkugel in meinem Brustkorb. Schwer, hart und mit der Lust, Rippen zum splittern zu bringen. Ich gehe langsamer, damit ihm die Wucht dafür abhanden kommt.

Von rechts höre ich, durch Agnes Obels Cello gedämpft, Münzenklappern in einem Becher und die Frage:
„Enschulljen Sie, hamse was Kleingeld?“ Wieder Kleingeldgerappel. Ich halte an, ziehe meine Tasche von der Schulter und will nach dem Portemonnaie gucken.
„Enschulljung, hören Sie mich? Hallo? Können Sie mich hören?“ Ja, ja natürlich kann ich ihn hören. Ja, ich hab die Ohrstöpsel noch drin, ich weiß. Ich wollte doch erst schnell die Geldbörse greifen. Aber ja, er weiß ja nicht, dass die Musik nur leise läuft. Moment. Gleich. Erst die Börse. Wo ist sie denn hin gerutscht?
„Hallo? Hören Sie mich? Ich spreche nicht gern mit Menschen, die mich nicht hören können.“
In diesem Augenblick wird mir meine ganze Unhöflichkeit bewusst. Was für ein ignorantes Gebaren. Es wäre ein einziger, rascher Handgriff gewesen! Das blöde Portemonnaie läuft nicht weg aus meiner Tasche. Ich greife nach den Kabeln, befreie die Ohren, hebe den Kopf und sage, indem ich dem Mann unvermittelt in die Augen schaue:
„Bitte verzeihen Sie. Ich höre Sie.“
Sein Blick weicht nicht aus. Die Augen sind klein, blau, wässrig. Struppige, kurze, rotblonde Wimpern, zwischen denen am Lidrand kleine Krümel hängen. Die Pupillen winzig, lustig, konfrontationsbereit. Wir gucken uns einen Moment zu lang an. Wessen Augen jetzt als erstes ausweichen, der hat … wie klein sie wirklich sind, seine Augen. Tief zurückgezogen in die Höhlen und doch so wach. Startklar. Wie Zündknöpfe. Dass er die Lippen jetzt zu einem leichten Lächeln verzieht, erkenne ich an der Bewegung der Lider; dann sagt er:
„Sie sind der erste Mensch, der mir heute richtig direkt in die Augen guckt.“ Seine Stimme klingt nach Erdnuss und Gaunerglück.
Seltsam ertappt, spüre ich den Impuls meinen Kopf abzuwenden, doch der Augenkontakt bricht nicht ab. Wie oft gucke ich Menschen in die Augen, selbst wenn ich ihnen in die Auge gucke?

Der Mann ist etwas größer als ich. Ihm fehlt ein Frontzahn. Er wirkt wie ein Rechteck in blauem Filz. Die Nase ist lang, streng, makellos. Das Haar matt und dreckig grau. Mein Hände erinnern sich an das Kleingeld. Ich greife endlich nach dem Portemonnaie und fische einen Euro heraus.
„Wo hinein?“
Der Mann hält mir einen blinkenden Becher hin. Irritiert geh ich einen winzigen Schritt zurück.
„Da? Ah, ich dachte, das sei eine Art Lampe. Also, da hinein, ja?“
„Ja, da hinein. Sie können das Licht nicht kaputt machen.“
In diesem Moment geht unser beider kurzes Kichern in anhaltendes Gelächter über. Wir albern wie Clowns. Ich brauche zwei Anläufe, bevor der Euro im Becher versinkt. Nur allmählich ebbt das Zwerchfellzucken ab. Ich räuspere mich.
„Du liebe Güte. Sie sind übrigens der erste Mensch, der heute richtig mit mir gelacht hat!“
Noch einmal treffen sich die Augen direkt. Spontan gehen die Arme nach vorn und wir geben einander herzlich die Hand. Die seine so viel wärmer als meine. Rau und zäh.
„Da sehense Mal. Gut, dasse mich gehört haben.“
„Gut, dass ich Sie gehört habe.“
„Schönen Tach noch.“
„Danke. Ihnen auch.“

Ich gehe ein paar Schritte, bevor ich die Welt wieder mit Frau Obel abwehre.
Die Bowlingkugel in meinem Brustkorb weg.

Bowlmoment

Vor den meisten Bowls habe ich Angst.

