Weiterer Moment

„Darf ich Ihnen eine Frage stellen? Warum nehmen Sie nicht drei?“ Die Frage des Fischmanns lässt mich von den Matjes zu seinen Augen schauen. „Ich … weil… drei? Ich weiß nicht …. Weil ich nur zwei …“ – „Glauben Sie mir, drei ist die Zahl der Stunde“ strahlt er und legt eine weitere Dorschfrikadelle auf das Einpackpapier. Protestieren sinnlos.

Ob er die loswerden will? Dafür wirkt er zu fröhlich. Eigentlich. „Ja wenn Sie … wenn Sie meinen …“ – „Über alles Weitere sprechen wir dann am Montag.“ Alles Weitere? Am Montag? Verwechselt er mich? Ist das ein Frikadellenflirt? Wegen des warmen Wetters bin ich extra früh zum Einkaufen losgegangen. Jetzt zweifle ich, ob meine Gehirntätigkeit dem schon gewachsen ist. Der Fischmann reicht mir die drei Fischfrikadellen im Papierpäckchen und rechnet zwei ab. Jedenfalls glaubt er, dass ich am Montag noch lebe. Altfisch loswerden will er also vermutlich nicht. Ich kaufe noch eine Brezel und einen Apfel, gehe zum nahe gelegenen Weiher und verfrühstücke meine Kostseligigkeiten.

Bald habe ich fünf Enten vor, zwischen und hinter den Füßen, die angesichts meiner Mahlzeit ihre Küken sich selbst im Wasser überlassen. Deren piepsendes Gejammer ist herzzerreissend. Natur ist auch nicht mehr das, was ich mir mal darunter vorgestellt hab.

Im Kaufhaus ist es angenehm kühl. Es gibt Stabmixer zwischen 29,90 € und 199,99 € zu kaufen. Letzterer scheint für Superhelden gemacht, denn er besitzt Superpower laut Etikett. Einer davon soll mein neuer werden, nachdem der alte Pürrierstab vor Monaten abgeraucht ist. Oder doch lieber ein Standmixer? Wenig Gedöns soll es sein. Kein Stehrümchen. Ja, natürlich auch kein Liegrümchen. Neben dem Stabmixerregal ist ein Computerarbeitsplatz, an dem ein grauhaariger Verkäufer mit Marlborowangen zettelsortierend vor sich hin flucht. Er murmelt „So ein Scheiß“ und „Mist“ und einmal murmelt er sogar „Scheißdreck“, was mich derart unangenehm berührt, dass ich meine Kauflust zusammensacken und schwer angeschlagen am Boden sehe. Gerade will ich mich wegwenden, da spricht er mich an. „Brauchen sie Hilfe?“

Scheißdreckverwundet wie ich mich fühle, beziehe ich die Frage eine Sekunde lang auf etwaige sichtbare Blutungen, dann erinnere ich mich, dass der Mann mich und die Stabmixer meint. „Nein.“ – „Dieser Hand Blender hier hat das beste Preis-Leistungsverhältnis und ist außerdem die Ergonomic Edition.“

Müsste sowas nicht im Sanitätshaus verkauft werden? Und warum Blender, warum nicht schlichtweg Mixer? Ich möchte keinen Blender kaufen. Das klingt in meinen muttersprachaffinen Ohren wie eine Mogelpackung. Filou. Heiratsschwindler. Küchengauner.

„Aha.“

„Und schauen Sie hier. Das ist sehr gut verarbeitet. Warten Sie, ich zeige Ihnen im Vergleich diesen“, schon hat er das 29,90 €-Modell in der Hand und löst den Pürrierstab vom Korpus. „Sehen Sie hier? Sollbruchstellen. Das ist nicht wie in den 60er Jahren, wo Produkte gebaut wurden, die gehalten haben. Heute soll es irgendwann kaputt gehen.“ – „Und der andere geht nicht kaputt?“ – „Der ist solide! Schauen Sie auch hier, der lässt sich 1A reinigen. Kein Schmodder. Wenn Sie den natürlich in die Spülmaschine packen, wird es schwierig. Das Salz frisst irgendwann die dichteste Dichtung an.“ – „Und der teuerste? Geht der nie kaputt?“ – „Alles geht irgendwann kaputt.“ Der Satz gilt glasklar nicht den Stabmixern, so tief, wie plötzlich die Marlborowangen einsinken. Hm. Nachfragen möchte ich nicht. Das Schweigen bekommt eine unerfreuliche Note.