Sie sehen üppig aus, machen mich am Ende nicht satt und nirgends gibt es Brot dazu (das mich immerhin sättigen könnte). Ich stehe vor dem Bestelltresen und bin überrascht, dass ich – ja, wie nennt man so etwas überhaupt? – das Restaurant, den Imbiss, die Bowleria, den Fresh-Food-Place, den Nahrungsaufnahemmöglichkeitsraum oder wie auch immer, betreten habe.
Es gibt warme Bowls. Warm ist gut. Warm ist sehr gut. Es ist schon 15:44 Uhr, bis jetzt habe ich genau zwei große Caffe Latte im Leib. Für den Fußweg heim brauche ich dringend Energie. Und hier ist es, im Gegensatz zu den anderen Lokalitäten, an denen ich vorbei gekommen bin, angenehm ruhig. Genug Gäste, um sich wohlzufühlen. Genug Leere, um durchatmen zu können.
Warme Bowls also. Kalte gibts auch. Wraps. Salate. Menschen, die Salat essen, wenn es draußen 2°C hat, sind mir suspekt.
Der Mensch hinter dem Tresen ist blutjung, männlich und hat einen Knödeldutt auf dem Kopf, wie seine Kollegin, die in der Küchenzeile daneben steht.
„Hast du gewählt?“
„Ich möchte bitte die Oriental Bowl.“
„Falafel drauf?“
„Drauf? Also zusätzlich?“
„Ja.“
„Ja. Falafel ist immer gut.“
„Hey, du bist die erste heute, die darauf reagiert.“
In diesem Augenblick schiebt sich der Mann, der hinter mir stand, halbnebenvor mich und sagt entschuldigend: „Ich kann sonst die Tafel nicht lesen.“ Ich benicke das. Sein Haaransatz sieht aus wie der von Gabriele Krone-Schmalz, obwohl er gar nicht herzförmig, sondern ganz rund geschnitten ist. Das Haar wirkt wie aufgeklebtes, dunkelbraunes Kunstmoos. Käme jetzt eine Modelleisenbahn von seinem Hinterkopf gefahren, es wunderte mich nicht. Ich wende mich wieder dem Knödeldutt zu.
„Willst du auch Kartoffeln?“
„Kartoffeln sind doch drin.“
„Ja, allerdings die anderen.“
„Mach einfach. Mach, wie du denkst.“
„Wow, das hat hier noch nie jemand zu mir gesagt.“
„Ich hab halt Hunger.“
„Und ich dachte, es läge an meiner Wirkung.“
„Er versucht zu flirten, merken Sie?“, schaltet sich der Moosmann ein.
„Er ist locker 30 Jahre jünger. Er flirtet nicht. Er hat ein Verkaufswebinar mitgemacht. Hab ich recht?“, mein Blick wandert zwischen Kunstmoos und Knödeldutt.
„Eine Webiwas?“, fragt er.
„Webinar. Also bitte, das kennt deine Generation doch viel besser als meine.“
„Ich kenne nichts. Ich lebe analog.“
„Du lebst ana …aha. Bemerkenswert.“ Mein Staunen ist aufrichtig.
„Ich habe kein Internet, keinen Fernseher, keine E-Mail-Adresse. Ich pack dir noch Erdnüsse drauf.“
„Kann ich mit Karte zahlen?“
„Klar, ich arbeite hier ja in der schönen neuen Welt.“
„Jetzt fühle ich mich elend und überwacht. Warte, ich habs wohl auch bar…moment.“
„Siehste, schon bist du analoger. Weg mit dem Internet! Mich kann man ja auch nur analog kennenlernen.“
„Der flirtet sehr wohl! Was kostet die Bowl denn jetzt? Hamse mal gefragt?“, der Moosmann blickt kritisch zum Knödeldutt.
Ich krame nach Geld und zahle analog. Gute fünf Euro mehr.
„Hauptsache, ich werde satt.“
„Wenn wir Mary-Jane aufrufen, ist es deine Bowl. Ich bin übrigens 20.“
„Mary-Jane?“
„Ja, bei uns bekommt jeder einen eigenen Namen.“
Kichernd trete ich einen Schritt zur Seite und nehme mir Besteck und Serviette.
Der Moosmann ist dran: „Ich nehme die Meatball Bowl und eine Fritz Kola. Wenn ich einen Namen wählen darf, würde ich gerne als Hugo aufgerufen werden. “
„Das macht das System in der Kasse automatisch, das kann ich nicht beeinflussen.“
Der Knödeldutt tippt, das Papier surrt heraus, er blickt drauf.
„Etienne.“
„Etienne?“
„Etienne.“
„Ich höre nicht auf Etienne. Ich bin 44.“
„Kein Problem, ich ruf einfach Hugo, wenn Etienne fertig ist.“

Analog halt.

Danke, liebe Leseschar!

Drei wunderbare Lesungen liegen hinter mir, in Lübeck, Bonn und Köln. Danke an meine Gastgeber. Danke an mein Publikum! Es hat viel Freude gemacht, Euch live in meine Lebensmomente zu holen, mit Euch in die lyrischen Gefühlsminiaturen von „Wachsen lassen“ zu tauchen.