„Also, anders gefragt: Mit welchem davon kann ich alt werden?“

„Naja, so gesehen mit allen, kommt ja immer drauf an in welchem Alter man den Blender kauft. Für den sind Sie zu jung“, er verweist auf den Billig-Blender. „Die anderen dürften passen.“ – „Und was ist nun das Dolle an diesem teuren Powerstab?“ – „Das Design. Sieht ja fast aus wie von Porsche gemacht. Der Stab geht von allein auf und ab. Müssen Sie also nicht selbst machen. Albern, wenn Sie mich fragen. Die Umdrehungen kann man auch nicht fixieren. Das würde mich ja schon nerven. „Porsche will ich nicht. Ich nehm Ihren Dingens-Mixer.“ – „Den Ergonomischen.“ – „Ja.“ – „Ja, mit dem können Sie alt werden. Wahrscheinlich haben Sie schon mehr Sollbruchstellen als er.“ Die Marlborowangen hellen auf. „Haben Sie noch ein Messer, mit dem ich alt werden kann?“ – „Sicher.“

Zwei Straßen weiter sehe ich ein petrolfarbenes Kleid im Schaufenster, das ich nicht brauche und sofort liebe. Es passt wie angegossen. „Die Farbe steht Ihnen voll toll. Macht viel jünger“, schwärmt die Boutiquefee. Kennt Sie meinen Jahrgang?

„Dann kann ich ja damit alt werden“, freue ich mich, die EC-Karte zückend.

Und vielleicht hat es am Montag Einfluss auf alles Weitere.

SuedLese 2021 – Ich bin am 13.6. um 20 Uhr dabei

Die diesjährige SuedLese wurde coronabedingt kurzerhand von einer Präsenzveranstaltung in ein Online-Festival verwandelt. Chapeau an das beherzte Organisations-Team, das ein so buntes, vielfältiges und reiches Programm erstellt hat.

Alle Lesungen bzw. Darbietungen sind an unterschiedlichen Orten in Hamburgs Süden und werden online übetragen. Einfach den Button bei der jeweiligen Veranstaltung anklicken.

Meine Lesung und den Online-Zutritt findet ihr hier:

https://suedlese.de/lesungen/bettina-strang-best-of-mensch-mia/

Um 20:00 Uhr geht’s los. Ihr werdet in einen ZOMM geleitet, denn auch wenn die Lesung selbst schon im April aufgezeichnet wurde, so bin ich vorab dennoch live und Farbe mit dabei, um noch zu plaudern 🙂

Die SuedLese ist spendenfinanziert. Für die meisten Events, so auch meine Lesung, müsst ihr kein Ticket kaufen. Solltet ihr den Einsatz aller Beteiligten dennoch monetär würdigen wollen, sehr, sehr gerne. Bitte hier entlang:

https://spenden.twingle.de/kulturspinnerei-ug-haftungsbeschrankt/eintritt/tw607db7ebc6954/page

Das komplette SuedLeseprogramm gibt es als Heft zum bestellen oder als PDF-Download.

Programmheft SuedLese

Habt Spaß!

Bleib doch bei mir bis 3 nach 10

(M)ein Lied und seine Geschichte.

Angefangen hat alles mit einem Missverständnis. Ich wurde gefragt, ob ich zu einer Melodie einen Liedtext schreiben könnte. Völliges Neuland für mich, aber ich wagte den Versuch. Um dann herauszufinden, dass ein Text in englischer Sprache gewünscht gewesen war. Hoppala. So blieb einerseits mein Text zurück und anderswo eine Melodie (die hoffentlich inzwischen english betextet wurde 🙂 )

Und dann kam natürlich (natürlich? Natürlich!) Kornelius Wilkens ins Spiel; er ersann Töne und Klänge – und plötzlich war da (s)ein Lied. „Frühe“ unser Titel.

Hier der Text im Original:

Nebel schläft vor meinen Fenstern 
Nur der Kaffee blinzelt keck 
selbst dem Dunkel fehlt dein Atmen 
Meine Hand weiß: du bist weg.

Kinoküsse , Szenenwechsel. 
Du siehst nie ein Ende an. 
Dein Gesicht scheut meinen Morgen. 
Tage-, manchmal wochenlang.

Wann vergisst du deine Schuhe? 
Wann verweilst du aus Versehn? 
Alles was ich sagen wollte: 
Bleib doch noch bis drei nach zehn.

Schwarz mit Zucker. Deine Tasse 
wartet tonlos im Regal. 
Jede Wimper auf den Kissen 
ist Beweis: du warst real.

Nirgends Schwüre. Dafür Strümpfe. 
Manchmal übersiehst du dich. 
Lässt statt Worten Glanz im Zimmer, 
wie einen Gedankenstrich.

Wann vergisst du deine Schuhe? 
Wann verweilst du aus Versehn? 
Alles, was ich sagen wollte: 
Bleib doch noch bis drei nach zehn.
Wann vergisst du deine Schuhe? 
Wann verweilst du aus Versehn? 
Alles was ich sagen wollte: 
Bleib doch noch bis drei nach zehn.

„Frühe“ ©2019 


Und es purzelte eher zufällig in die Ohren eines anderen Freundes, des Wiener Musikers Reinhard Malicek, der wunderbare Lieder im Wiener Dialekt schreibt und singt. Der mich fragte, ob er es ins Wienerische holen darf. Er durfte. Und nun ist da (m)ein Lied. Danke an ihn und Martin Rauhofer für die schöne, schöne Umsetzung.

Hier ist es. Viel Freude beim Hören und hinterlasst gern ein LIKE unterm Song, wenn er euch gefällt.

https://www.youtube.com/watch?v=wAJcjAxEkPs

Deutsche Ursprungsversion:

Musik von Kornelius Wilkens, Berlin

Text von Bettina Strang, Hamburg

Cover im Wiener Dialekt:

Reinhard Malicek und Martin Rauhofer, Wien

Verlust- und Liebemoment

Vielleicht war es doch nur Strömis Tod. Das Ende eines Tiers, das mir monatelang Teppiche voll gepinkelt hatte; das nach jedem Aufwachen dement jaulte, nicht mehr allein bleiben konnte und doch sein musste, weil ich nun einmal zu arbeiten hatte. Strömi, der sein Futter aus dem Napf durch die Wohnung trug, überall verteilte und dann vor dem Fressen vergaß, wo er es abgelegt hatte. Es war alles so anstrengend. Strömi war schließlich nicht mein Hund gewesen. Mutterns Hund. Die nun tot war und vermisst von ihm und unauffindbar, egal wo er nach ihr suchte.

Wie hab ich es gehasst, nichts mehr ohne ihn tun zu können. Wie hab ich ihn geliebt mit seinem schnaufenden Atem an meinem Ohr, wenn er nachts kurz dicht neben meinem Kopf schlafen musste, bevor er sich ans Fußende trollte.Ca. 4244x Gassigehen.3183x Füttern. 1591x Pfotenreinigen. 450x Fellbürsten. Ungezählte Streicheleinheiten.Bestimmt 1642,5x habe ich Tabletten in Leberwurst gerollt und verabreicht. Vielleicht 4x musste ich Zecken entfernen. Dafür bestimmt 530x Analtumore reinigen. 415x Augentropfen in Lidfalten träufeln. Kurz gesagt: Seit dem 01.11.2007 hatte ich eine Menge Hund im Lebensrucksack. Begleitumstand einer Lebenszäsur. Todeszäsur?