Ich freue mich auf mehr.
Die nächsten Lesungen gibt’s in Hamburg (Termin noch nicht fix), Fleestedt (03.01.19, geschlossener Kreis) und Braunschweig (26.01.19 in der KaufBar).

Bis dahin lesen wir uns hier! Auf Bald,
Bettina

Auf Regen

Ich schneide dich heraus.
Belasse dich in keinem Bild. Auf keinem Platz.
Ich lass nicht zu,
dass irgendwo ein Abdruck bleibt,
der mir ein Wir von gestern zeigt.
Ich schneide dich heraus.
Aus meiner Haut. Nichts näh ich. Tief
ist jeder Schnitt. Wo deine Hand
einmal Zeit für Berührung fand.
Ich schneide dich heraus aus mir.
Ein jedes Handtuch hat ein Loch.
Der Sessel steht zerstückt im Raum.
Ich kann durch meine Arme schaun.
Das Fleisch wächst wild. Dort wo du fehlst.
Dort schneid ich dich heraus.
Belasse dich in keinem Fleck. Ich lass kein Mal
und keinen Punkt,
der zeigt, dass du gewesen bist.
Was mir das Maß für Leben ist.
Ich schneid dich jetzt heraus.
Zerschneide meine Wirklichkeit. Zerschneide mich.
Nichts näh ich zu.

Dann warte ich.
Auf Regen.

(c)2018 strang

Zigarettenmoment

Die Bistrotische sind entlang der Fenster gereiht. Drinnen schafft ein weiches, gelbes Licht behagliche Atmosphäre. Draußen glühen die Heizstrahler unter der Markise, um die kühle Herbstabendluft zu mildern. Am ersten Bistrotisch sitzt ein Mann, kompakt gebaut und schwarz eingehüllt in Sakko, Schal und Stoffhosen. Sein Haar ist sehr grau und sehr kurz, die Nase rund gewölbt wie der Bauch. Vor ihm auf dem Tisch dampft ein Tee, eine Zigarette und ein Rotwein atmet sich aus. Der Mann ist angeregt ins Gespräch vertieft mit der Frau am Tisch daneben. Sie hat den gleichen Haarton wie er, ihre Locken kringeln sich wie ineinander verschlungene Blumenblüten über den Ohren und bedecken das Ende der breiten, schwarzen Brillenbügel. Jetzt erst fällt mir auf: Der Mann und die Frau, sie haben die gleiche Brille. Rund, schwarz, dickrandig. Die Art wie sie miteinander reden deutet darauf hin, dass sie sich kennen. Er zieht an seiner Zigarette. Ich möchte das auch.

Kurz überlege ich, ob ich schnorre. So wie früher, mit 18 auf dem Schulhof. Dabei rauche ich seit neun Jahren nicht mehr. Die Frau raucht die gleiche Marke wie der Mann. Die sind ein Paar, denke ich jetzt, und mein verlangsamtes Schritttempo wird noch langsamer. Nicht vorbei gehen. Bloß nicht! Es sieht so unglaublich gemütlich aus! Die Brillen, der Rotwein, die Gauloises, das Heizstrahlerlicht. Ich möchte eine Zigarette. Jetzt. Aber inzwischen bin ich schon an der Ampel. Möchte ich wirklich eine Zigarette? Oder möchte ich nur diese Gemütlichkeit unter dem Heizstrahlerlicht? Die ich, ich weiß es jetzt schon, gar nicht so gemütlich finden werde, wenn ich dort sitze. Denn die Kälte kriecht über die Knöchel unter den Hosenbeinsaum, während oben mein Scheitel verbrennt und die Mitte meines Körpers nicht recht weiß, in welchen Temperaturausgleichsmodus sie sich nun einregulieren soll. Ich drehe an der Ampel um und gehe zurück zu den Bistrotischen. Wähle den einen, der mehr an der Ecke ist. Von dort aus sehe ich gut. Zu den anderen Tischen und auf den Weg. Ich komme mir vor, als habe ich einen Heizstrahler geschnorrt. Bestelle einen Tee, einen Rotwein und keine Zigaretten. Nehme die dünne Fleece-Decke vom Nebenstuhl und will sie mir um die klammen Beine Wickeln. Der Scheitel brennt.