Was man da so alles herausbekommt übers eigene Herz. Natürlich gab‘s auch vorher schon Hund in meinem Leben. Teilzeithunde. Aber es gibt keine Teilzeitvertrautheit. Vertraut ist man ganz oder gar nicht. Ich werde nie wieder in Nassfutter treten. Nassfutter auf nackter Fußsohle ist etwas Unschönes. Nassfutter auf (besser gesagt in) angerauter Hauspuschenledersohle ist tendenziell lästig. Vom Nassfutter als Teppichtretmine ganz zu schweigen. Trockenfutter hat freilich auch seine Tücken. Aber immerhin lässt es sich wegsaugen. Nie wieder 892 Haare auf dem dunklen Blazer, die jeder Fusselrolle trotzen. Nie wieder Haare auf dem Teppich, an der Hose, im Auto, im Käsekuchen und auf der Zunge.

Und dann ist da noch Flatulenzia Canoidea (der gemeine Hundefurz). Mit dem sollte man rechnen, wenn man Hund im Lebensraum hat, wobei man in der Regel nicht damit rechnet. Auch eine Gnade. Der letzte Gruß dieser Art entfleuchte in der Nacht vor Strömis Tod. Ich hab meinen Hund hochgehoben und die Treppen hinunter getragen, er konnte nicht mehr alleine hinab. In Filmen kommt hier anrührige Musik ins Spiel, dramatische akustische Untermalung des letzten Ganges zum Lieblingsbaum. In meinem Leben war die Untermalung olfaktorisch, ein Gemisch aus Methan und Schwefelwasserstoff, das sich unweigerlich seinen Weg in meine Lungenbläschen bahnte.

Wenn ich ehrlich bin ist für mich die Lunge das Organ der tiefsten Einverleibung, der größten Intimität. Was juckt mich jemand anderes Hautschuppe auf meinem Butterbrot oder das Kopfhaar des Pizzabäckers in der Minestrone? Lächerlich! Das zermalme ich bis nichts übrig ist und der Weg in meinen Körper ist lang und voller Salzsäure! Aber mit drei Personen im Drei-Personen-Lift zu stehen, starr wie Zinnsoldaten, oberflächenberührungslos, alle an die Decke atmend in strikter Augenausweicherei – grauenhaft! Ich kann ihn sehen, ich kann ihn schmecken, diesen fremden Atem, wie er oben von der Liftdecke auf uns herab rieselt und bei meinem nächsten Atemzug tief die Alveolen flutet, dieser fremde Atem voll fremder Lebensmoleküle aus der Tiefe eines anderen Körpers. Bah! Auch deshalb nehme ich lieber die Treppe. Mit jemandem Luft ohne Scheu zu teilen zeigt den Grad meiner Zuneigung. Mein Hund hätte mir ALLES entgegenatmen dürfen (und ganz ehrlich: Oh je, das hat er auch.).

Dinge, die zum letzten Mal geschehen, bekommen etwas bedeutungsvolles, auch wenn man sie unzählige Male zuvor erlebt, gesehen, mitgemacht, erfahren hat. Und vieles wird gegenstandslos. Schlechter Geruch, spontane Blasenentleerung im Treppenhaus, unaufhörliches Jammern, Wassernapf umwerfen und Küchenbodenfluten – alles egal. Du weißt, es wird nie wieder sein. Ich dachte: Atme weiter! Krümle weiter dein Futter durch die Bude! Bestimme meinen Lebenstakt. Sag mir mit „Winsel“, wann ich aufzustehen habe, sag mir mit „Wuff“, wann ich ins Bett zu gehen habe. Scheuch mich alle zwei Stunden an deinen Lieblingsbaum, weil du es länger nicht mehr aushalten kannst. Verströme Ungerüche. Hinterlasse überall deine Haare. Zwing mich zuhause zu bleiben, weil du nicht mehr allein sein kannst. Alles, alles, alles will ich weiterhin machen, obwohl ich es so oft so dermaßen müde war, wenn du nur warm bleibst und sich dein knochiger Brustkorb weiter hebt und senkt. Es lebe die Irrationalität des Abschiedsschmerzes. Ich hab mich dann dafür entschieden einfach zu heulen. Unabänderliches muss ich wegheulen. Den letzten Waldspaziergang habe ich ebenso durchheult, wie die letzte wache Nacht seines Zitterns und Wimmerns und Kotzens und Pinkelns. Ich hab das Wartezimmer zu- und dann die Tierärztin angeheult. Dann hab ich kurz nicht geheult. Während Strömi eingeschläfert wurde stülpte sich eine gnädige Glocke völliger Fühllosigkeit über mich. Ich war ganz ruhig. Ganz nah mit ihm. Bis er ganz ruhig war. Zuende geatmet hatte.

Den Tag über habe ich weitergeheult und den nächsten. Auch am dritten Tag konnte ich es nicht lassen. Dann, ab dem vierten leerten sich allmählich die Salzwasserbestände.Stattdessen lauter so Bleibommels am Herz.Jetzt lebe ich nassfutterkrümelfrei. Napffrei, gassifrei, haarfrei. methanfrei, tablettenfrei, windelfrei.Ich brauche plötzlich wieder einen Wecker. Und sonntags kann ich schlafen, einfach schlafen. Strömi hat meine Familie 17 Jahre, sechs Monate und 27 Tage lang begleitet. So lang hält nicht mal die deutsche Durchschnittsehe (die kommt bloß auf 14 Jahre). 1061 Tage währte unser letztes, gemeinsames Stück Weg.

Vielleicht war es doch nur Strömis Tod. Das Ende dieses Tiers, weshalb ich mir wünsche, dass mir nichts oder jemand wirklich (wirklich!) etwas bedeutet. Ein Wunsch, der bisher nicht in Erfüllung gegangen ist.

(Strömi starb vor über 10 Jahren)

Tänzelmoment

Der Blick auf die Uhr ist eindeutig: ich habe alles noch rechtzeitig geschafft, und diesmal schaffe ich es sogar noch vorher aufs Klo. Das habe ich bisher nämlich nicht jedes Mal geschafft. Falls sich je jemand unter den Trauergästen gewundert hat, warum die Bestatterin die Urne sanft tänzelnden Schrittes zum Grab trägt – die Lösung ist nicht Anmut, sondern Aushalten.

Noch habe ich nicht herausgefunden, was ich an Trauerfeier-Tagen morgens frühstücken kann. Frühstücke ich nichts, wird mir flau und ich kann weder Holzsäulen noch Sandschalen tragen. Frühstücke ich zu viel, kann ich es auch nicht. Frühstücke ich zu obstreich, gurgelt mein Bauch jedes Requiem klein. Zudem ist Obst wasserreich. In Kombination mit dem wirklich unvermeidlichen Kaffee entsetzlich harntreibend. Frühstücke ich quarkreich, ist es auch nicht anders. Brot hab ich nie im Haus. Haferflocken machen mich nicht lang genug satt, es sei denn, ich esse so viel davon, dass ich mich nicht mehr rühren kann.

Heute hatte ich gebratene Zucchini und Avocado. Ja, zum Frühstück. Kein Bauchgurgeln, nicht wassertreibend. Es schien okay. Nur der Humpen Kaffee wollte irgendwann … uff. Diesmal hatte ich es ja geschafft. Vorher.

Blick auf die Uhr. Hurra. Ich öffne die Tür zur Friedhofskapellentoilette und stoße direkt auf eine Person, die sich just vom Waschbecken weg und Richtung Tür gedreht hat. „Huch“ sagt sie. Als sei das eine typisch norddeutsche Begrüßung, antworte ich ebenfalls mit „Huch“.

„Ich muss noch trockenwedeln“ sagt sie weiter. Und wedelt. Wedeltropfen fliegen mir entgegen auf die Kleidung, auf die Maske, auf die Stirn. „Huch“ sage ich ins Tröpfchenmeer.

Möchte mich gern an der Dame vorbeischlängeln, weil ich doch – noch zumindest – so gut in der Zeit bin und es heute auch keine weitere Minute ausdurcheinhalten könnte. Aber die Dame steht exakt und unumschlängelbar zwischen mir und den zwei Toilettenkabinen.