„Sylt! Strandpromenade Westerland! Sie haben einen Rosé getrunken und den Kellner gefragt, ob Sie irgendwo ihr Handy aufladen dürfen!“
Ich wickle nicht und blicke hoch, zum Auslöser des kurzen Schattens auf meinem Tee, der bereits im Begriff ist Platz zu nehmen. Am Bistrotisch neben mir. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass das Schwarzbrillenpaar zu uns herüber blickt.
„Ja, ja, das stimmt. Im Sommer war das.“
„Ja, im Sommer war das. Sie haben den kleinen Tisch an der Ecke gewählt, von wo aus man auf das Meer UND den Weg schauen konnte.“
„Seien Sie mir nicht böse, aber ich erinnere mich in keiner Weise an Sie.“
„Ach, ich hätte Sie auch nicht unbedingt wieder erkannt. Ihr Schopf jedoch glüht noch roter unter dem Heizstrahler. Da guckt man zweimal. Und dann fiel es mir sofort ein.“
Der Mann, der keinen Schatten mehr auf meinen Tee wirft, ist vielleicht 55 oder 60 Jahre alt. Jugendlicher in der Gestik. Mit freundlichen Augen. Jeans. Langarmshirt mit kleinem V-Ausschnitt. Was oft seltsam wirkt. Bei ihm aber nicht. Seine Stimme erinnert mich an Han Solo. Ich mag sofort, dass er als erstes auf die Rosmarinzweige in der schmalen Vase guckt, sich vorbeugt, schnuppert und „Oh, völlig echt!“ sagt.
Mein Scheitel brennt. Ich wickle endlich die Decke um die Beine.
Das Schwarzbrillenpaar lacht laut und schön. Ich hätte eine Zigarette schnorren sollen. Stattdessen sitze ich eingeklemmt zwischen den frohen Grauhaarigen und dem Syltmann; merke, dass ich gar keine Lust auf Tee habe. Der Herbst macht mich traurig, plötzlich.
„Sie hatten ja auch nur Augen für das Meer. Ich saß auf der anderen Seite. Mit drei Freunden. Wir sehen alle gleich aus. Um uns wiederzuerkennen braucht man mehr als einen Heizstrahler.“ Sein Lachen wirkt. Ich lächle.

„Die Welt ist ein Dorf. Hamburg sowieso. Da sitzen Sie also hier. Heute Rotwein. Kein Rosé. Sind Sie aus Eimsbüttel?“
Die Kellnerin taucht auf, behütet mich vor einer Antwort, indem sie ihm die Karte reicht: „Möchten Sie essen?“
Er sieht auf die Karte, dann auf mich. „Möchte ich essen? Ich hab keinen Hunger, aber stets Appetit…möchten Sie essen?“ Er reicht mir die Karte.
„Nein. Wirklich nicht.“
„Nein, wir möchten nichts essen. Bringen Sie mir einfach ein Bier.“
Ein Bier also. Wir möchten nichts essen. Vielleicht hat er eine Zigarette. Er sieht nicht danach aus.
Ich weiß nicht wohin ich gucken soll.
„Wahrscheinlich wollten Sie nur hier sitzen, nicht wahr? Das war gar nicht meine Absicht zu stören. Ich störe nicht. Wirklich. Schon auf Sylt hatten Sie so etwas Unstörbares.“
Unstörbar. Ich horche auf. Das ist nun wirklich mein Wort, nicht seins. Das Schwarzbrillenpaar raucht. Ich kann auf den Weg und auf die Tische blicken.
Die Minuten vergehen.
Der Tee wird leer. Das Rotweinglas. Im Bier ist noch ein Rest.
„Gehen wir?“ fragt der Schwarzbrillenmann seine Frau.
Ich zahle. Niemand soll behaupten, ich hätte es nicht versucht.

ungehört

Der Weg entlang der schweren Stämme,
die jedes Licht in altem Schatten fangen,
den Sommer in die Knie zwangen,
ist weich und moosvoll unberührt.
Wohin mein blaues Herz mich führt
weiß nicht der Weg,
weiß nicht der Tag,
und was mir auf den Lippen lag
gerinnt seit Stunden ungesagt.
Ein Salzsorbet.
Ich reck die Ärmchen,
die längst Arme sind,
nach diesem Himmel
der du niemals bist.
Steh sittsam die Minuten klein,
wo nichts mehr zu erwarten ist.
Dann packe ich mein Funkeln ein.
Und geh.
Den Weg unter den gelben Kronen,
die keinen Laut nach oben leiten,
die nichts von ihrer Macht bestreiten.
Ich bin ein ausgedrehter Ton.

(c)2018 strang

heilsam

Das Laub lass ich im Zimmer.
Räum Sterne in den Schrank.
Ich leg ein Stück vom Himmel
auf meine Fensterbank.

Die Löcher in den Wolken
belass ich ungestopft.
Ich warte mit den Pfützen
bis frischer Regen tropft.

Der Herbst hat dich genommen.
Der Winter wirkt bemüht.
Die Pflaster abzureißen
ist sicherlich verfrüht.

(C) 2018 strang