„Ach, ist wer gestorben?“ fragt die Frau, meine komplett schwarze Robe musternd (ich trage nicht selbstverständlich schwarz auf Trauerfeiern) und weiter: „Wer denn? Ein Promi? Wieder ein Promi? Sterben ja viele zurzeit.“

„Promis?“ frage ich tänzelnd.

„Ja“ wedelt sie zurück.

„Verzeihen Sie … wenn ich mal kurz dürfte … also vorb…“

Die Dame geht zur Seite, ich husche gen Klotür, da fängt mich ihr Stimmlasso gezielt ein: „Jemand aus Ihrer Familie? Ach nee. Sie haben ja ne Namensplakette. Sie machen das professionell hier, ja? Haben Sie jetzt mehr, mit den ganzen verrückten Reiserückkehrern? Ich sehe die ja … oh. Hab noch Grün am Daumen.“

Sie dreht sich zurück zum Waschbecken und pumpt Seife auf den Daumennagel. Ein scheinbar günstiger Augenblick, doch dummerweise blicke ich noch einmal (jetzt nervös) auf die Uhr.

„Gleich Zwölfe, oder? Sagen Sie mal, kann man da eigentlich mit rein? Oder ist das privat? Oder ist da auch Corona?“

„Da ist auch Corona“ sage ich, denke „Huch“, weil der Satz so schön missverständlich sein könnte, wüssten die Dame und ich nicht beide, wie wir das gemeint haben. Aber wir wissen das.

„Ich muss dann mal …“ sage ich und auch das ist ein idiotischer Satz vor einer Klotür, aber vielleicht exakt die Sprache, die die Frau und ich miteinander brauchen.

„Ich auch“ gibt sie zurück, lakonisch und seifensicher und greift nach einer großen, grünen Plastiktasche, die am Boden steht und aus der Pflanzen, Handtücher und eine Wasserflaschenhals ragen.

Ich spüre viele Schweißperlen auf zu vielen Hautzonen, höre Fahrzeuge ankommen und Autotürverriegelungen klacken. Dann klackt die Toilettenaußentür und ich blicke abermals auf die Uhr.

Die Urne, später, trug ich in tiefer Ruhe.

(08/2020)

Fastenmoment mit Mia

„Sag mal, fastest du?“

„Nein.“

„Nichts? Gar nichts?“

„Gar nichts, Mia.“

„Ich Wurst.“

(Ich lache ausgiebig)

„Was gibt es denn da zu lachen?“

„Sorry….aber dieses Ich Wurst….ganze Sätze sind so überbewertet. Prädikatfasten zusätzlich zum Wurstfasten.“

„Was?“

„Nix. Du fastest also Wurst. Nur Wurst?“

„Ja. Ohne Käse könnte ich nicht.“

„Ich dachte eher an Fleisch.“

„Fleisch ess ich schon seit Dezember nicht mehr. Wurst war wie Käse. Bisher unverzichtbar.“

„Und fällt es schwer?“

„Es geht. Ich hab ja den Käse. Du solltest auch etwas fasten. Das ist toll. Ich habe eine völlig andere Wahrnehmung bekommen. Und es tut auch gut einmal ganz bewusst Verzicht zu üben. Margret fastet auch.“

„Auch Wurst?“

„Brokkoli.“

„Du veräppelst mich!“

„Nein, sie fastet wirklich Brokkoli. Und Lauch und Weißkohl.“

„Aha.“

„Es bläht sie so.“

„Gut zu wissen. Aber wenn es sie so bläht, dann sollte sie es ggf. eh immer sein lassen oder nur begrenzt und eher selten essen.“

„Margret liebt Brokkoli. Sie leidet!“

„Mehr als unter den Blähungen?“

„Ja!“

„Mia, ich bitte dich! Brokkolifasten, was für ein unglaublicher Unsinn. Margret hat wohl kaum bisher fünf Mal in der Woche Brokkoli gegessen. Oder drei Mal. Was ist denn da das Fasten?“

„Das ist doch keine Frage der Häufigkeit!“

„Also gut. Okay.“

„Wirst du noch einsteigen?“

„Ins Brokkolifasten?“

„In was auch immer. Es ist nicht gut für die Psyche, wenn man nicht fastet.“

„Dieses Jahr nicht mehr.“

„Du musst entschlacken!“

„Ja doch.“

„Das sage ich dir jetzt als deine Freundin: Du siehst nicht mehr gut aus! Jemand muss es dir sagen.“

„Nein. Ich finde nicht, dass mir das jemand sagen muss.“

„Fasten schärft den Blick.“

„Iss Wurst.“

KLICK.

Ich bin zu Gast im Geschichtensalon

SAVE THE DATE

und sei online live dabei! Am 26.2. bin ich zu Gast im 10. Geschichtensalon von Alexandra Kampmeier – diesmal online! Gestreamt wird live aus dem Goldbekhaus e.V. – ihr sitzt bequem auf dem Sofa zuhause.

Sybilla Pütz und ich erzählen euch je zwei Geschichten. Eine ist wahr, die andere nicht. Zum Schluss könnt ihr abstimmen und gewinnen natürlich ebenfalls. Der Live-Stream ist kostenlos. Spenden sind gern gesehen. Weitersagen auch. 😉Hier der Link zur Veranstaltung, inkl. YouTube-Link zum Live-Stream. https://fb.me/e/yeFaJvlw bzw. https://www.youtube.com/watch…

S3 – Moment

Ein kariertes Hemd, blaubraungrauweiß, das sich ganz vorne am Bauch leicht spannt und zwischen den zwei Knöpfen über dem Hosenbund einen lorbeerblattgleichen Spalt formt. Das Beinkleid schwarz. Graue Socken, die nie einen Bund hatten und heruntergerutscht sind, umschlingen gleich einem Schal die schneeweißen, haarlosen Knöchel. Den Fußpuls müsste man sorgsam ertasten, derart leise wirkt das Blut in den violetten Adern. Aber diese Füße sind nicht so kalt, wie sie aussehen. Die Schuhe könnten Pantoffeln sein. Ohne Schnürung. Kein Klett. Schlupf. Ausgebeult. Nicht bloß sieben Meilen. Nein, ein ganzes Leben.

Ich hebe meinen Blick. Haare hätten mich gewundert. Ein Flaum ist übrig, vielleicht war es nie mehr. Die Unterlider hängen tief und liefern die Augäpfel schutzlos aus. Das ganze Antlitz ist Kummer. Der Mund ein gemalter Bogen abwärts, aber nicht schmal, sondern derb und fleischig, wie diese Haut ohne Flecken. Als habe nichts sie je berührt. Niemand sie je berührt. Dabei ist er ganz glatt rasiert. Akribisch selbst am Hals, wo sonst sich gerne drahtige Haare in die Falten flüchten.

Ich kann mir kein Kinderlachen denken, aber Maschinengetöse. Fleischsuppe mit Kraut und einen Kanten Brot. Eine Wohnung mit Uhrticken und Kofferradio. Die Nägel knipst er kurz, damit die Katze schnurrt beim kraulen. Wenn sie denn kommt. Aus seiner Hosentasche zieht er ein Stofftaschentuch. Bleu. Ins Eck ein „J“ gestickt. Gebügelt. Wischt unter dem wässrigen Wimpernkranz entlang. Nur trockene Augen tränen. Das wissen viele nicht.

Blechern die plötzliche Ansage: „Dieser Zug endet hier!“

Und ich denke: Nicht nur der Zug.

Geliebtes Jahr

Ich bin mir nicht sicher, ob es jemals ein Jahr gab in meinem Leben, in dem die Dinge so gekommen sind, wie ich gedacht oder mir ausgemalt hatte. Wie ich sie erwünscht oder erhofft hatte. Manches habe ich in heller Erinnerung, anderes stürzt mich ins Dunkel, vieles ist längst vergessen (gottlob vs. verdammt); lebendig in Körper und Geist sind bestimmte Zäsuren, Ereignisse, Wendepunkte. Die nicht immer laut waren, dafür tief oder nachhaltig. Die nicht immer schön waren, schließlich aber aus Wunden Wunderbares schorfte. Wenn ein toter Mensch vor mir auf dem Tisch liegt zum Waschen und Einkleiden, überkommt mich jedes Mal der Gedanke, wie unglaublich filigran und wie unglaublich zäh das Leben ist. Gleichzeitig. Im Bruchteil einer Sekunde kann es vorbei sein. Deine Haut durchtrennt. Dein Herz still. Deine Organe versagend. Dann wieder creme ich ein hundertjähriges Gesicht ein und bin erstaunt, dass hier jede Auto- oder Radfahrt, jeder Schritt, jeder Streit und jede Krankheit lebendig überstanden wurde. Dass der Lebensmut nicht perdu ging auf der langen Strecke. Sie oder er lebte 100 Jahre. Oder 90. Oder 80. Oft halt ich da den Atem an.

„Alles passiert in derselben Welt; daher ist das Leben so schwierig“ habe ich mit Anfang Zwanzig in meinem Lieblingsbuch grün gemarkert. Alles was zum Leben gehört, ist immer da. Irgendwo auf der Welt. Das Schöne und das Schreckliche. Es ist nie weg, egal wie sehr wir uns selbst davon fernhalten oder es ausblenden möchten. Genau jetzt küssen sich Teenager, bekommt ein Kind Krebs, ertrinkt eins im Meer, erschießt sich ein Mann, bekommt eine Frau Zwillinge, wird eine Kaffeetafel gedeckt, teilt sich eine Zelle, wird ein Hund gerettet, ein anderer gehäutet, brennt ein Wald, stirbt eine Art aus, zwitschern Vögel, schnurrt eine Katze, postet jemand ein Eiscremerezept, sagt ein Paar Ja, malt einer ein Bild, tönt eine Arie durch die Nacht, anderswo ein Schrei. Genau jetzt.

Meine Zeit ist die einzige, die ich habe. Der einzige Ort, an dem ich mich befinde. Es gab in meinem Leben ein Jahr, in dem ich mir das Leben nehmen wollte. Alles war perfekt vorbereitet. Endgültigkeit, bitte. Kein Hilferuf. Eine tiefe Ruhe überkam mich im Wissen, dass ich nun jederzeit gehen kann. Und da sagte auf einmal irgendwas in meinem Hirn zu mir: Herrgott, dann nimm dir halt endlich mal dein Leben! Nimm’s! Greif zu! Hör auf mit dem ganzen Halbheitengedöns, dem Verbiegen, dir verbieten, dem Flüchten, der Scham, der Schuld, dem Vermeiden. Hau rein, greif zu, aber bitte die volle Ladung! Baff starrte ich auf diesen Doppelsinn von „sich das Leben nehmen“. Starrte auf meine Vorbereitungen. Totsein hätte auf Anhieb geklappt. Leben bisher irgendwie nicht. Mir mein Leben zu nehmen hatte ich noch nicht probiert offensichtlich. Nicht gewagt.

Das ist ordentlich lange Jahre her.

Seither probiere ich. Wage ich. Gewinne ich. Scheitere ich. Zögere ich. Ziele ich. Mache ich. Lass ich sein. Bin ich. Hier. Jetzt. 2020 hatte helle und trübe Tage. Schmeckte nach Erdbeeren und Cremant. Roch nach Krankheit und Verwesung. Hatte Lachfalten und Kullertränen. Hielt mich auf Abstand und verband mich innig. Hat mich viel gelehrt. Mein Herz gedehnt. Manchmal schmerzhaft, oftmals schön. So vieles, das ich zum letzten Mal gesehen habe. Getan habe. Erlebt habe. So vieles, das ich zum ersten Mal gesehen habe. Getan habe. Erlebt habe. Endlose Wiederholungen, ermüdende und wundervolle. Autopilot und freier Fall, Zielgerade und Schlängelpfad. Jeden Tag gelebt. Gewünscht.

Gehofft. Ganz unausgemalt. Geliebtes Jahr.